Steffen Balmer, Künstler aus Leipzig

Steffen Balmer möchte Interaktion schaffen – als Künstler wie auch als Mitbegründer vom Leipziger Straßenfest „Westbesuch“. Seine Ideen haben die Stadt verändert. Vieles ist schön geworden, findet er. Wäre da nicht dieses Geld. Ein Gespräch über seine Kunst, Kultur und die Stadt.

Zehn Jahre lang hat das Straßenfest „Westbesuch“ auf der Karl-Heine-Straße stattgefunden – bis vergangenen Dezember. Warum haben Sie es verlegt?
Steffen Balmer: Es hat jetzt endlich mal wieder richtig Spaß gemacht. Denn niemand hat davon profitiert – außer den Gästen und den Menschen, die dort Kultur gemacht haben. Und genau das wollten wir endlich wieder.

Auf wen spielen Sie an?
Steffen Balmer: Einige der Ladenbesitzer auf der Karl-Heine-Straße haben sich schwer damit getan, auch etwas Kulturelles für das Straßenfest zu organisieren. Die haben sich gar nicht für den Stadtteil interessiert, sondern nur dafür, ihre Bratwürste zu verkaufen.

War das mal anders auf der Karl-Heine-Straße?
Steffen Balmer: Ja. Manche Stadtplaner haben sogar gesagt, dass die Karl-Heine-Straße kein Potential hat. Wir haben das anders gesehen. Als 2005 der „Westbesuch“ gegründet wurde, gab es fantastische Möglichkeiten: Wunderschöne Läden, große Räume – und alles stand leer. Den Hausbesitzern war es egal, was damit geschieht. Die haben uns die Schlüssel in die Hand gedrückt und gesagt: Macht was. Und dann gab es eine Ausstellung nach der anderen – und eben auch das Straßenfest „Westbesuch“ als besonderes Event. Wir dachten: Mit Kultur kann man Menschen immer begeistern. Wir hätten aber niemals gedacht, dass wir damit so einen Ruck durch den Stadtteil auslösen.

Mittlerweile ist das Viertel ja ziemlich hip und auch weitestgehend saniert. Liegt das auch am „Westbesuch“?
Steffen Balmer: Zu einem Teil zumindest. Und so, wie der Stadtteil jetzt ist, find ich ihn wirklich schön geworden. Natürlich gibt es auch die Immobilienbesitzer, die vor zehn Jahren noch am liebsten ihre Häuser verschenkt hätten, weil sie dachten, die brechen zusammen und sie müssen einen Haufen Geld aufbringen, um zu sanieren. Die sind praktisch von Null hoch – nach oben offen, was die Preise angeht. Die haben natürlich auch von uns profitiert.

Ihre eigene Wohnung – in einer alten Fabrik im Leipziger Westen – wurde ja auch von einem Investor aufgekauft. Und Sie mussten ausziehen.
Steffen Balmer: Da ist es mir das erste Mal so richtig unbehaglich geworden, als es dann mit der Holbeinstraße losging. Mehrere Bewohner von dort haben den „Westbesuch“ organisiert. Die hat das aber überhaupt nicht interessiert, dass wir dort etwas mit aufgebaut haben. Etwas, mit dem die ja auch für die neuen Wohnungen werben: Kultur.

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Dennoch organisieren Sie weiterhin das Straßenfest.
Steffen Balmer: Ja, es macht ja auch Spaß zu sehen, dass so viele andere Menschen Freude daran haben. An den Bands und dem Theater und dem ganzen Ramba-Zamba, das wir dort veranstalten.

Sie sind ja auch Künstler. Auf was kommt es Ihnen bei Ihrer Kunst an?
Steffen Balmer: Meine Installationen kreisen immer um Personen und deren Verhältnis zu anderen Personen. Wenn man zur Ausstellung geht, sieht man oft nur fertige Bilder. Ich finde es zum Beispiel spannend, wenn die, die das sehen, auch Einfluss nehmen können auf das Bild. Bei einer meiner Installationen wollte ich genau das möglich machen. Thema war „Nähe und Distanz“. Es geht darum, wie Menschen und Objekte auf den Betrachter reagieren, wenn er sich dem Bild nähert. Zum Beispiel habe ich mit einem Beamer eine Person in Lebensgröße auf die Wand projiziert. Die Person wartet auf einen Betrachter und dann reagiert sie auf ihn. Sie entfernt sich optisch von ihm, wird also kleiner, sobald sich der Beobachter nähert.

Und die Bedeutung natürlich…
Steffen Balmer: …ist, dass man der Person ihren Bewegungsraum lassen muss. Eine respektvolle Distanz. Aber es geht nicht nur um Menschen. Mir sind in dieser Richtung viel mehr Sachen eingefallen. Zum Beispiel ein Text. Und wenn ich dem zu nah komme, dann ist der unscharf geworden. Wenn man wieder zurückgegangen ist, wurde der wieder scharf. Man muss Distanz bewahren, damit man den Text lesen kann.

Wie hat das technisch funktioniert?
Steffen Balmer: Umgesetzt habe ich das mit einem Distanzmesser, der elektronisch ablesen kann, wo die Besucher im Raum stehen. Den konnte man aber so nicht sehen.

Haben die Besucher diesen Versuchsaufbau sofort begriffen?
Steffen Balmer: Für die meisten Betrachter war das ein Lernprozess. Als Erstes haben die Leute wahrgenommen, dass sich das Bild verändert. Dadurch waren die meisten erst einmal eher geneigt, noch näher hin zu gehen, um herauszufinden, warum sich das Bild verändert. Und das, obwohl sie selbst ja Verursacher der Veränderung waren. Erstaunlicherweise war der Lernprozess danach aber ziemlich schnell.

Warum genau das Thema?
Steffen Balmer: Mir ist die Auswahl meiner Themen nicht immer so transparent… Ich wollte eben Interaktion schaffen.

Interessieren Sie sich denn für den Katholikentag?
Steffen Balmer: Ich hoffe, es gibt schöne Konzerte, an denen alle teilnehmen können. Aber letzten Endes, klar, will der Katholikentag auch nicht Kunst vermitteln, sondern das kirchliche Anliegen. Es soll ja ein gutes Feeling für die Kirche entstehen. Aber ich bin gespannt, wie viel Fantasie die Veranstalter haben, über ihre kirchlichen Begehren hinauszugehen. Da lasse ich mich gerne überraschen.

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Foto: © Christina Schmitt/einundleipzig

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