Pater Andreas Knapp, Mitglied der Kleinen Brüder vom Evangelium, Leipzig

„In die Stille gehen“: Was für viele Menschen ein Albtraum ist, war für Andreas Knapp eine Sehnsucht, die er stillen musste. Sie schickte ihn, den einstigen Regens des Freiburger Priesterseminars, auf einen neuen Weg, weg von der Karriere in der binnenkirchlichen Hierarchie, hin zu dem Leben, das er nun seit rund 16 Jahren führt. Es ist ein Leben in Einfachheit, mit Raum für Stille, Kontemplation und Meditation. Und es ist ein Leben in Gemeinschaft Gleichgesinnter – und vor allem nah bei und mit den Menschen. Bei jenen, die Papst Franziskus die Menschen an den Rändern der Gesellschaft nennt.

kleine_brueder_aussenPater Andreas Knapp lebt mit seinen drei Mitbrüdern von der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium in einem Leipziger Plattenbau. Jeder hat sein Zimmer, der eine kleiner, der andere größer. Küche und Bad teilen sich die Ordensmänner genauso wie die Kapelle in ihrer Wohnung. „Ein Wohnzimmer mit Fernseher haben wir nicht“, sagt Pater Andreas, „den brauchen wir auch nicht.“

Bis vor kurzem war der 57-Jährige als Saisonarbeiter tätig, meistens am Fließband. Auch das gehört zur Spiritualität und zum Selbstverständnis der Kleinen Brüder: gelebtes Evangelium. In einem Interview mit dem SWR hat Knapp einmal erklärt: „Ich dachte, ich muss denen das Evangelium bringen, aber das Evangelium ist schon da. Also muss ich mich selber zunächst einmal bekehren – nicht, dass ich etwas bringen will, sondern ich bin der Empfangende geworden.“

Offen für andere Menschen

Von den rund 560.000 Einwohnern Leipzigs sind vier Prozent Katholiken. Das sind etwas mehr als 22.000 Menschen. Doch Pater Andreas geht es nicht um Zahlen und nicht darum, zu missionieren. Es geht ihm darum, einfach da zu sein; das Evangelium unter den Menschen zu leben. Aber was heißt das eigentlich? Es bedeutet für ihn, offen zu sein für den anderen, ihn liebevoll und mit weitem Herzen anzunehmen, so wie er ist. Solidarisch zu sein und, wenn nötig oder gefragt, zu helfen, zu unterstützen, zu begleiten.

Dass viele Menschen diese Werte auch abseits der christlichen Konfessionen leben, erlebt Pater Andreas derzeit, wenn es um Flüchtlinge geht. Auf die Frage nach Legida und Co., winkt er ab. „Das ist nur eine kleine Gruppe“, sagt er. „Es gibt sehr viele Menschen, die helfen wollen.“ Viele Ehrenamtliche sind bereit, Flüchtlinge willkommen zu heißen, sie aufzunehmen, mit Kleidung oder anderem zu helfen. „Viele engagieren sich etwa bei der Hausaufgabenhilfe oder helfen Flüchtlingen bei der Wohnungssuche.“ Es versteht sich fast von selbst, dass Andreas Knapp einer von ihnen ist. Auch er kümmert sich um mehrere Familien.

Und wie wird es nun sein, wenn der 100. Deutsche Katholikentag nach Leipzig kommt? Müssten die Teilnehmer nicht viel mehr vom wahren Leben in Leipzig sehen, eben auch an die Ränder gehen? „Es werden auch einige zu uns kommen“, erzählt Knapp. Als Gäste der Gemeinschaft oder auf ihre Vermittlung in der Nachbarschaft untergebracht. „Sie werden also einiges mitbekommen“, sagt der Ordensmann.

Die Vielfalt der Kirche

Was erwartet er vom Katholikentag? Vor allem Begegnungen – zwischen Nichtglaubenden und Glaubenden, konfessionell Gebundenen und Nichtgebundenen, obwohl ihm diese Beschreibungskrücken alle nicht gefallen. Aber er wünscht sich, dass die Vielschichtigkeit der Menschen und die Freude über die Vielfalt der Kirche erfahrbar werden. „Die Gruppen und Organisationen, die Jungen und Alten, die Frauen und Männer“ sollen zeigen, was und wie Kirche ist.

Und mit Blick auf die Situation in unserer Gesellschaft sagt Knapp: „Wir sind in einem Prozess, den niemand vorhersehen kann. Niemand hat Antworten. Da braucht es eine große Nachdenklichkeit und Offenheit.“ Die Menschen müssten begreifen, dass es in der Gesellschaft viele verschiedene Gruppen gibt, dass Schwarz-Weiß-Denken niemanden weiterbringt und vor allem, „dass wir alle zusammenarbeiten müssen“, betont Pater Andreas.

„Niemand hat Antworten. Da braucht es eine große Nachdenklichkeit und Offenheit.“

Der Ordensmann hat einige Zeit in Bolivien gelebt und sich dort für die Indigenas engagiert. Vielleicht sind ihm die Themen Zusammenhalt und Gemeinschaft auch deshalb so wichtig. Was er mitgenommen hat von den Menschen, die meist in bitterer Armut und Ausgrenzung leben: „Eine große Gastfreundschaft und Offenheit des Herzens, und das bei großer materieller Armut.“

Immer mal wieder hat Andreas Knapp daran gedacht, wieder nach Südamerika zu gehen – aber nun hat er in Leipzig erst einmal Neues begonnen: Seit einigen Monaten ist er als Gefangenenseelsorger tätig. Auch während des Katholikentages wird Knapp im Gefängnis sein – gemeinsam mit anderen Vertretern der Gefangenenseelsorge in Deutschland. Darüber hinaus ist er auf mehreren Podien zu Gast. Und gemeinsam mit einer Ordensschwester an der Orgel wird er in der Bethanienkirche Gedichte und Texte rezitieren.

Der Weg der Stille

Denn Pater Andreas ist ein Mann der Worte. Er weiß um ihre Wirkkraft, er liebt das Spiel mit der Sprache, das Ausloten von Bedeutungsschichten, das Zusammenfügen, Wortschöpfen und Verdichten von Bildern, Gedanken und Gefühlen zu Gedichten. Rund 20 Bücher, schätzt er, hat er bislang veröffentlicht, genau weiß er es gar nicht. Raum, um die Inspiration fließen zu lassen und seine Gedichte oder anderen Texte zu schreiben, findet er nicht nur, wenn er in die Stille geht, etwa für einige Tage in die Eremitage, eine Hütte im Wald, welche die Gemeinschaft nutzt. Auch auf dem halbstündigen Weg von Leipzig-Grünau in die Innenstadt schreibt der Priester und Poet seine Werke – in der Straßenbahn.

Wer mit Pater Andreas spricht, erlebt einen in sich ruhenden Mann. Einen Menschen, der weiß, dass er am richtigen Platz ist und dass er das lebt, was als Samenkorn in ihm angelegt war. Er ist seinem Herzen und seiner Berufung gefolgt und seinen Weg konsequent weitergegangen. Den Weg der Worte, den Weg der Stille, den Weg der Einfachheit – und den Weg zu den Menschen.

Der Text ist lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.
Foto: © Michael Winter (Bild nicht zur Verwendung freigegeben)

1 Kommentar

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  1. Max Bingart

    …ja, ich habe Pater Andreas kennenlernen dürfen. Er ist kein Schreiender in der Wüste, sondern ein Helfender in unserer wüsten Welt. Er gibt keine Geschenke, dennoch gibt er Alles.
    Warum nehmen wir Katholikentagbesucher nicht einen Leipziger ein paar Stunden „an die Hand“ und zeigen ihm, wie wir unseren Glauben leben, nicht schulmeisterlich, sondern authentisch.
    Ich freue mich auf Leipzig!
    Max Bingart