Dr. Claudia Lücking-Michel, CDU-Bundestagsabgeordnete und ZdK-Vizepräsidentin

Alles anders, alles neu? „Das, was für mich den Katholikentag immer ausgemacht hat, dass man schon in der U-Bahn Leute mit Gitarre hat und an jeder Ecke Menschen, die singen, das wird in Leipzig schon anders sein“, sagt Claudia Lücking-Michel. „Aber vielleicht überrascht uns die Stadt ja auch.“ Jedenfalls kommt die CDU-Bundestagsabgeordnete und Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) voller Vorfreude, Neugier und Spannung nach Leipzig, wo Katholiken nur eine kleine Minderheit sind. „Ich bin ein Fan von Katholikentagen“, sagt die 54-Jährige. Noch dazu habe sie die Delegation, die seinerzeit in der ZdK-Vollversammlung Leipzig als Ort für den 100. Deutschen Katholikentag vorgestellt hat, gleich begeistert.

Aber, Hand auf’s Herz, braucht man denn heutzutage noch solche katholische Großveranstaltungen? „Unbedingt!“, sagt Lücking-Michel. Weil das „eine wunderbare Gelegenheit“ sei, das, „was Katholiken zur Gestaltung unserer Welt und Gesellschaft beizutragen haben, zu zeigen, auszuhandeln, zu diskutieren und abzuwägen“. Andere Religionen werden längst auf vielfältige Weise ins Programm eingebunden, aber eben nicht in die Trägerschaft. Und das ist richtig so, findet die Diplom-Theologin. „Es ist sehr wohl berechtigt, dass Christen hier und heute sagen: Das ist unseres und so präsentieren wir uns. Natürlich ohne die Mauern dichtzumachen.“

„Die Frage der Frauen in unserer Kirche ist nicht gelöst.“

Themen und Anliegen gibt es schließlich genug, auch innerkirchlich. Da ist viel im Aufbruch, aber es ist auch noch jede Menge zu tun, findet die stets sachorientierte Frau. Apropos Frau: „Die Frage der Frauen in unserer Kirche ist nicht gelöst“, benennt die ZdK-Vizepräsidentin eines der brennenden Themen. Es gebe zwar Signale, dass Verantwortliche etwas verbessern wollen. „Aber einen strukturellen Durchbruch haben wir nicht. Frauen sind in unserer Kirche nicht nur benachteiligt, sondern an vielen Stellen nach wie vor grundsätzlich ausgeschlossen. Sie haben keine Chance zur gleichberechtigten Teilhabe. Und das ist in einer Gesellschaft im Jahre 2016 unmöglicher als je zuvor – und wird auch von immer weniger Frauen akzeptiert“, betont Lücking-Michel. Das hat nicht nur etwas mit Gerechtigkeit zu tun: „Es ist eine Überlebensfrage für unsere Kirche. Wir werden die Frohe Botschaft nicht wirklich erfolgreich und überzeugend ins nächste Jahrzehnt transportieren können, wenn wir die Frauen weiterhin so behandeln.“

Doch es geht ihr nicht nur um die Frauen, sondern allgemein darum, dass die sogenannten Laien mehr Verantwortung in der Kirche bekommen. Nicht als Lückenbüßer, weil es nicht mehr genug Priester gibt. Sondern, weil es ursprünglich, in der Botschaft Jesu Christi, so gedacht war. Und weil die Kirche nur so existieren kann. „Wenn man alles auf die Machtstrukturen und auf die wenigen Priester zuschneidet, dann ist das viel zu wenig. Es wird nur mit der Grundhaltung gehen, dass wir kein Charisma, kein Talent und keine Berufung ungenutzt verstreichen lassen. Wir  brauchen jeden – und jede.“

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Lücking-Michel erhofft und erwartet hier auch noch mehr aus Rom: „Papst Franziskus ist absolut stark in großen Zeichen. Er muss jetzt aber auch manche Sachen strukturell und verbindlich regeln.“ Sie nehme wahr, dass seine Botschaft sei: „Ihr seid doch selbst verantwortlich, ihr lieben Mitbrüder im Bischofsamt – dann macht doch mal!“ Aber: „Dieser Ball wird noch nicht richtig aufgegriffen“, sagt Lücking-Michel. Papst Franziskus habe Freiräume geöffnet und Horizonte aufgezeigt – „und jetzt stehen alle davor, die sich noch nicht trauen, durch diese jahrzehntelang verschlossene Tür zu treten und in die unbekannte Welt da draußen zu gehen“.

Auch für die Frauen hofft Lücking-Michel auf Franziskus. Überrascht und sehr erfreut hat sie das Versprechen, das er erst kürzlich bei einer Audienz für Ordensoberinnen gegeben hat. Hier hatte er zugesagt, eine Kommission einzusetzen, die sich mit der Möglichkeit einer Diakonenweihe für Frauen auseinandersetzen soll.  „Das ist ein wunderbares Signal. Aber wir haben bereits Regalbretter voller theologischer Abhandlungen zu diesem Thema, jetzt sind auch bald Entscheidungen nötig. Entscheidungen, die zeigen, dass man ernsthaft an der Gleichstellung von Frauen interessiert ist und sie wirklich mit ihren Berufungen ernst nimmt“, sagt Lücking-Michel. „Das heißt für mich im Klartext: Gut, wenn die  Weihe von Frauen zur Diakonin endlich kommt. Es gibt keine zwingenden Gründe, dies weiter aufzuschieben! Allerdings  gibt es für mich – ehrlich gesagt – auch keine überzeugenden theologischen Argumente dagegen, das Priestertum der Frau nicht  auch einzuführen. Auf, jetzt! Worauf warten wir denn noch?“

Diese rhetorische Frage könnte Lücking-Michels Leitwort sein. Sie ist eine, die zupackt. Kein Wunder, dass ihr der Dialogprozess zwischen Bischöfen und Laien nicht weit genug ging. „Das war ein wichtiger erster Schritt – aber auch nicht mehr“, findet sie. Jetzt müsse alles Weitere vorangetrieben und kritisch begleitet werden, „damit Strukturen entstehen, die echte Beteiligung möglich machen“.

Die Flüchtlingskrise könnte hierfür – bei allem Furchtbaren, das damit verbunden sei – auch Chancen bieten. „Da erlebe ich in der Kirche ungeahnte und hochwillkommene Aufbrüche“, erzählt Lücking-Michel. Es stehe eine Aufgabe im Raum, der sich alle stellen müssen, „und wo plötzlich Kirchenleitung und Laien am gleichen Strick ziehen“. Viele Fragen stellten sich plötzlich nicht mehr, etwa nach geweiht/nicht-geweiht, nach der Beauftragung, Funktion oder Gehaltsstufe.

„Nein, da muss man einfach die Ärmel hochkrempeln und schaffen!“

Beim Thema Flüchtlinge kommt auch die Misereor-Frau und Expertin für Entwicklungszusammenarbeit in Lücking-Michel durch. Sieben Jahre lang hatte sie bei dem Aachener Hilfswerk die Abteilung für Bildungs- und Pastoralarbeit geleitet, bevor sie Generalsekretärin des Cusanuswerkes wurde. Jetzt schlage die Stunde der Entwicklungs- und der Außenpolitik, sagt sie. „Es geht um die Bekämpfung von Fluchtursachen. Noch besser, als Menschen hier gut aufzunehmen, ist, dafür zu sorgen, dass sie gar nicht erst aufbrechen müssen. Sondern dass sie zu Hause Lebensperspektiven haben, für sich und ihre Familien.“

Sie erinnert an das 0,7-Prozent-Ziel, demzufolge 0,7 Prozent vom Bruttoinlandseinkommen in die Entwicklungszusammenarbeit gesteckt werden sollten. Hinter diesem Ziel hinke man weit hinterher. „Wir haben zwar Entwicklungszusammenarbeit betrieben und sicher im Einzelnen auch viel Gutes bewegt, aber doch nicht wirklich Geld in die Hand genommen, um das große Rad zu bewegen.“

luecking_michel_03Dann wird Lücking-Michel noch deutlicher: „Wir haben uns immer davor gedrückt zu sehen: Es geht nicht darum, von unserem Überfluss ein bisschen in den Süden zu spenden. Es geht darum, hier unseren Lebensstil zu verändern, Politik zu verändern, unseren Ressourcenverbrauch anzupassen und letztlich zu teilen und Verzicht zu üben. Wir haben zuviel vom Kuchen genommen!“ Katholikentage wollen auch dafür das Bewusstsein schärfen.

Für Leipzig wünscht sich Lücking-Michel, „dass ein Zeichen in die Welt und in die bundesdeutsche Gesellschaft hinausgeht, dass wir etwas beizutragen haben für die großen Herausforderungen unserer Zeit.“ Und noch einen Wunsch hat sie: „Dass uns etwas einfällt, wie wir auf die Straße gehen können. Das dürfen wir nicht Legida und Pegida überlassen. Es sind nicht die Christen, die den Untergang des christlichen Abendlandes befürchten.“

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