Pater Bernd Hagenkord SJ, Leiter der deutschen Abteilung von Radio Vatikan

Wie wird der Katholikentag eigentlich im Vatikan wahrgenommen? Wer wüsste das besser als Pater Bernd Hagenkord. Seit 2009 leitet der Münsteraner Jesuit die deutsche Abteilung von Radio Vatikan. Über seine Arbeit unter zwei Päpsten und seine Erwartungen an den Leipziger Katholikentag erzählt er im Interview mit 100 Tage, 100 Menschen.

Pater Hagenkord, was weiß Papst Franziskus über den Katholikentag?
Bernd Hagenkord: Um das zu genau zu erfahren, müssten wir ihn wohl selber fragen. Aber ich denke, er wird nicht mehr wissen, als dass es ihn gibt. Diese Art von Großveranstaltung, die aus dem Laienkatholizismus erwachsen ist und auch mehrheitlich von den Laien getragen wird, ist außerhalb des deutschen Sprachraums wenig bekannt und wird dort auch kaum wahrgenommen, und außerhalb Europas schon gar nicht.

Hat ihm denn niemand über den letzten Katholikentag 2014 in Regensburg berichtet? Der fiel ja schon in sein Pontifikat…
Bernd Hagenkord: Ich vermute, dass beim Ad-Limina-Besuch der deutschen Bischöfe davon die Rede war. Der Katholikentag ist ja ein bedeutendes Ereignis für die Kirche in Deutschland. Da kommen alle wichtigen Leute zusammen, da werden die Themen aufgegriffen, die zu diesem Zeitpunkt in Kirche und Gesellschaft diskutiert werden. Auch andere Besucher aus Deutschland haben ihm vielleicht davon berichtet, aber Genaueres weiß ich da nicht.

Wie stark werden Katholikentage im Vatikan allgemein wahrgenommen?
Bernd Hagenkord: Die Deutschen im Vatikan diskutieren natürlich schon im Vorfeld über das Großereignis und verfolgen auch, soweit es ihnen möglich ist, das Geschehen vor Ort. Denn, wie gesagt, Katholikentage sind zentrale Ereignisse für die Kirche in Deutschland. Aber über diesen Zirkel geht das Interesse meist nicht hinaus.

In welcher Form wird Radio Vatikan darüber berichten?
Bernd Hagenkord: Wie jedes Mal sind werden wir mit einem Team von zwei Redakteuren vor Ort sein. Auf der Medienmeile haben wir auch einen gemeinsamen Stand mit dem Osservatore Romano. Was die Berichterstattung betrifft, sind wir vor allem beim Auftakt und beim Abschluss präsent. Darüber hinaus picken wir uns Themen heraus, die unsere Hörer interessieren könnten, und suchen uns spannende Gesprächspartner, von denen einem auf Katholikentagen ja ziemlich viele über den Weg laufen.

Der 100. Katholikentag findet ausgerechnet im stark säkularisierten Umfeld einer ostdeutschen Diözese statt. Was weiß man im Vatikan über das Leben der ostdeutschen Katholiken?
Bernd Hagenkord: Die spezielle Diasporasituation teilen die ostdeutschen Katholiken mit vielen Christen in Ländern des früheren Ostblocks, etwa in der Tschechischen Republik, in der Slowakei oder in Slowenien. Manches ist in Deutschland vielleicht ein wenig anders aufgrund der besonderen Geschichte, aber der Kahlschlag, den die kommunistischen Regime in der Glaubenslandschaft durchgeführt haben, ist doch in all diesen Ländern sehr ähnlich. Insofern gibt es eine Menge Leute im Vatikan, die wissen, unter welch erschwerten Bedingungen die Menschen dort ihren Glauben leben und welch mühsame Aufbauarbeit die Kirche vor Ort leisten muss.

Sie selbst werden im Mai nach Leipzig fahren. Welche Erwartungen haben Sie an das Großereignis?
Bernd Hagenkord: Als erstes interessiert mich natürlich, wie der Papst in Deutschland wahrgenommen wird. Man hört natürlich vieles auch hier in Rom. Aber es ist schon etwas anderes, wenn man in Leipzig mit einem ganz normalen Katholikentagsbesucher schnackt und von ihm erfährt, was er vom Papst so hört und wie er das alles einschätzt. Als zweites interessiert mich die Situation der Kirche in Leipzig. Auch wenn sich Kirche in Münster, im Rheinland oder in Bayern heute noch anders darstellt, sollten wir doch ganz genau in den deutschen Ostern schauen. Denn in 20 oder 30 Jahren wird das Christentum auch in den Hochburgen nicht mehr Mehrheitsreligion sein. Wie reagieren die Menschen auf diese Situation? Welche Rolle spielt das Christentum dort? Wie geht man mit der Frage nach Gott, nach dem Gebet um? Welche Probleme treiben die Menschen dort um, und wie reagieren wir als Christen darauf? Mit diesen Fragen müssen wir uns heute schon beschäftigen.

„In 20 oder 30 Jahren wird das Christentum auch in den Hochburgen nicht mehr Mehrheitsreligion sein.“

Sie leiten seit 2009 die deutschsprachige Redaktion von Radio Vatikan. Wie kam es dazu?
Bernd Hagenkord: Diese Frage habe ich mir, ehrlich gesagt, schon oft gestellt. Ich hatte nie das Ziel, nach Rom oder in Vatikan zu gehen. Dass es dazu gekommen ist, hängt mit der Tatsache zusammen, dass ich Jesuit bin. Seit der Gründung 1933 leitet der Jesuitenorden Radio Vatikan und besetzt folglich auch bestimmte Stellen traditionell mit Jesuiten, darunter die des Leiters der deutschen Abteilung. Als nun mein Vorgänger das Pensionsalter erreichte, machte sich der Orden auf die Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Und weil ich eine journalistische Vorprägung habe, fiel die Wahl auf mich. Ich dachte mir damals: Reden kannst du, die Technik kannst du lernen, und habe kurzerhand zugesagt. Und ich habe es nicht bereut.

Hat die Tatsache, dass Sie Jesuit sind, Auswirkungen auf Ihre Arbeit?
Bernd Hagenkord: Ich würde mir wünschen, dass man das an meiner journalistischen Arbeit, also am Produkt, nicht ablesen kann. Nur weil ich Jesuit bin, bin ich nicht besser, frommer oder intellektueller als meine Kollegen. Aber natürlich bestimmt die Tatsache, dass ich Ordensmann bin, meine Motivation. Ich arbeite nicht vorrangig, um Geld zu verdienen, sondern möchte der Kirche einen Dienst erweisen. Und nicht zuletzt hat es ganz praktische Konsequenzen. Denn als Ordensmann ohne Familie bin ich, was den Dienstplan angeht, flexibler als viele meiner Kollegen.

Welche Akzente konnten Sie in den vergangenen Jahren setzen?
Bernd Hagenkord: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Als tagesaktuell arbeitender Journalist ist man ja immer von der Aktualität getrieben und weiß oft schon am Abend nicht mehr, was man am Morgen gemacht hat. Ich würde sagen, dass mir drei Dinge besonders wichtig sind. Zum einen möchte ich das Geschehen in Kirche und Welt verstehbar machen. Ich möchte, dass die Menschen, die uns hören, sehen oder – um es mal neudeutsch zu sagen – usen, nachher in der Lage sind, sich ein eigenes Urteil über die Dinge zu bilden. Zum anderen ist mir der Teamgedanke sehr wichtig. Meine Mitarbeiter sind nicht meine Zuarbeiter, auch wenn man dann dummerweise immer mich im Fernsehen sieht. Zum dritten möchten wir von Radio Vatikan auch Ansprechpartner sein. Die Anzahl der Fachjournalisten, die aus Rom nach Deutschland berichten, nimmt ja nicht zu. Im Gegenteil: Korrespondentenstellen werden überall abgebaut. Da kann es nicht schaden, wenn eine Redaktion weiß, dass es da in Rom noch eine Anlaufstelle gibt, die weiterhelfen kann.

„Franziskus hält uns Journalisten viel mehr auf Trab, weil er sehr spontan ist. Manchmal erfahren wir um sechs Uhr abends, dass er um fünf Uhr irgendwo war.“

Wie stark hat der Pontifikatswechsel Ihre Arbeit beeinflusst?
Bernd Hagenkord: Sehr stark. Das betrifft zunächst einmal das Formale. Benedikt XVI. hat lange, komplexe geistliche Texte geschrieben. Sie zu lesen und zu verstehen hat lange gedauert, da mussten wir von Radio Vatikan auch einiges an Übersetzungsarbeit leisten. Bei Franziskus fällt diese Arbeit komplett weg. Seine Predigten und Ansprachen sind sehr viel kürzer und zumeist auch unmittelbar verständlich. Dafür hält er uns Journalisten viel mehr auf Trab, weil er sehr spontan ist. Manchmal erfahren wir um sechs Uhr abends, dass er um fünf Uhr irgendwo war. Darauf müssen wir reagieren. Am Anfang hat uns das ein wenig ins Stolpern gebracht, aber mittlerweile haben wir uns ganz gut darauf eingestellt. Auch inhaltlich hat sich die Arbeit verändert. Gerade in den deutschsprachigen Ländern wurde das Papsttum traditionell immer kritisch gesehen, und auch unter Benedikt XVI. gab es diese kritische Grundhaltung. Dagegen mussten wir bis zu einem gewissen Grad anschreiben. Das ist bei Papst Franziskus weggefallen. Den haben alle lieb, den finden alle toll. Inhaltlich, denke ich, liegen die beiden Päpste gar nicht so weit auseinander, aber die Wahrnehmung ist eben eine ganz andere, und damit auch unsere Arbeit.

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Pater Bernd Hagenkord bei der Arbeit auf dem Katholikentag in Mannheim.

Hat sich dadurch auch das generelle Bild von Kirche in den Medien gewandelt?
Bernd Hagenkord: Auf jeden Fall. Wenn man die Worte Jesu im Evangelium liest und sich dann den Vatikan ansieht, dann muss man einiges an Übersetzungsarbeit leisten, um das übereinander zu bringen. Bei Papst Franziskus ist das nicht so. Er wirkt auf die Leute so authentisch, wie das vor ihm nur dem Dalai Lama und Mutter Teresa gelungen ist. Und auch die Kirche, für die Franziskus steht, findet Zuspruch bei den Menschen. Eine barmherzige Kirche, die auf den Menschen zugeht, die sich Beulen holt und nicht zu sehr auf die Moral schielt. Dieses Kirchenbild muss jetzt weiterentwickelt werden, denn nur diese Kirche hat auch langfristig Zukunft.

Weil wir schon bei der Zukunft sind. Werden Sie noch lange in Rom bleiben?
Bernd Hagenkord: Ich habe keine Intention, bald wegzugehen, und hoffe, dass ich das spannende Geschehen hier in Rom noch ein paar Jahre lang begleiten kann. Aber letztlich liegt das nicht in meiner Hand, sondern in der meines Ordens. Und in der des Papstes, der die Medienlandschaft hier derzeit gründlich umgestaltet.

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