Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident A.D.

Wer Christen ins stille Kämmerlein verweist, der beschneidet Meinungsfreiheit. Davon Wolfgang Thierse überzeugt. Warum sich Christen politisch engagieren müssen und was das für die Flüchtlingskrise bedeutet, sagt der SPD-Politiker und frühere Bundestagspräsident im Interview mit 100 Tage, 100 Menschen.

Herr Thierse, beim kommenden Katholikentag nehmen Sie an einem Podium zum Thema „Aufstehen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit“ teil. Wie groß, denken Sie, ist die Gefahr von rechts tatsächlich?
Wolfgang Thierse: Wir erleben ja fast täglich Angriffe auf Asylbewerberheime und Flüchtlinge, wir erleben Pegida und Lediga mit fremdenfeindlichen Äußerungen. Wir haben auch die Wahlerfolge der AfD erlebt, deren wichtigste politische Botschaft lautet: Wir wollen keine Flüchtlinge in diesem Land. Kurzum, wir leben in einer beunruhigenden Situation, in der Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, minderheitenfeindliche Einstellungen, ausländerfeindliche Gewalt und Antisemitismus wieder zunehmen, immer selbstbewusster und aggressiver auftreten. Das ist für alle Demokraten eine große Herausforderung und für Christen ganz besonders.

Nimmt die Politik das Thema ernst genug?
Wolfgang Thierse: Ich denke schon. Natürlich sehen wir noch keine durchschlagenden Erfolge, aber die Politik nimmt schon wahr, was in vielen ostdeutschen, aber auch in manchen westdeutschen Städten und Gemeinden geschieht. Und den meisten Politikern ist klar, dass der Staat, aber auch die Bürgergesellschaft darauf reagieren muss.

Was können denn die Bürger den Rechtspopulisten entgegensetzen?
Wolfgang Thierse: Sie können sich zunächst einmal im Alltag gegen jede Form von Ausländerfeindlichkeit wehren. Sie können abschätzigen Bemerkungen gegen Flüchtlinge widersprechen, sie können sich an Hilfsaktionen und Gegendemonstrationen beteiligen. Sie können auch demokratische Parteien wählen, die sich nicht ausländerfeindlich äußern, sondern sich der großen Herausforderung des riesigen Flüchtlingsstroms stellen. Denn ich weiß sehr wohl, dass die Zuwanderung von rund einer Million Menschen ein riesiges praktisches Problem darstellt und dass die Integration dieser Flüchtlinge die gesamte Gesellschaft vor eine enorme Herausforderung stellt. Das wird nicht ohne Konflikte abgehen. Aber diese Konflikte müssen friedlich geregelt werden, und daran sollten sich gerade Christen engagiert beteiligen.

Dr.h.c. Wolfgang Thierse

Sie gehören seit Jahren zu dem regelmäßigen Gästen der Katholikentage. Welche Impulse haben Sie da für Ihre politische Arbeit bekommen?
Wolfgang Thierse: Zunächst einmal besuche ich Katholikentage nicht vorrangig als Politiker, sondern weil ich ein engagierter katholischer Christ bin und mich am Gespräch der Christen untereinander beteiligen will. Ich spreche selber, aber ich höre auch zu. Ich höre mir Bibelarbeiten, Vorträge und Diskussionen an, weil ich dabei lerne, wie andere Christen, wie  andere intelligente Menschen dieses oder jenes Problem bewerten, mit dem ich auch selbst konfrontiert bin. Katholiken- und Kirchentage sind dabei immer von einer ganz besonderen Atmosphäre geprägt. Dort hören sich die Menschen noch zu und diskutieren so sachlich wie möglich miteinander. Da herrscht nicht der Grundton der Häme, der sonst politische Kommunikation häufig vergiftet. Das ist auch Erholung für einen Politiker, die ich mir immer gerne gegönnt habe.

Viele Menschen gerade in Ostdeutschland reagieren allergisch, wenn sich die Kirche zu sehr in gesellschaftliche und politische Debatten einmischt. Wie weit kann oder sollte die Kirche hier gehen?
Wolfgang Thierse: Dass Religion bestenfalls noch Privatsache sein sollte, das galt in der DDR. Wer aber so argumentiert, richtet sich gegen Religionsfreiheit. Die christliche Religion – wie übrigens fast alle Religionen und Weltanschauungen – möchte nicht im stillen Kämmerlein bleiben, sondern in die Welt hinein wirken. Wer also verlangt, dass die Kirchen hinter ihren dicken Mauer verharren, der will Religions- und Meinungsfreiheit einschränken. Eine pluralistische Gesellschaft lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen weltanschaulichen Überzeugungen aus diesen Überzeugungen heraus leben und wirken, dass sie gemeinsam an dieser Gesellschaft bauen, sie tragen und prägen. Und Christen haben ein starkes Motiv, sich gesellschaftlich zu engagieren, nämlich die Verpflichtung zur Nächstenliebe. Daraus erwächst das Bedürfnis, sich für andere einzusetzen, für gesellschaftlichen Frieden und soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Auch wer selbst kein Christ ist, sollte diesen Beitrag der Christen nicht nur respektieren, sondern willkommen heißen, weil er einen wichtigen Teil unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts darstellt. Die Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik beruht nicht zuletzt auf Menschen, die aus ihrer religiösen Überzeugung heraus politische, soziale und kulturelle Arbeit geleistet haben.

„Eine pluralistische Gesellschaft lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen weltanschaulichen Überzeugungen aus diesen Überzeugungen heraus leben und wirken, dass sie gemeinsam an dieser Gesellschaft bauen.“

Sie sind in der DDR aufgewachsen. Aus Ihrem Glauben haben Sie dennoch nie einen Hehl gemacht. Trotzdem mussten Sie zusehen, wie das SED-Regime die ostdeutsche Glaubenslandschaft immer weiter gerodet hat. Welche Gefühle hatten Sie dabei? Trauer, Hilflosigkeit, Wut?
Wolfgang Thierse: Das hat einen schon manchmal bedrängt. Aber es ist auch Trotz entstanden, nach dem Motto: Nur wenn der Staat etwas verlangt, muss es noch lange nicht richtig sein. Und so bin ich meinen Überzeugzungen treu geblieben. Für mich gehört es zu den schönsten Pointen der Geschichte, dass ausgerechnet in dem Staat, in dem Religion bestenfalls noch Privatsache sein durfte, Menschen die friedliche Revolution geprägt haben, die ihren Glauben eben nicht Privatsache sein lassen wollten!

Die Kirche leistet in Ostdeutschland mühsame Aufbauarbeit. Gerade bei jungen Leuten spürt sie ein neu erwachendes Interesse an spirituellen Themen. Liegt hier eine Chance für die Kirche?
Wolfgang Thierse: Ich bin, ehrlich gesagt, vorsichtig mit der Beurteilung, ob es diese Chance tatsächlich gibt. Aber unabhängig davon: Christen haben die Verpflichtung, Zeugnis zu geben von dem, was ihr Leben trägt und bestimmt. Und sie müssen dieses Zeugnis auch Menschen gegenüber geben, für die Kirche und Christentum etwas absolut Fremdes, vielleicht sogar Beunruhigendes sind. Hier Neugier zu wecken und Zugänge zu schaffen, ist eine wichtige und zugleich schwierige Aufgabe der Kirche, weil eingefahrene Wege in diesem Fall nicht weiterhelfen. Da muss man immer wieder neu ansetzen, muss experimentieren, muss Enttäuschungen verkraften können, darf aber auch kleine Erfolge nicht übersehen.

Gleich nach der Wende haben Sie Ihre politische Heimat in der SPD gefunden. Was hat Sie zum Parteieintritt bewogen?
Wolfgang Thierse: Ich wollte mich in der Gesellschaft engagieren und den Prozess der deutschen Einheit mitgestalten. In der DDR konnte ich mich ja nicht politisch engagieren, weil ich weder in die SED noch in die Blockpartei CDU eintreten wollte. In die SPD bin ich eingetreten, weil ich schon lange Sympathie für diese Partei hatte. Ich finde, dass die wichtigste Aufgabe von Politik in einer Demokratie ist, für ein hohes Maß an Gerechtigkeit zu sorgen, ohne dabei die Freiheit aufzugeben. Und genau das ist die sozialdemokratische Grundidee. Außerdem war ich davon überzeugt, dass eine weltanschaulich plurale Partei wie die SPD am besten zu einem weltanschaulich pluralen Land wie Deutschland passt.

In einem Interview haben Sie einmal den Unwillen vieler Westdeutschen beklagt, das Land nach der Wiedervereinigung zu verändern. Was hätten Sie sich von den Menschen gewünscht?
Wolfgang Thierse: Den einzelnen Menschen mache ich keinen Vorwurf. Warum auch sollte ein Einwohner von Bonn oder Freiburg denken, dass sich bei ihm etwas ändern muss, nur weil in Leipzig und Potsdam der Kommunismus zusammengebrochen ist? Was ich beklagt habe, ist die Tatsache, dass die Wiedervereinigung zunächst nicht als Veränderungsprozess für das ganze Land wahrgenommen wurde. Stattdessen wurde der Status quo West einfach auf den Osten Deutschlands übertragen. Das war vielleicht ein realistischer Weg, aber er war mit Schmerzen und Enttäuschungen verbunden. Und er hat so manche Reform verzögert, die auch dem Westen Deutschlands gut getan hätte. Ich hatte gehofft, dass man die Wiedervereinigung als Chance betrachtet, das Land gemeinsam zu verändern – die starken Westdeutschen und die neu aufgebrochenen, aber wirtschaftlich schwächeren Ostdeutschen. Aber dazu ist es nicht gekommen.

Dr.h.c. Wolfgang Thierse

2013 sind Sie aus dem Bundestag ausgeschieden. Wie haben Sie diesen entscheidenden Schritt erlebt?
Wolfgang Thierse: Es war letztlich ein schöner Tag und ganz zufällig auch mein 70. Geburtstag. Ich saß oben auf der Tribüne des Bundestags, und mein Nachfolger im Amt des Bundestagspräsidenten, Norbert Lammert, begrüßte mich und gratulierte mir zugleich zum Geburtstag und zum Ende meiner 24jährigen parlamentarischen Laufbahn. Da erhoben sich alle Angeordneten und klatschten mir zu. Das war ein schönes Ende meines parlamentarischen Lebens.

Haben Sie es schon einmal bereut?
Wolfgang Thierse: Selten. Manchmal überkommt mich die Lust, mitzumischen. Aber ich habe gelernt, dass man als Älterer seine Nachfolger nicht mit altklugen Ratschlägen behelligen soll.

Wenn Sie heute ein junger Nachwuchspolitiker wären, für was würden Sie sich besonders engagieren?
Wolfgang Thierse: Ich würde mich für das engagieren, was ich immer für wichtig befunden habe. Deutschland ist ein sehr reiches Land, aber es ist ein ungerechtes Land. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich haben sich in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal verschärft. Ich würde mich also für mehr Gerechtigkeit einsetzen und für die Zukunft des Sozialstaates. Und natürlich für die große Herausforderung, die die Integration der Flüchtlinge für unser Land darstellt.

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