Manuel Herder, Verleger aus Freiburg

Wer in Deutschland an religiöse Bücher denkt, denkt sofort an Herder. Kardinal Reinhard Marx, Margot Käßmann, Anselm Grün – sie alle sind Autoren des in Freiburg ansässigen Verlags. Und natürlich Papst Franziskus. Über ihn und über die Stimmung auf Katholikentagen haben wir mit Verleger Manuel Herder gesprochen.

Herr Herder, beruflich und privat haben Sie regelmäßig mit Katholikentagen zu tun. Welche Assoziationen kommen Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie das Wort Katholikentag hören?
Manuel Herder: Meine erste Assoziation zu Katholikentagen – und übrigens auch zu Kirchentagen – ist: gute Laune. Ich bin immer wieder beeindruckt davon, wie fröhlich die Menschen dort sind, wie unverkrampft ich mit vielen ins Gespräch komme. Dieses Erlebnis hat man im normalen Geschäftsleben selten, weshalb ich mich jedes Mal wieder von neuem auf den Katholikentag freue.

Wie man aus einem Lesebuch zur bevorstehenden Großveranstaltung in Leipzig erfährt, haben Sie Ihren ersten Katholikentag 1978 in Freiburg erlebt. Obwohl Sie damals erst zwölf Jahre alt waren, haben Sie das Treffen in lebhafter Erinnerung. Warum?
Manuel Herder: Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht den Katholikentag selbst in Erinnerung, sondern die Tatsache, dass ich in diesem Zusammenhang Mutter Teresa kennenlernen durfte. Sie war zum Katholikentag nach Freiburg gekommen, und weil mein Vater damals schon eines ihrer Bücher verlegt hatte, kam es zu einem Treffen mit unserer Familie. Sie war genauso groß wie ich damals mit zwölf. Sie blickte mir tief in die Augen, und diesen Blick habe ich nie mehr vergessen. Ich habe zu diesem Treffen einen meiner Lieblingsteddybären mitgenommen, ihr diesen in die Hand gedrückt und in meinem besten Schulenglisch gesagt: „For the children in India“.

Inwiefern haben sich Katholikentage gewandelt in dem Zeitraum, den Sie überschauen?
Manuel Herder: Ich erlebe Katholikentage aktiv seit rund 15 Jahren und finde nicht, dass sich die Veranstaltung in dieser Zeit gewandelt hat. Im Gegenteil: Ich spüre da eine große Kontinuität, und das finde ich wohltuend.

Die Kirche aber scheint sich derzeit im Wandel zu befinden. Nach Jahren der Stagnation herrscht vielerorts Aufbruchsstimmung. Viele bringen das mit Papst Franziskus in Verbindung. Sie haben den Papst persönlich kennengelernt, Sie verlegen seine Texte in deutscher Sprache. Ist Franziskus wirklich ein Reformer?
Manuel Herder: Es kommt sehr darauf an, von welchem Standpunkt aus man das betrachtet. Franziskus spricht den Menschen aus dem Herzen, weil er oft genau das sagt, was auch der Stadtpfarrer zu Hause in seinen Predigten immer wieder anspricht. Viele Menschen nehmen bei Franziskus Wandel und Veränderung wahr, aber die Kernfrage, die er uns Christen stellt, lautet: Welchen Beitrag kann jeder Einzelne von uns für die Kirche von morgen leisten?

Was dürfen wir von Franziskus noch erwarten?
Manuel Herder: Ich glaube, wir dürfen von ihm noch viele sympathische Überraschungen erwarten.

Papstbücher verlegt der Herder-Verlag schon seit Jahrzehnten. Was hat sich in diesem Pontifikat verändert?
Manuel Herder: Wir verlegen Papstbücher seit 1866, und jeder Papst hatte seine Besonderheiten. Bei diesem Papst stehen wir, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, vor der Herausforderung, dass wir nicht auf deutsche Originaltexte zurückgreifen können. Seine früheren Bücher mussten wir bei argentinischen Verlagen einkaufen und dann übersetzen lassen, und seine jetzigen Texte liegen uns zunächst immer auf Italienisch vor und müssen ebenfalls erst übersetzt werden. Auch die Nachfrage ist eine andere: Im Gegensatz zu Benedikt XVI. wird Franziskus in der deutschen Öffentlichkeit weniger als Buchpapst wahrgenommen, sondern eher als Medienpapst.

Inwiefern sind Franziskus‘ Texte anders als die seiner unmittelbaren Vorgänger?
Manuel Herder: Jeder Autor hat seinen ganz eigenen Stil. Ich finde Franziskus‘ Texte sehr affirmativ, sehr direkt. Sie haben selten das Ziel einer sachlichen Auseinandersetzung mit einem Thema, sondern wechseln häufig das Genre. Mal sind sie narrativ, mal auffordernd, und mal geben sie gute Ratschläge. Diese Mischung macht seine Texte in meinen Augen sehr attraktiv und lesenswert.

Beide großen Kirchen schrumpfen seit Jahren. Welche Auswirkungen hat das auf den religiösen Buchmarkt?
Manuel Herder: In dem Maß, wie die Kirchen schrumpfen, sinkt auch der Kauf konfessionell gebundener Bücher. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass es in der Gesellschaft eine sehr starke Nachfrage nach Spiritualität und religiösen Fragen gibt. Eine Studie zur religiösen Kommunikation, die die Deutsche Bischofskonferenz bereits 1995 in Auftrag gegeben hat, spricht hier von einem „Öffnungsbereich“. Und dieser Bereich ist seitdem weiter gewachsen.

Liegt es daran, dass Herder sehr viel in den Segmenten Spiritualität und Geschenkbücher unterwegs ist?
Manuel Herder: Für uns ist Spiritualität eine der wichtigsten Fragen, mit denen sich Menschen beschäftigen. Viele unserer Bücher aus diesem Segment werden von Mönchen und Nonnen verfasst, weil wir erleben, dass sich das Publikum von diesen Autoren eine besondere Authentizität verspricht. Es geht um die Frage, wie Menschen ihr Leben über den Tag hinaus gestalten. Aber wir achten auch auf das große Gespräch der Weltreligionen und setzen uns mit diesen auseinander. Herder hat nicht nur eine eigene Bibel, sondern auch eine eigene Koran- und eine eigene Thora-Ausgabe im Programm, nicht nur christliche Theologen werden bei uns verlegt, sondern auch muslimische wie Mouhanad Khorchide und jüdische wie der Rabbiner Walter Homolka.

Wagen wir zum Schluss einen Blick in die Zukunft. Das Verlagshaus Herder ist ein traditionsreiches Familienunternehmen. Wie ist es um das Zukunftspotential bestellt? Manuel Herder: Wir haben derzeit sehr gute Laune. Wir haben in den letzten Jahren neben unserem Stammsitz in Freiburg ein großes und erfolgreiches Büro in München eröffnet, ein Büro in Berlin aufgebaut und wir unterhalten auch eine kleine Niederlassung in Rom, direkt am Petersplatz. Wir haben ein Verlagsprogramm, das offensichtlich von vielen Buchhändlern als wegweisend betrachtet wird und deswegen von fast allen Buchhandlungen im deutschsprachigen Raum geführt wird. Kurzum: Wir sehen der Zukunft mit einem fröhlichen Lachen entgegen.

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