Rafael Ledschbor aus Ralbitz, Koordinator für die Sorben auf dem Katholikentag und Redakteur von „Katolski Posoł“

Unser Gespräch wird von einem Telefonanruf unterbrochen. Binnen eines Wimpernschlages verstehe ich nur noch ein Wort von dem, was Rafael Ledschbor sagt. Und das ist „Interview“. Alles andere klingt wie Polnisch für mich. Oder doch eher wie Tschechisch? So schnell Ledschbor in die mir fremde Sprache gewechselt hat, so schnell wechselt er nach dem Auflegen wieder zurück ins Deutsche, das er mit diesem sympathischen, nach einem geradlinigen und zupackenden Menschen klingenden Zungenschlag der Region rund um Bautzen spricht.
Ledschbor klingt aber nicht nur so. Er ist auch so. Der Journalist aus Ralbitz scheint drei Leben gleichzeitig zu führen, mindestens. Im Hauptberuf arbeitet er als Redakteur der sorbischen Kirchenzeitung „Katolski Posoł“, was übersetzt „Katholischer Bote“ bedeutet. Und ein Bote – oder besser ein Botschafter – ist Ledschbor auch sonst: für die sorbische Identität, für sorbische Kultur, sorbische Lebens- und Glaubensart. So wundert es einen nicht, dass der 50-Jährige auch die sorbische Präsenz auf dem 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig koordiniert. Das geschieht im Auftrag des Cyrill-Methodius-Vereins e.V., des Vereins der katholischen Sorben.

Kopf und Herz im Einklang

Die Sorben – was sind das denn für Leute? Wenn man das Lexikon fragt, klingt das so: „Ein westslawisches Volk, das in der Ober- und Niederlausitz in Sachsen und Brandenburg lebt und in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt ist; in aller Regel deutsche Staatsangehörige.“ Und wenn man Rafael Ledschbor fragt, dann klingt das so: „Es gibt Menschen, die eher verkopft sind. Und es gibt die, die eher verherzt sind. Bei uns fließt das ineinander.“

Sorben, die ihr Brauchtum pflegen, haben im besten Sinne ihre Eigenarten: Traditionelle Tracht, das in ganz Deutschland berühmte Osterreiten, die Bemalung von Ostereiern nach alten Mustern, den Brauch der Vogelhochzeit, gepflegte Kirchen, Kapellen, Weg- und Friedhofskreuze. Das ist der bekannte, der oft oberflächlich betrachtete Teil gelebter Volksfrömmigkeit. Und wenn man tiefer guckt, dann erkennt man das aus heutiger Sicht (wieder) Avantgardistische der Sorben: die eigenen Wurzeln kennen und bewahren und dabei offen sein und bleiben für das, was die Zeit mit sich bringt. Nicht alle sorbischen Kinder wachsen mehr wie selbstverständlich zweisprachig auf. Und natürlich kennen auch die Sorben den Schwund unter ihren Gläubigen. Aber die Zahl der Gottesdienstbesucher spricht für sich: „In unseren sieben Gemeinden kommen 39,5 Prozent zum Gottesdienst“, sagt Ledschbor und bemüht sich dabei, dass die Freude nicht die ihm eigene und wichtige Bescheidenheit in ein falsches Licht rutschen lässt. Im Bundesdurchschnitt sind es nämlich nur knapp zehn Prozent.

Rafael Ledschbor

Den Sorben sind ihr Glaube und ihre Gemeinschaft wichtig. Die Veränderungen bei den Zahlen will Ledschbor nicht negativ sehen. „Wer sich bei uns zum Glauben bekennt, bekennt sich bewusst dazu. Und die Zahl steigt“, erklärt der studierte Philosoph und Theologe. „Das sehe ich auch bei den Jugendlichen.“ Frühere Generationen nahmen den Glauben selbstverständlicher, hinterfragten ihn nicht – heute setzen sich die Gläubigen damt auseinander und entscheiden sich bewusst dafür.

Ein bunter Farbtupfer

Den Katholikentag als großes Glaubenstreffen schätzt Ledschbor, weil „es immer wieder wichtig ist, dass wir uns als Glaubende untereinander bestärken“. Und außerdem bietet der Katholikentag die Möglichkeit, „die ganze Bandbreite der katholischen Kirche und der Welt darüber hinaus mal zu erahnen“.

Den großen Knallerauftritt beim Katholikentag zu suchen, würde nicht zum sorbischen Kosmos passen. „Wir wollen ein Farbtupfer sein“, sagt Rafael Ledschbor. In Leipzig werden die Sorben am Eröffnungstag beim „Abend der Begegnung“ mit einer eigenen Bühne präsent sein. Außerdem sind sie auf der Kirchenmeile zu finden und haben ihren festen Platz in der Katholikentagsliturgie, etwa beim Abschlussgottesdienst am Sonntag. Übrigens kann man sich das „Gebet für den Katholikentag“ im Internet auf Sorbisch herunterladen; es liegt außerdem in gedruckter Form aus.

Was macht es nun aus, ein sorbischer Christ zu sein? Einen Moment wirkt es, als ob Ledschbor die Frage irritiert. „Zuerst bin ich ja mal Christ“, sagt er. Vielleicht ist es aber diese starke Gemeinschaft und das ausgeprägte Bewusstsein für die eigene Identität, die man hier nennen könnte. Die liegen auch in der Geschichte als Minderheit begründet: erst als relativ kleines Volk, das schon im Mittelalter oft unterdrückt wurde, als Slawen unter Deutschen, zuletzt als slawischstämmige und dazu noch christliche Minderheit in der damaligen DDR und heute als überzeugte Christen, die ihren Glauben in einer zunehmend säkularen gesamtdeutschen Gesellschaft leben.

Tief verwurzelt im Glauben

Und dann ist da noch das, was Ledschbor sich von der Kirche insgesamt wünscht: dass es zum Selbstverständnis gehört, glaubwürdig zu sein. Dazu gehört für Ledschbor auch, niemandem seinen Glauben aufzuzwingen, aber offen und neugierig über den Glauben zu sprechen, „am liebsten mit Menschen, die glauben, dass sie nichts glauben“, wie er sagt. „Nichts ist schlimmer als einer, der glaubt, alles zu wissen.“ Vor einiger Zeit hat ihn die Begegnung mit vier jungen muslimischen Flüchtlingen beeindruckt, mit denen er bei sich zu Hause über Religion und vieles mehr sprach. „Und plötzlich hat einer von ihnen gesagt: ,I will pray‘ und ist zum Beten nach nebenan in die Küche gegangen. Wer macht das von uns, wenn er bei jemandem zu Besuch ist?“

Ihm wäre es zuzutrauen. Denn Rafael Ledschbor ist so tief verwurzelt in seiner Religion, dass er mit aller Überzeugung sagt: „Ein Leben ohne den Glauben kann ich mir nicht vorstellen!“ Vielleicht auch deshalb, weil ihn dieser Glaube durch sein ganzes Leben trägt. Jahrelang kümmerte sich Ledschbor, der ursprünglich mal Priester werden wollte, wegen einer schweren Erkrankung seiner Frau fast allein um seine drei mittlerweile erwachsenen Kinder. Und hier sind wir wieder am Anfang: Der Anrufer, der uns unterbrach, war sein ältester Sohn. Die Worte habe ich nicht verstanden, aber die Liebe und das Vertrauen zwischen den beiden waren deutlich hörbar. Das ist Rafael Ledschbors „drittes“ Leben. Und am Ende ist das alles doch „nur“ eins.

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