Ingo Schulze, Autor aus Berlin

Die Meinung von Ingo Schulze ist gefragt, wenn es um Rassismus und Demokratieverlust, um die deutsche Vor- und Nachwendezeit geht. In seinen Romanen und Essays, Artikeln und Interviews hat der gebürtige und vielfach preisgekrönte Dresdner sich immer wieder als politischer Autor gezeigt. Beim Katholikentag werden zwar auch diese Themen eine wichtige Rolle spielen. Schulze aber kommt, um mit seinem Kollegen Frank Witzel über ihre unterschiedlichen Auffassungen vom Glauben zu sprechen.

Der britische Autor Julian Barnes hat sein Verhältnis zu Gott folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“ Wie ist das bei Ihnen?
Ingo Schulze: Ich glaube nicht an einen Gott und vermisse ihn auch nicht. Als ich mit etwa 17 Jahren meinen Glauben verlor, empfand ich das schon als einen schweren Verlust, wer gibt schon freiwillig sein ewiges Leben her. Was ich mir dafür eintauschte, war die Freiheit, nichts mehr a priori verteidigen oder rechtfertigen oder gut finden zu müssen. Selbstverständlich wäre es wunderbar, wenn es jemanden gäbe, der immer dann eingreift, wenn etwas unerträglich wird oder grausam und Mensch wie Naturgewalt freundlich stimmt. Aber das erwarte ich nicht. Deshalb macht mich jede Freundlichkeit, die in keiner Rechnung auftaucht (sei diese geistig oder materiell), froh. Und umgekehrt.

Wie haben Sie, wie Sie sagen, Ihren Glauben verloren?
Ingo Schulze: Es war eine Frage, die mich schon vorher beschäftigt hatte, dass ich, wenn ich an einem anderen Ort der Welt geboren worden wäre, wahrscheinlich einem anderen Glauben anhängen würde und da nie heraus käme, wenn ich mich immer so verhielte, wie es der jeweilige Glauben fordert. Ich wollte von mir aus eine Entscheidung fällen.

„Das ist ja doch ein Publikum, wie man es als Autor sehr selten hat. “

Was hat Sie daran gereizt, auf dem Katholikentag an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen?
Ingo Schulze: Ich habe mich über die Einladung gefreut. Das ist ja doch ein Publikum, wie man es als Autor sehr selten hat. Und ich hoffe, wir werden miteinander ins Gespräch kommen. Auch wenn ich selbst nicht an einen Gott glauben kann, weiß ich doch, wie viel so ein Glaube anderen bedeutet und wie viel Kraft und Halt sie darin finden. Was mich beispielsweise interessieren würde wäre die Frage, wie man aus katholischer Sicht das Verhältnis zur Aufklärung und Reformation sieht, deren Fehlen ja (zu Recht oder zu Unrecht) dem Islam vorgeworfen wird. Aus meiner Sicht, müsste ein laizistischer Staat auch im Interesse der Kirchen sein. Unter einem Aspekt ist die Einladung natürlich mit anderen vergleichbar: So ein „Auftritt“ trägt auch zu meinem und unserem Lebensunterhalt bei.

Sie werden dort mit Frank Witzel diskutieren, mit dem Sie sich auch schon zum einem Gespräch über 25 Jahre Deutsche Einheit trafen. Witzel ist in einer sehr katholischen Familie aufgewachsen. Er war Messdiener und hat intensiv am Gemeindeleben teilgenommen. Was ist Ihre Frage an ihn?
Ingo Schulze: Wir sind Freunde, und darüber hinaus ist er auch ein bewunderter Kollege. Mich interessiert alles, was er sagt oder macht. Aber so grundsätzlich – oder gar vorsätzlich – haben wir uns noch nie über Katholizismus oder Religion allgemein unterhalten, auch wenn wir aus unseren Büchern da schon einiges voneinander erfahren konnten, ohne die Protagonisten mit dem Autor zu verwechseln.

Hat Religion in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?
Ingo Schulze: Ich bin getauft und christlich erzogen worden, ich wurde auch noch mit gutem Gewissen konfirmiert und hegte sogar mal ein paar Monate den Wunsch, Pfarrer zu werden.

Gibt es etwas, worum Sie Menschen mit einem starken Glauben beneiden?
Ingo Schulze: Letztlich nicht. Jedenfalls würde ich nicht tauschen wollen. Aber natürlich ist jemand, der beten kann, immer gut dran. Beten hilft immer. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht flapsig, ich meine das wirklich ernst. Das betrifft aus meiner Sicht aber jede Religion. Wer einen starken Glauben hat, anerkennt am ehesten andere Haltungen und lässt sie gelten. Mir gefällt nur der Missionierungsgedanke nicht, der hat mich schon gestört, als ich selbst gläubig war. Was ich ablehne, sind jene, die eifern, die Glaubenskrieger.

„Natürlich ist jemand, der beten kann, immer gut dran. Beten hilft immer.“

Für den Schriftsteller Artur Becker haben katholische Autoren die interessanteren Themen, weil sie um eschatologische und ontologische Probleme kreisen. „Literatur“, sagt er „ist immer reicher und besser, wenn sie nicht nur um die Psychologie und das Private buhlt. Der Katholizismus hat überdies Weltliteratur hervorgebracht: „Ulysses“ zum Beispiel.“
Ingo Schulze: Im Gegenteil, mir würde es schwer fallen, mit einem festen Glauben zu schreiben. Ich würde mir aber gern erklären lassen, wie das geht. In meiner Vorstellung wäre der Ausgang dann schon immer irgendwie vorherbestimmt, als müsste man am Ende das beweisen, was man schon zu Beginn wusste. Den „Ulysses“ würde ich nicht zu einem katholischen Buch machen wollen. Dann ließe sich auch sagen, in dem Buch stecke ein versteckter Kult an den antiken Göttern. In der Literatur geht es immer um alles. Und wenn was darin fehlt, merkt man das als Leser ziemlich schnell, sei es die Frage, warum bin ich auf der Welt, sei es die Frage nach der Liebe oder dem Brotpreis.

adam_und_evelyn_schulzeIhr Buch „Adam und Evelyn“ spielt schon mit dem Titel auf die biblische Schöpfungsgeschichte an. Wovon lassen Sie sich für Ihre Arbeit inspirieren, wie wichtig sind Ihre eigenen Lesererfahrungen?
Ingo Schulze: Einer meiner allerersten Aufsätze hieß: „Zuerst bin ich immer Leser“ – würde ich nicht lesen, würde ich nicht schreiben. Ich könnte nicht auf die Geschichten der Bibel verzichten, genauso wenig wie auf die antike Mythologie oder das Gilgamesch-Epos oder Lessings „Nathan der Weise“. Diese Geschichten haben Menschheitserfahrungen in sich aufgenommen. Ich glaube nur nicht, dass es tatsächlich so passiert ist, wie sie es schildern.

Navid Kermani preist in einem seiner aktuellen Bücher die ästhetischen und sinnlichen Qualitäten des Katholizismus, dessen Rätselhaftigkeit und die Kunst, die dieser Glaube hervorgebracht hat. Haben Sie einen Zugang dazu?
Ingo Schulze: Das denke und hoffe ich schon. Meine Bücher sollten das beantworten können. Ich würde das aber nicht auf den Katholizismus eingrenzen. Warum auch?

141110coverKunstgeschichten_cs6.inddAuch Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch veröffentlicht, in dem Sie sehr persönliche und ungewöhnliche Zugänge zur Kunst finden. Wie haben Sie sich den Werken genähert, wie haben Sie ausgewählt?
Ingo Schulze: Ich bin da eher der Co-Autor. Es war der Versuch, in den Dialog mit Bildern zu treten, mit ihnen zu reden und dabei vielleicht eine Geschichte entstehen zu lassen, die andere Betrachter anregen könnte, selbst einen Dialog mit dem Bild zu beginnen.

Angesichts der großen Zahl der zu uns kommenden Flüchtlinge aus vor allem muslimisch geprägten Ländern, ist wieder häufig die Rede von der indentitätsstiftenden Kraft des Christentums. Was ist für Sie an diesem kulturellen Fundament dran?
Ingo Schulze: Indentität gibt es immer nur in Beziehungen. Man braucht einen anderen oder eine andere, ein Gegenüber, um sich selbst zu begreifen. Der Begriff „Ostdeutsche“ hat sich ja auch erst nach 1990 im DDR-Osten etabliert. Je größer mir die Differenz zwischen mir und dem anderen erscheint, desto mehr vermag ich an mir selbst wahrzunehmen, was ich bisher als „selbstverständlich“ oder „gegeben“ betrachtete. Wer im Vergleich mit den anderen plötzlich selbst unsicher wird, weil er glaubt, einem Vergleich nicht standhalten zu können, fühlt sich bedroht und reagiert mit Aggression auf den anderen.

Sie positionieren sich immer wieder auch politisch, haben sich früh mit der Pegida-Bewegung beschäftigt und sich die Demonstrationen auch persönlich angesehen. In Ihren Poetikvorlesungen haben Sie gesagt, diejenige Literatur sei die wirksamste, die unsere Welt am differenziertesten beschreibt. Wie halten aktuelle politische Probleme und Entwicklungen wie diese Einzug in Ihre Arbeit?
Ingo Schulze: So direkt kann ich nie reagieren, das gelingt mir bestenfalls, wenn überhaupt, mit einem Artikel oder einer Glosse oder einem Dialog. Aber wenn man an einem Text sitzt – der ja immer auch sein Eigenleben hat, weil sich durch die Gestaltung einer Situation oder eines Dialoges immer wieder die Richtung der Handlung unerwartet verändern kann –, schreibt man ja mit dem Wissen des Alltags. Und so sickert die Erfahrung der Gegenwart immer wieder in den Text, manchmal schlägt sie aber auch ein wie ein Blitz.

neue_kleiderSchon in „Unsere schönen neuen Kleider“ haben Sie sich auf die Suche nach den Ursachen von Demokratieverdruss und -verlust gemacht. In welchem Licht sehen Sie Ihre Beobachtungen heute angesichts der sich gerade in Ostdeutschland zuspitzenden Situation?
Ingo Schulze: Nach den letzten Landtagswahlen kann man das nicht mehr nur als ein ostdeutsches Problem ansehen. Man sieht ja auch, dass es ein internationales Problem ist, was die Sache nur noch schlimmer macht. Für mich sind diese Protestierer mehr denn je die nützlichen Idioten, weil sie die falschen Fragen stellen. Es gibt vieles, wogegen es sich lohnt, auf die Straße zu gehen. In gewisser Weise sind sie feige, weil sie sich vor den eigentlichen Fragen – soziale Ungleichheit auf nationaler und internationaler Ebene, Steuerregelungen, Besitzverhältnisse – drücken.

Sie sind oft mit Politikern ganz unterschiedlicher Parteien im Gespräch. Käme es für Sie in Betracht, sich auch parteipolitisch zu engagieren so wie das etwa Günter Grass getan hat?
Ingo Schulze: Ich würde das nicht ausschließen, ich habe das ja schon gemacht, ohne dann in die Linke oder die SPD oder die Grünen eingetreten zu sein. Es ist schon immer wieder der Versuch, sich dort zu engagieren, wo eine gerechtere Alternative zum Status quo zu erkennen ist.

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Foto: © Johannes Bock

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