Annegret Laabs, Leiterin des Kunstmuseuns Magdeburg und Kuratorin der Ausstellung „Seht, da ist der Mensch“ in der Leipziger Baumwollspinnerei

Jeder kennt sie, die Nachrichtenbilder, die während des „Arabischen Frühlings“ Abend für Abend die Wohnzimmer fluteten. Prügelnde Polizisten, brennende Autos, schreiende Menschen. Für die Künstlerin Monika Huber waren diese Fernsehbilder Auslöser für das Projekt „Einsdreissig“, angelehnt an die Länge eines Nachrichtenbeitrages im Fernsehen. Sie fotografierte die Nachrichtenbilder und übermalte die Abzüge. So baute sie eine gewisse Distanz zwischen den Betrachtern und dem Schrecken auf. Es entstanden diffuse Bilder, kleine Szenen und Silhouetten, die Gewalt in ihnen lässt sich erahnen, lokalisieren jedoch nicht. Nun hängen sie als großformatige Fotografien in einer alten Industriehalle im Leipziger Westen und sind Teil der Ausstellung Seht, da ist der Mensch. Der Titel der Schau ist zugleich das Leitwort des Katholikentages 2016, der die Kunstausstellung initiiert hat.

„Wir wollten kein festes Menschenbild zeigen, es sollen Fragen offen bleiben, die der Betrachter mitnimmt“, sagt Dr. Annegret Laabs, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Kunstmuseums Kloster unser lieben Frauen Magdeburg, des Veranstalters der Schau. „Daher passten die Fotografien von Monika Huber sehr gut in unser Konzept.“ Neben Hubers Fotografien zeigt die medienübergreifende Ausstellung 17 weitere künstlerische Positionen, dazu zählen Fotografien von Joel Sternfeld, Lucas Foglia oder Hans-Wulf Kunze ebenso wie Videos von Kassandra Wellendorf. „Alle Künstler beschäftigen sich sehr grundsätzlich mit dem Menschenbild und blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf die menschliche Existenz.“ Die Werke zeigen das menschliche Leben zwischen Geburt und Tod, „emotional und anrührend, anklagend und versöhnend“, so steht es auf dem Flyer, der für die Ausstellung wirbt.

Fokus Mensch

Der Ort der Schau ist das Werksgelände der alten Baumwollspinnerei im Leipziger Westen. Auf dem Gelände haben sich zahlreiche Künstler, Galerien und Kreative niedergelassen. In der Halle 12 begrüßen rostige Stahlträger und nackter Betonboden die Besucher. Putz und Farbe blättert von den Wänden, Sonnenstrahlen fallen durch die Dachfenster. Weiße Zwischenwände teilen den Raum und geben der großen Halle etwas Privates. So ist auf über 1000 Quadratmetern ein Ort für internationale und generationsübergreifende Gegenwartskunst entstanden. „Wir sind froh, dass wir unsere Ausstellung an einem Ort zeigen können, an dem viele kunstavisierte Menschen sind“, sagt Annegret Laabs.

Der christliche Glauben habe bei der Auswahl der Werke keine Rolle gespielt, erklärt die Kuratorin: „Die Ausstellung zeigt den Menschen, nicht den Christen“, obwohl das heutige Menschenbild ohne die christlichen Wurzeln unvorstellbar seien. „Für uns war es wichtig, dass der Mensch und seine Verbindung in die Jetztwelt im Zentrum der Werke stehen“, sagt sie und blickt auf einen von zwölf alten Röhrenfernsehern, die Interviews von Menschen zeigen, die in der Zeit vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart ihr Zuhause verlassen haben, um hierzulande eine neue Heimat zu finden. Die Ausstellung sei „ein Potpourri, das unendlich erweiterbar wäre“. Die Kuratorin hat die Schau auf 18 verschiedene Positionen beschränkt, „da die Aufnahmebereitschaft des Publikums begrenzt ist“. Immerhin müssten sie sich 18 Mal auf neue Perspektiven einlassen. „Das ist genug.“

Von den Künstlern selbst war keiner beim Aufbau vor Ort, „sie haben uns ihr Vertrauen geschenkt und sind uns mit großer Offenheit begegnet“, berichtet Laabs. Für die Auswahl der Künstler hat die Kuratorin in ihrem persönlichen Fundus gewühlt, den sie über Jahre aufgebaut hat. „Je länger man im Kunstbetrieb arbeitet, desto größer wird dieser Fundus“, sagt sie, „und ich bin schon viele Jahre dabei.“ Die Magdeburger Museumsleiterin ist in Lutherstadt Eisleben aufgewachsen, „als Katholikin in der Diaspora“, ergänzt sie und lacht. „Meine Eltern führten eine ökumenische Ehe.“ Sie studierte Kunstgeschichte und europäische Ethnologie, machte ihren Abschluss in Marburg und promovierte 1997 zum Bildgebrauch im Spätmittelalter. Im Anschluss daran arbeitete sie zunächst als Kuratorin der Staatlichen Kunstsammlung Dresden. Danach ging sie nach Magdeburg und leitet dort seit 15 Jahren das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, wo sie zahlreiche Ausstellungen initiierte. „Mein Traumberuf“, sagt sie, „und die Arbeit als Kuratorin ist der schönste Teil des Jobs.“

Heute führt sie Besucher durch die alte Industriehalle. Gemeinsam erreicht die Gruppe einen relativ geschlossenen Raum am Ende des Gebäudes. Die Bildreihe an den weißen Wänden zeigt Menschen kurz vor ihrem Tod und danach. Es sind Werke von Walter Schels, der zusammen mit seiner Frau Menschen in ihren letzten Lebenswochen begleitet und daraus die Porträtserie „Nochmal leben“ erstellt hat. „Bei einer Ausstellung über das Leben, darf auch der Tod nicht fehlen“, findet Annegret Laabs. „Der Standort in der Halle war eine bewusste Entscheidung“, sagt sie, „hier ist es etwas ruhiger, privater.“ Neben den Bildern stehen kurze Texte zu den fotografierten Personen, „da gibt es die einen, die sich auf den Frieden danach freuen, und die anderen, die nicht loslassen können“, sagt die Kuratorin, „da kann man als Betrachter nicht mehr ausweichen, das macht was mit einem.“ Eine Lieblingsserie habe sie zwar nicht, aber die Intensität dieser Bilder sei schon etwas Besonderes.

Im Mai nächsten Jahres wird es zum Reformationsjubiläums 2017 in Magdeburg einen zweiten Teil der Ausstellung geben. Wieder wird die Frage „Was den Mensch zum Menschen macht?“ im Zentrum stehen.

Ausstellung „Seht, da ist der Mensch“: 30. April bis 12. Juni 2016 in der Leipziger Baumwollspinnerei, Werkschau/ Halle 12, Di-So 11 bis 18 Uhr. Im Begleitprogramm der Ausstellung erwarten den Besucher Führungen, Gespräche und Vorträge.

Text und Fotos sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.

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