Lioba Speer, Programmreferentin für Katholikentage beim ZdK in Bonn

1980 war Lioba Speer Schülerin an einem Bensberger Gymnasium. Sie und ein paar Mitschüler überredeten den Religionslehrer, mit ihnen zum Katholikentag ins geteilte Berlin zu fahren. Mit dem Bus fuhren sie einmal quer durchs Land, passierten die innerdeutsche Grenze. Lioba Speer erinnert sich an die Schikanen der DDR-Grenzer. Aber vor allem ist ihr der 86. Deutsche Katholikentag noch in lebhafter Erinnerung. Sie übernachtete mit Schlafsack und Luftmatratze in einer Turnhalle, sog die Atmosphäre ein – und traf Mutter Teresa. „Das war eine beeindruckende Begegnung“, sagt Speer.

Damals wäre sie nicht auf die Idee gekommen, dass sie 36 Jahre später ein Profi in Sachen Katholikentage sein würde. Lioba Speer ist heute Programmreferentin für Katholikentage und Großveranstaltungen beim ZdK. Der Katholikentag in Leipzig ist der achte, Ökumenische Kirchentage ausgenommen, den sie mit vorbereitet. 1992 begann sie die Arbeit, die sie bis heute macht. Es war ausgerechnet der Katholikentag in Dresden, der erste im wiedervereinten Deutschland, der erste im Osten, bei dem sie erstmals die Programmabteilung leitete. „Ich war im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen gut auf den Osten vorbereitet“, erklärt sie. „In der Zeit unmittelbar nach der Wende habe ich in Magdeburg für ein kirchliches Hilfswerk gearbeitet. Als Wessi musste ich erst einmal beweisen, dass ich nicht alles besser weiß. Ich musste Vertrauen aufbauen.“

Und nun steht wieder ein Katholikentag im Osten an. Das Leipzig von heute ist überhaupt nicht mit dem Dresden von damals zu vergleichen. Statt abgewickelter Betriebe, trister Straßenzüge und Menschen, die tief von der jahrzehntelangen SED-Diktatur geprägt waren, präsentiert sich Leipzig heute als moderner, stilvoll restaurierter Anziehungspunkt für Kulturliebhaber und Touristen. „Wie sich das Land verändert, verändern sich auch die Katholikentage“, sagt die erfahrene Referentin.

Vor zwei Jahren begannen die Planungen für den Jubiläumskatholikentag. Lioba Speer hat zusammen mit dem Gastgeber-Bistum und der Leitung des Katholikentags Arbeitsbereiche festgelegt. Ökumene, Kultur, Frauen und Männer sowie der biblisch-geistliche Themenbereich gehören dazu. Unter einem Vorsitzenden bilden sich Gruppen, die zunächst zusammenwachsen müssen. „Meine Aufgabe ist auch, diese Gruppen zu begleiten. Die Leute sind ganz unterschiedlich und längst nicht alle erfahrene Kirchenfunktionäre. Ich motiviere sie. Das macht meine Arbeit spannend. Jedes Mal habe ich es mit anderen Menschen und Themen zu tun. Wäre das nicht so, säße ich wohl nicht mehr hier.“

„Ich motiviere die Menschen. Das macht meine Arbeit spannend. Jedes Mal habe ich es mit anderen Menschen und Themen zu tun.“

Das Programmheft 2016 hat gut 600 Seiten. Lioba Speer war und ist an 700 Veranstaltungen beteiligt. Das dicke Buch liegt seit Februar vor, was aber nicht heißt, dass Lioba Speer und ihre Kollegen seitdem die Hände in den Schoß legen. Podiumsdiskussionen, Ausstellungen und Vorträge müssen bis zum Beginn der Veranstaltung begleitet werden. Es kann leicht passieren, dass Gäste oder Diskussionsleiter absagen, dann braucht es einen Plan B. Und immer wieder passieren unvorhersehbare Dinge. „Ich weiß noch, 2010 beim ersten Ökumenischen Kirchentag in München. Da kochte kurz vorher der Missbrauchsskandal hoch und wir mussten auf die Schnelle noch drei Großveranstaltungen zum Thema herzaubern“, sagt Lioba Speer. Für solche Fälle gibt es die „weißen Flecken“ im Programm. Lücken, die kurzfristig und blitzaktuell gefüllt werden können.

„Es ist ein riesiger Aufwand, einen Katholikentag vorzubereiten. Aber wenn es mir zu viel wird, sage ich mir: du machst das alles nicht nur für die fünf Tage, sondern für 30.000 Menschen. Das hilft.“ Und dann gibt es da noch die Höhepunkte, die Dinge, die ihr in besonderer Erinnerung geblieben sind. „Ich bin stolz auf die St. Ansgar-Pilgerkirche“, sagt Speer. Dieses Lieblingsprojekt vom Hamburger Katholikentag im Jahr 2000 ersteht vor ihrem inneren Auge, als sie davon erzählt. „Mit dem Künstler Bernhard Kremser und dem Arbeitskreis ‚Liturgie‘ haben wir eine Messehalle zum Gottesdienstraum umgestaltet. Das war eine riesige Halle, in der vorher eine Bootsausstellung gezeigt wurde.“ Sie steht auf und holt Fotos. In der Tat: Das ist einzigartig. Die Weite des Raums und die dennoch festlich-sakrale Atmosphäre übertragen sich sogar über die Bilder. „Wir haben damals für die Finanzierung der Pilgerkirche gekämpft“, stellt Speer zufrieden fest.

„Seht, da ist der Mensch“ heißt das diesjährige Leitwort. „Das ist das Ergebnis eines langen Prozesses“, sagt die Referentin. „Leipzig ist der 100. Katholikentag: Zeit, zurückzuschauen. Der Mensch ist das Kontinuum aller Katholikentage. Die Katholikentage haben sich immer verändert, so wie sich auch die Kirche verändert. Themen, die 1994 nur am Rande hereinragten, sind heute selbstverständlich Teil des Programms.“ Lioba Speer spricht von der Initiative „Kirche von unten“, deren Anliegen heute von einer Mehrheit geteilt werden. „Aber um den Menschen ging es immer. Er ist das verbindende Element seit 1848.“

Text und Porträtfoto Lioba Speer sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.
Fotos St. Ansgar-Pilgerkirche: © Markus Kremser (nicht zur Veröffentlichung freigegeben)

2 Kommentare

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  1. Klose, Wolfgang

    Sehr gut Lioba, und wo fing alles an… 1980 Berlin!

  2. Cornelia Wöhl

    Kleine Korrektur: „1992 (nicht 1994) begann sie die Arbeit, die sie bis heute macht.“ Denn da liefen bereits die Vorbereitungen für den 92. Deutschen Katholikentag in Dresden.