Prälat Peter Neher, Präsident des Deutschen Caritasverbands

Seit 1978 ist Caritas-Präsident Peter Neher regelmäßig auf Katholikentagen zu Gast. Was ihm diese Veranstaltung bedeutet, was er sich vom Leipziger Katholikentag erhofft, und warum es ihn immer wieder zurück ins Allgäu zieht, erzählt er im Interview.

Der Katholikentag in Leipzig bringt Gläubige, Interessierte, Experten, Vereine und Verbände aus ganz Deutschland zusammen. Auch die Caritas ist dort mit einer eigenen Bühne und einem breiten Programm vertreten. Welche Bedeutung haben Katholikentage für die Caritas?
Peter Neher: Katholikentage sind eine Art Familientreffen, bei denen viele Menschen zusammenkommen, mit denen die Caritas auf vielfältige Weise in Kontakt ist und mit denen sie ins Gespräch kommen möchte. Seien es die Begegnungen rund um die Caritas-Bühne, im „Caritasdorf“ mitten in der Stadt oder auf der Eine-Welt-Bühne der kirchlichen Hilfswerke, bei der sich „Caritas international“ engagiert, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes. Wir treffen Menschen, die uns kennen und wir haben die Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen und diese uns. Katholikentage sind aber auch ein gutes Forum, um bei den kirchlichen und sozialpolitischen Debatten die Caritas-Perspektive einzubringen. Darüber hinaus ist es mir persönlich wichtig, auch den spirituellen Teil mitzugestalten. Dazu gehört dieses Jahr der Caritas-Gottesdienst für die beruflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden der Caritas in der Leipziger Propsteikirche mitten in der Stadt. Zusätzlich werde ich in einer Bibelarbeit eine biblische Stelle auslegen. Auf beides freue ich mich sehr.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Katholikentag erinnern?
Peter Neher: Mein erster Katholikentag war 1978 in Freiburg. Das war für mich als Theologiestudent ein einmaliges Erlebnis, denn ich konnte dort Mutter Teresa oder auch den jungen Kardinal Ratzinger persönlich erleben.

Welcher Katholikentag ist Ihnen aus der Vergangenheit besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Peter Neher: Das war zweifellos dieser Katholikentag in Freiburg. Das lag sicher auch an der herrlichen Atmosphäre dort, da die Veranstaltungen mitten in der Stadt stattfanden. Kirchlich habe ich diesen Katholikentag als einen Moment des Aufbruchs im nur 33 Tage währenden Pontifikat von Papst Johannes Paul I. erlebt. Da war eine große Hoffnung auf den neu gewählten Papst, der mit seinem Lächeln damals die Welt begeisterte.

Sie zelebrieren in Leipzig eine Messe zum Thema „Mach dich stark für Generationen-gerechtigkeit“. Handelt es sich hier um ein Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Peter Neher: „Mach dich stark für Generationengerechtigkeit“ ist das Thema unserer Caritas-Kampagne in diesem Jahr. Wir wollen zeigen, dass ein gerechtes Miteinander zwischen und innerhalb der Generationen eine unerlässliche Voraussetzung für ein gutes Leben für alle ist. Auch in der Eucharistiefeier soll dieses Thema deshalb einen Platz haben. Aber auch für mich persönlich ist es wichtig, die Wünsche, Anliegen und Erfahrungen von jungen und älteren Menschen zu kennen. Sei es im Beruf, wo sich die Talente von jüngeren und älteren Mitarbeitenden gut ergänzen können oder im Privatleben, wo es mir immer eine Freude ist, wenn mir meine Patenkinder oder Nichten und Neffen etwas aus ihrem Leben erzählen, das so ganz verschieden ist von meinem.

 

Welche Botschaft haben sie persönlich an die Teilnehmer des Katholikentags? Was würden Sie ihnen gerne mit auf den Weg geben?
Peter Neher: Wir leben alle in der Einen Welt: Mit dieser Welt gut umzugehen, die Kostbarkeit jedes Lebewesens zu achten, das dürfen wir nicht vergessen – auch und gerade angesichts der weltweiten Flüchtlingssituation, die wir auch in unserem Land deutlich zu spüren bekommen. Als Christen sind wir aufgefordert, die Liebe Gottes in unserem alltäglichen Handeln sichtbar zu machen. Sich daran immer wieder zu erinnern, das würde ich den Besuchern des Katholikentages gerne mitgeben.

Katholikentage machen es sich zur Aufgabe,  in die Gesellschaft hinein zu wirken, ein Auftrag, dem auch die Caritas nachgeht. Welche Impulse werden Sie sozial-  und gesellschaftspolitisch künftig setzen?
Peter Neher: Wie schon angesprochen, werden wir uns in diesem Jahr in besonderer Weise mit dem Thema der Generationengerechtigkeit beschäftigen. Dazu gehören ganz konkrete Fragen, zum Beispiel, wie die Sozialversicherungssysteme dauerhaft solide finanziert werden können oder auch, wie die Generationengerechtigkeit innerhalb der Generationen gestaltet werden muss. Uns beschäftigt aber auch die Frage, welche Perspektiven wir für Menschen finden, die dauerhaft arbeitslos sind und kaum mehr eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben. Oder wie es besser gelingt, dass alle Kinder gute Bildungschancen haben.

Sie sind jetzt in Ihrer dritten Amtszeit. Was motiviert Sie?
Peter Neher: Wie schon bisher, Menschen zu unterstützen, ihr Leben gut zu meistern und  dass sie dabei etwas von Gottes Menschenfreundlichkeit erahnen können.

Ein Wohlfahrtsverband möchte auch die politische Landschaft in den sozialen und menschenrechtlichen Themenfeldern mitgestalten. Wie schaffen Sie es, die Interessen der Caritas wirkungsvoll zu vertreten und die Gratwanderung zwischen Politik und Kirche zu meistern?
Peter Neher: Ich weiß nicht, ob es eine Gratwanderung ist. Das Verbindende zwischen Politik und Kirche ist, dass beide auf je eigene Weise ihren Beitrag leisten wollen, dass alle Menschen gut leben können und die Chance bekommen, ihre Talente zu verwirklichen. Die Caritas als Teil der Kirche will dazu einen Beitrag leisten. Die Politik arbeitet mit Gesetzen und den Stimmen der Wähler; die Kirche engagiert sich im Vertrauen und im Glauben auf einen liebenden Gott und versucht, der frohen Botschaft Hand und Fuß zu geben. Als Präsident der Caritas habe ich immer wieder die Möglichkeit, in Politik und Kirche die Anliegen und Erfahrungen aus unseren Einrichtungen und Dienste konkret einzubringen und an Lösungen mitzuarbeiten.

Auch 2016 treibt Sie das Thema Demografie noch sehr um. Beim Caritas-Kongress wollen Sie der Frage nachgehen, was es für uns bedeutet, wenn unsere Gesellschaft älter, bunter, vielfältiger wird. Was ist Ihre persönliche Antwort darauf?
Peter Neher: Mir persönlich ist es ein großes Anliegen, dass das Älterwerden unserer Gesellschaft den Anstrich des „Schrecklichen“ verliert. Dass viele Menschen alt werden, die meisten bei relativ guter Gesundheit, ist doch eine gute Entwicklung. Und dass viele Menschen in unser Land kommen, die anders aussehen, anders sprechen und einen anderen kulturellen und religiösen Hintergrund haben, ist eine Herausforderung, die auch viele Chancen bietet. Mich erfüllt die große Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement mit Freude und auch ein wenig mit Stolz. Auch wenn es noch viele Hürden zu bewältigen gilt, bin ich überzeugt: wir schaffen es, ein gutes Miteinander in einer älter, bunter und vielfältiger werdenden Gesellschaft zu organisieren.

„Mir persönlich ist es ein großes Anliegen, dass das Älterwerden unserer Gesellschaft den Anstrich des Schrecklichen verliert.“

In den 1970er Jahren haben Sie zuerst eine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen, haben sich dann aber dem Studium der katholischen Theologie und Pädagogik zugewandt. Was hat Sie dazu bewogen, diesen Weg einzuschlagen?
Peter Neher: Mir war relativ früh klar, dass der Beruf des Bankkaufmanns für mich auf Dauer nicht der Richtige ist. Persönliche Erlebnisse haben mich dann den Weg einschlagen lassen, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Aus voller Überzeugung kann ich heute dankbar sagen: es war die richtige Entscheidung.

Als Präsident des Deutschen Caritasverbandes kann es auch öfters etwas stressiger werden. Wie entspannen Sie und kommen zur Ruhe?
Peter Neher: Fahrrad fahren, wandern und Krimis lesen: dies alles sind wunderbare Mög-lichkeiten, abzuschalten. Seit kurzem habe ich eine Vespa. Ich genieße die Ausflüge mit meinem Roller in den Schwarzwald oder das Markgräfler Land.

Sie sind im Allgäu aufgewachsen, haben dort auch ihr Priesteramt ausgeübt. Sehnen Sie sich manchmal danach dem Stress zu entfliehen, und ins Allgäu zurückzukehren?
Peter Neher: Ich bin regelmäßig im Allgäu, um auszuspannen und um Freunde und meine Geschwister zu treffen. Beides gehört zu mir: die Herausforderungen meiner Tätigkeit nicht nur in Berlin und in Freiburg, sondern im ganzen Land und weltweit und die Berge im Allgäu; das ist etwas Besonderes. Ich versuche immer dort zu leben, wo ich gerade bin!

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Foto: © Anke Jacob/DCV

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