Prälat Bernd Klaschka, Hauptgeschäftsführer Adveniat, Essen

An Papst Franziskus muss man sich reiben, sagt Prälat Bernd Klaschka. Aber das sei gut so, denn „Reibung erzeugt Leben“. Beim Katholikentag in Leipzig wird der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat bei mehreren Veranstaltungen sprechen, unter anderem auch bei einem Podium über den argentinischen Papst. Welche Themen Adveniat sonst umtreiben und was das Hilfswerk für den Katholikentag plant, erzählt Klaschka im Interview mit 100tage100menschen.de.

Prälat Klaschka, am 23. März hätte in Kolumbien ein Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC-Rebellen unterzeichnet werden sollen. Doch dazu ist es nicht gekommen. Adveniat engagiert sich seit langem in diesem Friedensprozess. Wie enttäuscht sind Sie?
Bernd Klaschka: Eigentlich gar nicht. Ich hatte mich schon lange auf die Möglichkeit eingestellt, dass das Friedensabkommen nicht zu dem vorgesehenen Zeitpunkt unterzeichnet würde. Schließlich wusste ich, dass es da noch eine Reihe ungelöster Probleme gab. In meinen Augen ist es wichtiger, dass man inhaltlich zu einem wirklich guten Ergebnis kommt, als dass man unter allen Umständen einen Termin einhält. Derzeit spricht man von einem Zeitfenster bis Ende des Jahres. Das gibt beiden Parteien die Möglichkeit, sich mit den noch offenen Fragen zu befassen und die Friedensprozesse vor Ort, in den Städten und Dörfern, weiter voranzubringen.

In welcher Form ist Adveniat vor Ort präsent?
Bernd Klaschka: Adveniat selbst ist als Organisation gar nicht präsent. Unsere Strategie ist es immer, die Partner vor Ort zu stärken und deren Projekte in den einzelnen Gemeinden zu fördern. Ein Schwerpunkt liegt hier im Bereich Friedenspädagogik. Konflikte ohne Gewalt zu lösen, müssen viele Menschen in Kolumbien erst wieder lernen. Nach 50 Jahren Krieg sind viele Anderes gewohnt. Das beginnt übrigens schon mit einer gewaltfreien Sprache. Auch da unterstützen wir Projekte.

 

Beim Katholikentag in Leipzig wird Adveniat-Partner Pater Dario Echeverri von der Nationalen Versöhnungskommission in Kolumbien seine Eindrücke von den Verhandlungen schildern. Hat er Ihnen schon berichtet?
Bernd Klaschka: Bislang nicht. Denn Diskretion ist für Pater Echeverri entscheidend. Er genießt in der Nationalen Versöhnungskommission das Vertrauen beider Parteien und ist von daher ein wichtiger Vermittler. Ihm ist es gelungen, die Opfer in die Verhandlungen in Havanna einzubinden. Einige Opfervertreter waren sogar selbst vor Ort und konnten ihre Anliegen dort direkt in die Gespräche einbringen. Das war ein großer Fortschritt. Ich bin sicher, Pater Echeverri wird beim Katholikentag eine Menge Interessantes zu berichten wissen, und ich bin selbst schon sehr gespannt darauf.

Katholikentage zeichnen sich durch eine enorme Bandbreite und Vielfalt an Veranstaltungen aus. Wie verschafft sich Adveniat da Gehör?
Bernd Klaschka: Zum einen sind wir Teil des MARMIC-Netzwerks, in dem sich die sieben großen katholischen Hilfswerke zusammengeschlossen haben. Gemeinsam gestalten wir zwei zentrale Veranstaltungen: Eine befasst sich mit Papst Franziskus, eine andere stellt das Thema Klimagerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung in den Mittelpunkt. Zum zweiten haben wir einen Stand auf dem Markt der kirchlichen Werke und organisieren auch selbst eine Reihe von Veranstaltungen. Zum dritten sind wir Teil des Aktionsbündnisses „Rio bewegt.Uns.“ im Vorfeld der Olympischen Spiele. Gemeinsam mit verschiedenen katholischen Verbänden, dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Deutschen Behindertensportverband wollen wir uns dafür einsetzen, dass nicht nur die Sportler im Stadion gewinnen, sondern auch die Armen auf der Straße.

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Prälat Bernd Klaschka bei der Einsegnung des Jugendgewalt-Präventionsprojekts Óscar Romero.

In mehreren Veranstaltungen rücken Sie den salvadorianischen Märtyrer-Bischof Óscar Romero in den Fokus, den Papst Franziskus 2015 seliggesprochen hat. Was können wir von Romero lernen?
Bernd Klaschka: Von ihm können wir lernen, konsequent in unserem Handeln zu sein, selbst dann, wenn es gefährlich wird. Romero hat an einem Punkt in seinem Leben eine innere Umkehr erlebt, er hat einen Paradigmenwechsel vorgenommen und sich von da an konsequent auf die Seite der Armen gestellt. Das hat ihn in Konflikt gebracht mit den Reichen und Mächtigen. Aber er hat sich nicht abbringen lassen von seinem Kurs und das schließlich mit dem Leben bezahlt: Romero wurde während einer Messe am Altar erschossen.

Sie selbst sitzen unter anderem auf dem bereits erwähnten Podium, das sich mit der Person von Papst Franziskus befasst. Sein Auftreten empfinden viele als revolutionär. Aber wie stark verändert er die Kirche wirklich? Sein nachsynodales Schreiben „Amoris laetitia“ hat ja durchaus unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen…
Bernd Klaschka: Papst Franziskus geht es darum, nicht nur Strukturen, sondern Mentalitäten zu verändern. Mentalitäten im Umgang der Menschen untereinander, Mentalitäten im Umgang mit Ereignissen und der Geschichte. In all diesen Fragen will er die Mentalität des Evangeliums einbringen, und das bedeutet, barmherzig zu sein und auf der Seite der Schwachen zu stehen. Er selbst beglaubigt diesen Perspektivwechsel durch seine Person und sein Verhalten. Das ruft natürlich Widerspruch hervor, genauso wie bei Óscar Romero. Aber das Gute daran ist: Man muss sich an den Positionen von Papst Franziskus reiben. Und Reibung erzeugt Leben.

Sie haben viele Jahre in Mexiko gelebt und gearbeitet. Wie kam es dazu?
Bernd Klaschka: Ich bin Priester der Diözese Münster, die seit mehreren Jahrzehnten eine Partnerschaft mit dem Bistum Tula in Mexiko unterhält. 1977 fragte mich mein damaliger Bischof, Heinrich Tenhumberg, ob ich bereit wäre, nach Mexiko zu gehen, um im Rahmen dieser Partnerschaft ein pastorales Projekt zu unterstützen. Und nach einiger Überlegung habe ich zugesagt.

Hat die Zeit in Mexiko Ihre Vorstellung vom Priesterberuf geändert?
Bernd Klaschka: Zunächst einmal haben die Erfahrungen dort mein Leben verändert, denn ich habe gelernt, von den Armen aus zu denken. Meine Vorstellung vom Priesterberuf hat sich weniger stark gewandelt. Schon während meines Studiums gehörte ich zu jenen, die den Priesterberuf nicht auf das Spenden der Sakramente reduzieren wollten. In meinen Augen muss der Priester immer den ganzen Menschen im Blick haben, nicht nur seine religiöse Dimension. Er hat eine gesellschaftliche Funktion, ist bis zu einem gewissen Grad auch Sozialarbeiter. Diese Bild vom Priestertum hat sich während meiner Jahre in Mexiko vertieft und verstärkt.

„Ich bin jemand, der gerne an der Basis arbeitet, der gerne unmittelbaren Kontakt zu den Menschen hat.“

2004 wurden Sie von der Deutschen Bischofskonferenz zum Hauptgeschäftsführer von Adveniat ernannt. In einem Interview haben Sie einmal gesagt, dass Sie erst nach langer Überlegung zugesagt haben. Warum?
Bernd Klaschka: Ich bin jemand, der gerne an der Basis arbeitet, der gerne unmittelbaren Kontakt zu den Menschen hat. Das, fürchtete ich, würde mir als Hauptgeschäftsführer von Adveniat fehlen. Auch tat es mir Leid, den Menschen in Mexiko Adiós sagen zu müssen. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich nach all den Jahren in Lateinamerika wieder einfügen könnte in die Strukturen der Kirche in Deutschland. Aber ich habe meine Entscheidung nie bereut. Ich habe viel Freude an der Arbeit, nicht zuletzt dank des großen Engagements meiner Mitarbeiter hier in der Geschäftsstelle in Essen. Auch freut es mich, dass ich dank Adveniat nicht nur in Mexiko wirken kann, sondern in ganz Lateinamerika, und das immer mit der klaren Option für die Armen.

Was hat sich in den zwölf Jahren Ihrer Amtszeit getan?
Bernd Klaschka: Die Spendeneinnahmen sind heute niedriger als vor zwölf Jahren. Das hat mit der Gesamtsituation der Kirche in Deutschland zu tun, daran können wir wenig ändern, damit müssen wir leben. Wir haben deshalb unsere Fördermittel konzentriert. Generell kann man sagen, dass wir mehr in Menschen investieren und weniger in Infrastruktur. Im Mittelpunkt stehen Bildungsprojekte, die Förderung junger Menschen und von der Teilhabe Ausgeschlossener. Einen anderen Schwerpunkt haben wir bei der Unterstützung von Laien gesetzt, etwa bei der Ausbildung von Katecheten und Gemeindeleitern. Des Weiteren haben wir in der Geschäftsstelle eine Umstrukturierung vorgenommen, um als Lateinamerika-Hilfswerk nicht nur während der Adventszeit  präsent zu sein, sondern auch ganzjährig wahrgenommen zu werden. Und das hat sich, denke ich, ausgezahlt.

Werden Sie später einmal, als Ruheständler, wieder nach Lateinamerika gehen?
Bernd Klaschka: Ich kann mir das durchaus vorstellen, allerdings nur, solange ich gesund bin. Denn wenn einmal gesundheitliche Beeinträchtigungen kommen, dann möchte ich den Menschen in Lateinamerika nicht zur Last fallen.

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Foto: © Harald Oppitz/Adveniat (Header); Achim Pohl/Adveniat

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