Dr. Ahmad Milad Karimi, Islamwissenschaftler aus Münster

„Jeder Mensch hat Fluchterfahrung.“ Aber den meisten dürfte nicht bewusst sein, was Professor Ahmad Milad Karimi da sagt. Karimi selbst ist im Teenageralter mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Heute hat er – ganz bewusst – die deutsche Staatsbürgerschaft und ist in beiden Welten zu Hause. Oder eher in mehreren.

Wenn man es sich einfach machen möchte, könnte man sagen: Karimi ist einer der profiliertesten Islamwissenschaftler Europas. Oder: einer der prominentesten Köpfe der intellektuellen und gesellschaftspolitischen Diskussion über den und mit dem Islam. Wer es genauer haben will, zählt auf: der 37-Jährige ist Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler, er ist Stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität zu Münster (ZIT), er ist aber auch Dichter, Verleger, Mystiker, Übersetzer des Koran, Zeitschriftenherausgeber, Vater und vieles mehr.

Warum nun hat jeder Fluchterfahrung? Weil jeder Mensch vor etwas flieht im Laufe seines Lebens: vor oder aus Beziehungen, aus Strukturen und Umständen, die nicht oder nicht mehr stimmig sind für das eigene Leben, vor Problemen, Schmerzen, Ängsten und Not, vor sich selbst. Das kann man zwar nicht direkt vergleichen mit der meist lebensgefährlichen und traumatischen Flucht, welche die meisten der jetzt zu uns kommenden Kriegs-, Terror-, Unterdrückungs- und Armutsflüchtlinge hinter sich haben. Aber es könnte einen Gedankenanstoß geben, sich selbst zu hinterfragen – und ebenso die eigene Sicht auf Menschen auf der Flucht. Und Gedankenanstöße gibt Karimi leidenschaftlich gern.

Menschlichkeit lässt sich nicht quantifizieren

Ihn wundert es nicht, dass die rauschhafte Begeisterung für Willkommenskultur, die Teile der Bevölkerung erfasst hatte, derzeit wieder abflaut, sich stellenweise schon fast aufgelöst oder in der medialen Debatte sogar umgekehrt hat. Aber auch hier bürstet er gegen den Strich: „Was müssen wir hier in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren gemacht haben, dass so viele Menschen zu uns kommen wollen?“ Nur wenige Jahrzehnte nach dem Holocaust ist Deutschland zum beliebtesten Zufluchtsland geworden.

„Jeder Deutsche sollte sich klarmachen: Darauf können wir stolz sein.“

Der Intellektuelle warnt davor, mit Obergrenzen und anderen Entscheidungen zu taktieren. „Wir tun Europa keinen Gefallen, wenn wir Menschen erster und zweiter Klasse haben“, sagt er. „So lange wir so denken, haben wir kein wirkliches Asylrecht.“ Und: „Was wäre das denn für eine Welt?“ Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit lassen sich nicht quantifizieren.

Der Theologe legt den Finger in die Wunden: „Man muss auch daran denken, wer die Waffen produziert. Und man muss fragen: Kann bei uns Frieden sein, wenn woanders Krieg ist?“ Religionen können heilsam sein, ist Karimi überzeugt. Ob Islam, Christentum, Judentum oder andere Religionen – ihre Kraft und Lehre können wichtige Beiträge leisten zur gesellschaftlichen Debatte beziehungsweise zur Lösung gesellschaftlich drängender Fragen. Wichtig ist dabei auch der Dialog der Religionen, betont der Wissenschaftler. Großereignisse wie der Deutsche Katholikentag könnten dafür ein gutes Podium sein und wichtige Impulse geben. Doch noch wichtiger findet er, dass „wir die Diskussionen auch im regionalen Rahmen führen“.

Milad Karimi macht sich keine Illusionen: „Wer braucht heute noch Religionen?“, stellt er eine Kernfrage. Für Religionen gehe es heute darum, den Mehrwert deutlich zu machen, den sie für menschliches Leben und für die (Mit-)Gestaltung der Welt bieten können. „Religion ist nicht nur etwas für die Schwachen, Alten, Kranken oder Vertriebenen“, sagt Karimi. Stattdessen hat sie viel zu beizutragen. Dazu gehört aber auch unabdingbar, „dass wir unsere Verantwortung annehmen“.

Austausch zwischen Kirche und Kulturen

Was erhofft er sich in dieser Hinsicht vom 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig, bei dem er selbst als Podiumsredner auftreten wird? „Gerade bei diesem besonderen Katholikentag erwarte ich als Muslim, klare Positionen und Perspektiven zu sehen“, sagt Karimi. Er hoffe, dass wir die Öffnung für das Leben, „die mit diesem außergewöhnlichen Papst gekommen ist, auch an der Basis spüren“. Viele Katholiken seien weiter, täten und gäben mehr als manche andere Menschen, auch als viele Muslime. Er sei optimistisch, dass die positive Art und die frohe Botschaft, die diese Christen verkörpern, viel bewegen könne.

„Dem Katholikentag wünsche ich, dass es ihm gelingt, noch weitere 100 Jahre die Gesellschaft mitzugestalten“, sagt Karimi. Auch die Bindung zwischen Basis und Kirchenleitung sowie der Austausch zwischen Kirche und Kulturen solle weiterhin gelingen. Er selbst lebt seinen Glauben im Alltag – das ist für ihn als Muslim, der in Deutschland lebt und Verantwortung übernimmt, selbstverständlich. „Ich bin im Glauben fest und fühle mich frei“, sagt Milad Karimi. Und dann zitiert er eine Stelle aus dem Koran: „Das Gedenken Gottes schenkt dem Herzen Ruhe. – Und das tut es bei mir.“

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