Monsignore Pirmin Spiegel aus Aachen, Hauptgeschäftsführer von Misereor

Wer das Programm des Katholikentags nach dem Stichwort Misereor durchsucht, stößt auf eine Vielzahl von Treffern. Das kirchliche Hilfswerk gestaltet – teils in Kooperation mit anderen Partnern – etliche Veranstaltungen, mehrere Misereor-Vertreter beteiligen sich an Podien und geistlichen Angeboten. Warum sich das Hilfswerk so sehr beim Katholikentag engagiert, beschreibt Hauptgeschäftsführer Monsignore Pirmin Spiegel in einem Gastbeitrag.

„Der Katholikentag ist für uns keine Pflichtveranstaltung, bei der sich die immer selben Menschen treffen und die immer selben Themen diskutieren. Mich ärgert dieser manchmal geäußerte Vorwurf, denn ich habe Katholikentage immer ganz anders erlebt und die ihnen innewohnenden Möglichkeiten geschätzt. Bei dieser Veranstaltung geht es um zentrale Themen, und zwar Deutschlands, Europas und der Welt. Katholikentage sind Orte des Zuhörens, sie haben das Ohr an der Gesellschaft, an den Sorgen und Hoffnungspotentialen der Menschen. Die Diskussionen dort erfolgen in einem guten Geist und eröffnen nicht selten neue Horizonte. Und nicht zuletzt bieten Katholikentage die unschätzbare Möglichkeit, Gemeinschaft zu erleben.

Spiegel 2Für uns von Misereor bietet der Katholikentag die Gelegenheit zu Information und Dialog, denn zu unseren Aufgaben gehört es auch, die Öffentlichkeit für die Lebenssituationen und Nöte der Menschen in anderen Erdteilen zu sensibilisieren und Zusammenhänge zwischen den Lebenswelten aufzuzeigen. Einer unserer Schwerpunkte ist das Thema des fairen Handels. Misereor ist gemeinsam mit Brot für die Welt Mitbegründer des Fair-Handelshauses GEPA, und Leipzig hat das Siegel der Fair-Handelsstadt. Da rennen wir offene Türen ein.

Auf die Podiumsdiskussion zum Thema ‚Wie können Religionen helfen, die Welt besser zu machen?‘ freue ich mich. Sie schließt an eine Initiative an, die Entwicklungsminister Gerd Müller kürzlich gemeinsam mit Religionsvertretern und Hilfsorganisationen gestartet hat. Dabei geht es um die Rolle der Religionen als Partner der Entwicklungszusammenarbeit, schließlich gehören 80 Prozent der Weltbevölkerung einer Religionsgemeinschaft an. Dabei wollen wir die positiven Aspekte – man denke nur an Inhalte wie Nächstenliebe oder Gerechtigkeit – in den Vordergrund stellen, ohne deshalb die Gefahren einer Instrumentalisierung von Religion zu übersehen, wie wir sie derzeit in verschiedensten Weltregionen erleben. Meine Mitdiskutanten werden ein UN-Experte, ein Vertreter des Entwicklungsministeriums und Kardinal Peter Turkson vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden sein.

SpiegelIch werde in diese Diskussion sicher auch meine Erfahrung als Missionar in Brasilien einbringen – wobei man den Begriff nicht mit der Brille des Kolonialismus lesen darf. Heute bedeutet Missionar sein, für die Hoffnung, für die Gerechtigkeit, für die Barmherzigkeit Zeugnis zu abzulegen. Ein Missionar muss zuerst einmal zuhören können. Er darf nicht als Besitzer der Wahrheit auftreten, sondern muss zum Dialog einladen und Zeugnis seiner Hoffnung geben.

Die vielen Jahre, die ich in Brasilien gelebt habe, haben mich geprägt und verändert. Ich habe gelernt, die Welt aus der Situation der Armgemachten zu sehen. Ich habe dort gelernt, dass arm sein bedeutet, rechtlos und ausgeschlossen zu sein. Die Menschen dort sagen: ‚Im Himmel haben wir alle Heimatrecht, aber auf Erden nicht.‘ Es ist unsere Aufgabe als Kirche, allen Menschen auf dieser Erde Heimatrecht zu geben, weil sie Teil der göttlichen Schöpfung sind. Hier muss die Kirche nicht zum parteipolitischen, sehr wohl aber stärker zum politischen Akteur werden, um dieser Erde und der Menschen und der künftigen Generationen willen.

Und hier schließt sich der Kreis zum Katholikentag, dem genau das ein besonderes Anliegen ist. Kirche steht  in der Gesellschaft und ist eingeladen vom Rande her zu denken. Sie hört zu und liefert Impulse. Sie sucht den Dialog mit den Menschen, auch in eher säkularisierten Kontexten. Ich freue mich auf diese anregenden Gespräche.“

Text und Bilder sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.

 

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