Prälat Dr. Klaus Krämer, Präsident des Aachener Hilfswerkes missio

An seinen ersten Katholikentag erinnert sich Prälat Klaus Krämer noch sehr gut. „Das war 1980 in Berlin.“ Krämer war damals noch Schüler, aber schon sehr an theologischen Fragen interessiert. „Ich habe da die großen Theologen erstmals live erlebt, Karl Rahner, Walter Kasper, Joseph Ratzinger. Auch Mutter Teresa war da. Das war schon etwas ganz Besonderes“, erzählt der Geistliche mit noch immer vor Begeisterung strahlenden Augen. Und dann war da noch die Stadt, in zwei Hälften getrennt durch eine kilometerlange Mauer. Erstmals stand der 16-jährige Stuttgarter vor dem Symbol der deutschen Teilung. „Das war ein bewegender Moment.“ Ein paar seiner Mitschüler allerdings hatten weniger Respekt und schwangen sich kurzerhand auf den „antifaschistischen Schutzwall“ – sehr zum Leidwesen der wachhabenden Volkspolizisten.

Katholikentage hat Krämer in den Folgejahren immer wieder besucht, vor allem natürlich, seit er 2008 zum Präsidenten des Päpstlichen Missionswerks missio in Aachen ernannt wurde. „Für mich sind das große Feste der Begegnung“, sagt er. So viel wie möglich hält er sich draußen auf, auf den Straßen und Meilen, weil er dort die meisten Menschen trifft. Oft wird er auch angesprochen, von Spendern etwa oder von jungen Leuten, denen er von ein paar Jahren das Sakrament der Firmung gespendet hat.

kraemer_02Aber natürlich sind Katholikentage für missio auch Pflichttermine. „Wir zeigen da Präsenz, wir stellen unsere Arbeit vor und bringen unsere Themen in den Diskurs ein“, beschreibt es Prälat Krämer. Ob Meditationen oder Mitmach-Angebote, Gottesdienste, Werkstätten oder große Podien – missio-Vertreter sind an einer Vielzahl von Veranstaltungen  beteiligt. „So erfahren unsere Unterstützer mehr über unsere Arbeit, und wir gewinnen hoffentlich neue.“ Auch geschichtlich betrachtet, betont Krämer, hat missio einen festen Platz auf dem Katholikentag. „Unser Werk wurde ja von einem Laien gegründet. Wie die Katholikentage ist es eine Frucht des aktiven Laienkatholizismus im 19. Jahrhundert.“

Krämer selbst wird in Leipzig eine Messe zelebrieren und mitdiskutieren beim großen Podium zum Thema „Mörderpreise und Hungerlöhne. Ich kaufe, was ich gut finde!“. Gemeinsam mit einer Kongolesin will er die Zuhörer für das Thema Coltan sensibilisieren. Die seltene Erde ist unverzichtbarer Bestandteil unserer Handys, doch mit dem Abbau wird im Kongo auch der Bürgerkrieg finanziert. „Wir sind im Alltag viel stärker mit globalen Konflikten verwoben, als wir denken“, resümiert der missio-Präsident. Deshalb nutzt er Veranstaltungen wie den Katholikentag, um die Zuhörer genau darauf aufmerksam zu machen und sie einzuladen, ihr Kaufverhalten zu überdenken. Deshalb ist es Krämer auch wichtig, dass es bei den Podien zu einem Austausch mit dem Publikum kommt und sich die Diskussion nicht auf die Teilnehmer beschränkt.

 

Er selbst beschäftigt sich schon vielen Jahren mit weltkirchlichen Fragen. Von 1994 bis 1997 war er Sekretär von Walter Kasper, der damals nicht nur Bischof von Rottenburg-Stuttgart war, sondern auch Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. Von 1999 an leitete er für fast zehn Jahre die Hauptabteilung Weltkirche im Bischöflichen Ordinariat Rottenburg. Schon damals war er viel im Ausland unterwegs und lernte Gemeinden in aller Welt kennen – Kontakte, die ihm bis heute nützlich sind als Präsident von missio sowie, seit 2010, auch des Kindermissionswerks Die Sternsinger.

Die weltkirchliche Arbeit ist für Krämer eine zentrale kirchliche Aufgabe. Katholisch, betont er, bedeute schließlich allumfassend. Für missio steht dabei der seelsorgliche Aspekt im Mittelpunkt. Mit seinen Projekten unterstützt das Hilfswerk die pastorale der Arbeit Kirchen in Afrika und Asien, wobei der Begriff Pastoral umfassend zu verstehen ist. „Dazu gehört auch die Flüchtlingsarbeit, die Gefangenenseelsorge und die Betreuung AIDS-Kranker.“ Dass missio das Reizwort „Mission“ im Namen trägt, empfindet der Präsident als Herausforderung. „Mission ist ein Grundauftrag aller Christen“, erklärt er. Dabei allerdings gehe es nicht um Zwangsbekehrung, sondern darum, Zeugnis für den Glauben abzulegen.

Und noch etwas ist Krämer wichtig. „Mission wurde viel zu lange als Einbahnstraße von Europa auf andere Kontinente verstanden.“ Aber das sei falsch. „Mit unserer Arbeit unterstützen wir die Kirchen vor Ort, dass sie ihrerseits ihrem Missionsauftrag nachkommen können.“ Auch könnten wir hier in Deutschland von den anderen Ortskirchen lernen, etwa vom Konzept der Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Bei den Projektpartnern von missio in Afrika und Asien werden mit diesem Begriff dezentrale Substrukturen großer Pfarreien bezeichnet, in denen sich die Gemeindemitglieder in ihrem sozialen Nahraum regelmäßig treffen. „In Zeiten immer größer werdender Pfarreien kann das auch in Deutschland ein Weg sein, den Glauben vor Ort lebendig zu halten“, ist Krämer überzeugt.

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Auch das Thema Flüchtlinge wird missio in Zukunft weiter beschäftigen. Lange schon, bevor die Flüchtlingskrise nach Europa geschwappt ist, hat sich das Hilfswerk des Themas angenommen. „Das werden wir in nächster Zeit noch verstärken“, betont der Präsident. Im Mittelpunkt soll dabei die Bekämpfung der Fluchtursachen stehen. „Hier in Europa bekommen wir ja nur die Spitze des Eisbergs zu sehen. Die meisten Flüchtlinge bleiben im eigenen Land oder fliehen in die unmittelbaren Nachbarländer. Dort ist die Not noch viel größer.“ Außerdem will „missio“ Formate und Angebote für Gemeinden entwickeln, die sie bei der Flüchtlingsarbeit unterstützen.

Auch das wird natürlich ein Thema beim Katholikentag sein – und der Papst. Auf einem Podium mit dem Titel „Papst Franziskus, Prophet einer missionarischen Kirche bei den Armen“ wird Klaus Krämer unter anderem mit Bischöfen aus Nigeria und El Salvador diskutieren. Im Gespräch mit 100tage100menschen.de outet sich der Geistliche als Papst-Fan. „Mit seiner spontanen, authentischen Art hat Franziskus das Papstamt völlig neu definiert. Dahinter kann kein Nachfolger mehr zurück.“ Für die Zukunft wünscht sich Krämer, dass der Papst die begonnen Reformprojekte auch zu Ende bringt, jedenfalls so weit, dass sie nachhaltig für die Kirche werden. „Ich weiß, dass da dicke Bretter zu bohren sind. Aber ich hoffe, dass er so lange bohrt, bis Ergebnisse zu sehen sind, die auch einen Nachfolger binden.“

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Foto: © missio /B. Tiburzy

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