Nina Achminow, Inspizientin/Autorin aus Berlin

Ein guter Freund war einer der Ersten, der etwas bemerkte. „Was machst du?“, fragte er, und sagte gleich dazu: „Du machst doch was…“ Nina Achminow hatte sich in seinen Augen verändert, veränderte sich noch. Doch die Inspizientin am Renaissance-Theater Berlin und freie Autorin schwamm weder auf einer Ernährungsmodewelle mit noch war sie zur Farbberatung gegangen. Und sie folgte auch keinem Guru. Nina Achminow war auf ihrem Weg zurück in die Kirche. Nicht zurück zu Gott, denn der war immer da.

Jahre zuvor war die gebürtige Münchnerin aus der katholischen Kirche ausgetreten. „Ich konnte nicht mehr in der Kirche Johannes Pauls II. sein“, sagt sie. Die der Frau zugewiesene Rolle, aber auch andere Entscheidungen des 2005 verstorbenen Papstes machten es der Intellektuellen unmöglich, in der Kirche zu bleiben. Es war kein Austritt aus einem Impuls heraus, kein leichtfertiger Schritt – sondern ein wohlüberlegter. Genauso bewusst zahlte Achminow auch weiterhin ihre Kirchensteuer – als Spende.

Nina_Achminow_01Vor zwölf Jahren dann bekamen Nina Achminow und ihr Mann eine Tochter. Die wollte sie taufen lassen. „Ich wollte meinem Kind ermöglichen, den Glauben und die Kirche als etwas Schönes kennenzulernen, als Heimat“, erzählt sie, „so wie ich es selbst auch erlebt hatte.“ Aber musste sie dazu nicht wieder in die Kirche eintreten? Denn auch ihr Mann gehört keiner Religionsgemeinschaft an. Mehr noch: „Er ist ein freundlicher Agnostiker, der Gott für eher unwahrscheinlich hält.“. In der Tat dürfte ein Priester in dieser Situation monieren, dass die katholische Erziehung nicht gewährleistet sei, und die Taufe erst einmal aufschieben. Doch Achminow traf auf einen Seelsorger, dem sie sich erklären konnte  – und der sie verstand. Sie trat nicht wieder ein.

Ein Schlüsselerlebnis war dann Jahre später der Tod eines jungen Vaters im Bekanntenkreis. Für ihn und seine Frau war es die zweite Ehe gewesen, das Paar litt darunter, kirchenrechtlich ausgeschlossen zu sein aus der Gemeinschaft. Sie trauten sich nicht, das Gespräch mit einem Priester zu suchen – bis es zu spät war. In einem Beitrag für die in der ZEIT erscheinende Wochenzeitung „Christ & Welt“ schreibt Achminow dazu: „Ich war schlichtweg entsetzt, als ich sah, was der Ausschluss von den Sakramenten für die junge Frau bedeutet hatte. Wie sprachlos er die beiden gemacht hatte. Und was er bedeutet, wenn man ihn weiter denkt. Hätte diese Familie also nicht gegründet werden dürfen, aus katholischer Sicht? Ist das die Botschaft? Und was bedeutet diese Sicht für diese Kinder, durch deren Zeugung die Familie entstanden ist? Verlieren ihre Eltern den Stand der Gnade, weil sie tun, was alle Kinder sich von ihren Eltern wünschen – sich ganz und ohne Vorbehalt zu lieben?“

Der lange Weg zurück

Für Achminow, die sich durch ihre Tochter gerade wieder ein Stück an die Kirche angenähert hatte, begann eine neue Zeit des Zweifelns, der Wut, der Fremdheit – und der Auseinandersetzung. Vielleicht war es Fügung, dass sie sich – um Klarheit bemüht – an einen Jesuiten wandte. Die Ignatianische Spiritualität, die sie über ihn und über die Bücher von Pater Klaus Mertes kennenlernte, traf bei ihr den innersten Nerv. „Diese Mischung aus Nüchternheit, Offenheit und Gottesverbundenheit, zutiefst spirituell und zugleich hell im Kopf, das Herz im Himmel und die Füße auf dem Boden – das war für mich genau das Richtige.“ Heute noch ist sie dem Pater, der sie begleitete, freundschaftlich verbunden – und dankbar dafür, dass er nicht drängte oder missionierte, sondern einfach nur geistlich begleitete.

Nina Achminows Weg zurück in die Kirche war genau so wenig ein momentaner Impuls, wie es ihr Austritt gewesen ist. Sie nahm sich die Zeit, die sie brauchte. Sie fragte und bohrte nach, sie suchte Wege und Antworten – und fand sie für sich.

Nina_Achminow_02Mittlerweile heißt der Papst in Rom Franziskus. Er verkörpert eine Kirche, in der Nina Achminow wieder leben kann, weiterhin kritisch und mit dem wachen Geist, der sie auszeichnet – aber eben auch beheimatet. Ihren spirituellen Hunger woanders zu stillen, in Buddhismus, Islam oder Ersatzreligionen, das wäre nicht ihr Weg gewesen. Auch nicht, statt in die katholische in die evangelische Kirche einzutreten. Die katholische Kirche, der katholische Glaube – „das ist meine Muttersprache“, sagt Achminow.

Anfangs hat sie versucht, ihrem Alltag durch die Ignatianische Spiritualität eine neue Struktur zu geben. Aber der Theaterbetrieb mit seinen wechselnden Arbeitszeiten, das Familienleben, das Schreiben, „das ganze fröhliche Chaos“ – das hat es schwierig gemacht. Achminow sagt das ohne Bedauern, denn längst ist der Urenkelin zweier russisch-orthodoxer Popen klar: „Es formuliert sich immer ein Gebet, ein Stoßgebet oder ein anderes im täglichen Rumwirbeln.“ Glaube, Spiritualität, Religion, letztlich: Gott – „das ist im Alltag, überall“, sagt Nina Achminow.

Es geht ihr beim Glauben nicht um Strukturen und nicht als Erstes um die Institution.  „Umso erstaunlicher, dass ich bemerke, wie ich mich freue, wenn ich das hinbekomme, halbwegs regelmäßig zur Messe zu gehen.“  Was dahinter steht? „Das Herz und die Seele öffnen für Gott. Und für den Nächsten. Wie für mich selbst.“

Es gibt immer noch Dinge in ihrer Kirche, mit denen Achminow hadert. „Aber heute traue ich mich, fröhlich zu sagen: Ich liebe meine Kirche, aber ich glaube ihr nicht alles“. Der Ausschluss der Frau vom Priesteramt, zum Beispiel, der stört sie weiterhin. „Gott beruft Menschen. Nicht Männer. Aber es waren halt Männer, die die Evangelien aufgeschrieben haben. Und es sind Männer, die Berufungen anerkennen oder nicht.“

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