Regina Schild, Leiterin der Leipziger Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde

Die Zahlen sind imposant und beklemmend zugleich: Rund 8,6 Kilometer Stasi-Akten und 2.305 große Säcke voll mit zerrissenen Stasi-Dokumenten, die noch zusammengefügt werden wollen. Selbst mit moderner Computertechnik ist das heute noch ein mühseliges Geschäft. Regina Schild ist quasi Chefin über all diese Zeitzeugnisse aus der Zeit des DDR-Regimes. Sie leitet die Außenstelle Leipzig der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU). Untergebracht ist sie im ehemaligen Sitz der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit am Innenstadtring. „Runde Ecke“ heißt das Gebäude im Volksmund, benannt nach der geschwungenen Architektur des Eckhauses.

Engagierte Bürger besetzten am 4. Dezember 1989 vor der Montagsdemonstration die Leipziger Stasi-Zentrale und legten die Arbeit des Geheimdienstes lahm. Heute befinden sich in der „Runden Ecke“ das Stasi-Museum und seit dem 3. Oktober 1990 die BStU-Außenstelle, in der neben Schild noch 64 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig sind.

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Die Behörde sichert und erschließt die Stasi-Akten, inzwischen sind  93 Prozent der in Leipzig lagernden Dokumente erschlossen. Grundlage dafür ist das Stasi-Unterlagen-Gesetz vom Dezember 1991, das die Aufgaben festschreibt. „Ich war ab Januar 1990 im Bürgerkomitee aktiv. Die Sicherung der Akten und eine rechtsstaatliche Aufarbeitung waren mir wichtig – darum habe ich mich auch gemeldet, als das Bürgerkomitee im September 1990 gefragt wurde, wer in der Behörde weiter mitarbeiten möchte“, erzählt Schild.

Auch 26 Jahre nach der Wiedervereinigung stellen pro Monat noch rund 400 Menschen in der Außenstelle einen Antrag auf Akteneinsicht. Nur ein Viertel davon sind Wiederholungsanträge. Wie kommt es, dass jemand erst so spät Einblick in die Dokumente seiner Bespitzelung haben will? „Manche kommen und sagen: ‚Jetzt ist die Zeit für mich reif‘, manche haben gewartet aus Angst, dass sich womöglich Verwandte, Freunde und Bekannte plötzlich als Spitzel entpuppen“, erläutert Schild die Beweggründe. Von anderen haben die Kinder mit der Schulklasse eine Führung durch die Behörde gemacht und am Abendbrottisch kam die Frage auf: Mama, Papa – wo sind denn eigentlich eure Akten? Zugleich räumt Schild ein: „Ich hätte das früher selbst nicht gedacht, dass die Anfragen so lange auf so hohem Niveau bleiben.“

Politische Bildungsarbeit

Daneben gibt es viele, die in die Behörde kommen, um in den Akten zu forschen – von Wissenschaftlern über Journalisten bis hin zu Schülern. Ferner liefert die Behörde zu, etwa bei Rehabilitierungs- oder Wiedergutmachungsanträgen. Eher rückläufig sind Überprüfungen, ob jemand für die Stasi tätig war.

Stattdessen ist die politische Bildungsarbeit ein großes Aufgabenfeld. Ständig gibt es wechselnde Ausstellungen, monatlich kommen rund 1.500 Besucher. Es gibt Führungen, Vorträge und zahllose Schülerprojekte. Gerade sie liegen Regina Schild besonders am Herzen: „Es ist für die Jugendlichen immer spannend, wenn sie etwa sehen und hören, für welche Band-Texte Gleichaltrige seinerzeit von der Stasi überwacht wurden und dann zum Beispiel kein Abitur mehr machen durften. Oft kommt als Reaktion: ‚Wahnsinn, heute sind die Texte doch viel krasser.‘ Und dann sind wir mitten drin in einer Diskussion über Meinungsfreiheit und ihren Schutz.“

Gegenwärtig marschiert das fremdenfeindliche Bündnis Legida regelmäßig fast vor der Haustür der „Runden Ecke“ auf. Darauf angesprochen sagt Schild: „Es gibt ein Grundrecht auf Demonstrationsfreiheit, und das ist auch gut so. Über die Inhalte von Legida freilich kann und muss man sich streiten und sich damit auseinandersetzen.“ Zu denken gibt ihr allerdings die Politikverdrossenheit, die in solche teils gewaltsame Radikalität umschlägt: „Ich hoffe, dass wir mit unserer Arbeit ein Stück weit auch etwas gegen dieses Misstrauen gegenüber der Demokratie und dem Rechtsstaat setzen können.“ Einmischen, sich aneinander reiben – das sei wichtig: „Aber dazu gehört auch, den Nächsten zu achten.“

Ganz in diesem Sinne beteiligt sich die Behörde, die Schild leitet, auch am Katholikentag, etwa mit zwei Vorträgen zum Thema Jugendweihe und Kirche. Am 28. Mai gibt es zudem einen Tag der offenen Tür, inklusive Einblick in die Archive. Dazu gibt es eine besondere Ausstellung: „Schwarze Pest, Rosenkranz, Eminenz“ über die Überwachung der katholischen Kirche, von Bischöfen, Priestern und Kirchentreffen während der DDR-Zeit.

Erstmalig widmet sich eine Schau so ausführlich dem Thema und zeigt, wie solche Überwachungen abliefen, wie heimlich Wohnungen abgehört und durchsucht wurden. „Wir wollen zeigen, warum die katholische Kirche für den Staatssicherheitsdienst der DDR als gefährlich galt“, erklärt Schild. Und warum? „Das Gefährliche war, dass Kirchenraum immer ein freier Raum war. So habe ich es selbst als Jugendliche erlebt – man konnte dort seine Gedanken frei austauschen. Ich habe Kirche auch als Bildungsraum erlebt. Wir konnten dort Bücher ausleihen, die es sonst in der DDR nicht gab und die der Kaplan und der Pfarrer durch West-Kontakte organisiert hatten. Wir haben im Religionsunterricht auch Literatur, Philosophie und Geschichte gelernt.“ So wurde zum Beispiel über den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 oder den Prager Frühling gesprochen. Kirche erleben als Freiraum – zum freien Gedankenaustausch und gutem, lebendigen Miteinander, das wünscht sich Frau Schild auch für den Katholikentag.

2 Kommentare

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  1. Maria Nowak

    Habe die Ausstellung „Rosenkranz, Schwarze Pest und Eminenz“ heute angeschaut. Bin sehr beeindruckt von der akribischen Aufarbeitung der Dokumente. Herzlichen Glückwunsch zu dem gelungenen Projekt zum Katholikentag . Danke für den Einsatz.
    Habe noch ein Anliegen: Wird die Ausstellung auch nach dem Katholikentag
    noch ein paar Tage hängen? Wenn man es nun nicht schaffen sollte, über die reich gefüllten Tage die Ausstellung anzuschauen? Die nächste Woche wäre vielleicht etwas ruhiger? Würde mich sehr über eine Antwort freuen. Vielen Dank und nette Ausstellungsbesucher wünscht, Maria Nowak

    • dreipunktdrei

      Liebe Frau Nowak, die Ausstellung läuft noch bis zum 2. Oktober. Weitere Informationen erhalten Sie hier