Andreas Kutschke, Diözesanadministrator für das Bistum Dresden-Meißen

Gut zwei Jahre nur war Heiner Koch Bischof von Dresden-Meißen, dann wurde er von Papst Franziskus zum Erzbischof von Berlin ernannt. Seitdem leitet Andereas Kutschke als Diözesanadministrator die Geschicke der Diözese. Zu seinen Aufgaben gehört auch die Vorbereitung des Katholikentags. Wie stark er hier eingebunden ist und welche Impulse er sich von der Großveranstaltung erhofft, erzählt er im Interview.

Herr Kutschke, Sie leiten seit September 2015 übergangsweise das Bistum Dresden-Meißen. Mit welchen Gefühlen haben Sie das Amt des Diözesanadministrators übernommen?

Andreas Kutschke: Mit einem gehörigen Respekt, denn unser Bistum befindet sich derzeit in einer wichtigen Phase von Herausforderungen und Veränderungen. Bischof Heiner Koch hat 2013 hier den „Pastoralen Erkundungsprozess“ gestartet. Er hat die verschiedenen Verantwortungsgemeinschaften der Diözese dazu eingeladen, sich Gedanken zu machen, wie sich der Glaube – angesichts der sich verändernden Situation – vor Ort mit Leben erfüllen und neu in die Gesellschaft hineintragen lässt. Was will Gott von uns heute, hier? Das ist ein herausfordernder geistlicher Veränderungsweg. Diesen Prozess gilt es weiterzuführen. Und natürlich zählt auch der anstehende Katholikentag in Leipzig zu den aktuellen Herausforderungen.

Bedauern Sie, dass dieses Ereignis aller Voraussicht nach in die bischofslosen Monate fällt?

Andreas Kutschke: Natürlich bedauere ich das, denn für die Wahrnehmung eines Bistums ist es wichtig, dass es dort einen Bischof gibt. Umgekehrt bietet ein Katholikentag einem Bischof die Chance, sein Bistum zu präsentieren und Kontakte in die Gesellschaft hinein zu knüpfen.

Der 100. Deutsche Katholikentag im sogenannten heidnischen Osten – was bedeutet Ihnen das als Geistlicher und gebürtiger Sachse?

Andreas Kutschke: Es stellt für unser Bistum eine Auszeichnung dar, dass ausgerechnet der Jubiläums-Katholikentag hier stattfindet. Ich sehe darin eine mutige Zeitansage, dass sich die Kirche mit den Herausforderungen einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft auseinandersetzen möchte.

andreas_kutschke_hochWie stark sind Sie in die Vorbereitungen eingebunden?

Andreas Kutschke: Ich nehme Verantwortung in verschiedenen Gremien wahr. Dazu gehört der Katholikentags e. V., der die wirtschaftlichen, rechtlichen und organisatorischen Mittel und Voraussetzungen für den Katholikentag sicherstellt. Außerdem sitze ich in der Katholikentagsleitung, dem obersten beschlussfassenden Gremium des Katholikentags in inhaltlichen und programmatischen Fragen. Damit bin ich eng an den grundsätzlichen Weichenstellungen dran. Das reicht von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen über die Schwerpunkte des Programms bis hin zu Entscheidungen zur Werbekampagne. In das operative Geschäft hingegen bin nicht involviert. Das wäre auch nicht machbar. Aber da haben wir ja die Geschäftsstelle des Vereins unter Dr. Stauch und das Diözesanbüro in Leipzig, das Propst Gregor Giele leitet.

Welche Erwartungen, welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Katholikentag?

Andreas Kutschke: Ich hoffe zum einen, dass möglichst viele Katholiken aus ganz Deutschland die Möglichkeit wahrnehmen, nach Leipzig zu kommen und diese anregende Stadt kennenzulernen. Ich wünsche mir auch, dass sich die Kirche in ihrer ganzen Breite und Buntheit präsentiert und sich gewinnbringend mit den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzt, an deren Spitze derzeit sicherlich die Flüchtlingsfrage steht. Für unser Bistum erhoffe ich mir Anregungen, wie wir den Glauben in unseren Gemeinden noch besser leben können. Aber ich denke umgekehrt auch, dass wir den Menschen, die aus ganz anderen Kontexten heraus zu uns nach Leipzig kommen, manches an Anregungen mit auf den Weg geben können.

Zum Beispiel?

Andreas Kutschke: Christen, erst recht katholische Christen, sind in Leipzig eine gesellschaftliche Minderheit. Und dennoch sind unsere Pfarreien dort meist junge und wachsende Gemeinden. Da wird ein enormes Potential deutlich! Und im Blick auf den Katholikentag bin ich immer wieder auch überrascht, wenn deutlich wird, an wie vielen verantwortlichen Positionen der Gesellschaft, in Politik, Kultur, Verwaltung oder auch den Medien Christen Verantwortung wahrnehmen. Hier wird christliche Weltverantwortung aktiv gelebt – in die heutige Gesellschaft hinein.

Sie sind in Thammenhain, einer kleinen Ortschaft im Landkreis Leipzig aufgewachsen. Welche Rolle spielte der Glaube in Ihrer Kindheit?

Andreas Kutschke: Ich bin in einer für DDR-Zeiten eher untypischen Situation aufgewachsen. Mein Vater hat bei uns im Ort ein Caritas-Altenpflegeheim geleitet, in dem Ordensschwestern gearbeitet haben. Und einen Hausgeistlichen gab es natürlich auch. Ich habe also Kirche von klein auf in einer großen Selbstverständlichkeit erfahren. Zugleich habe ich natürlich auch die Diaspora-Situation zu spüren bekommen. Die Pfarrkirche in Wurzen lag 15 Kilometer entfernt, so dass es schon als Jugendlicher unerlässlich war, ein Moped zu besitzen, wenn man beispielsweise an den Jugendabenden teilnehmen wollte.

Gab es noch andere Katholiken in Ihrem Umfeld?

Andreas Kutschke: In meiner Schulklasse war ich der einzige Katholik, so dass die nächsten Verbündeten die Kinder waren, die aus evangelischen Familien stammten.

„Aber ich wurde auch mit der bekannten Aussage konfrontiert, dass es im Himmel keinen Gott geben könne, weil ihn die Kosmonauten dort nicht gesehen haben.“

Mussten Sie sich für Ihren Glauben rechtfertigen?

Andreas Kutschke: Dass ich aus einer katholischen Familie stammte, war allseits bekannt. Manche Lehrer gaben mir deshalb schon früh zu verstehen, dass ihnen natürlich klar sei, dass ich gewisse Dinge anders sehe. Aber ich wurde auch mit der bekannten Aussage konfrontiert, dass es im Himmel keinen Gott geben könne, weil ihn die Kosmonauten dort nicht gesehen haben.

Waren Sie wegen Ihres Glaubens Repressalien seitens des DDR-Regimes ausgesetzt?

Andreas Kutschke: Gegen Ende meiner Schulzeit wurde mir deutlich gesagt, dass ich mit meiner politischen Einstellung nicht an die Erweiterte Oberschule delegiert werden könne. Es gab dann Versuche, mit mir über eine längere Verpflichtung in der NVA zu verhandeln, aber da wir mittlerweile das Jahr 1990 erreicht hatten, löste sich das alles aufgrund der veränderten Zeitumstände in Luft auf. Und statt irgendeine Ausbildung zu beginnen, ging ich dann in die Oberpfalz, um dort in einem Internat mein Abitur abzulegen.

Warum in die Oberpfalz?

Andreas Kutschke: Die begrenzten Plätze an der Erweiterten Oberschule waren ja bereits besetzt worden, und diese Entscheidung wurde nicht rückgängig gemacht. Wenn ich also zeitnah mein Abitur machen wollte, dann musste ich in den Westen gehen.

Wann war Ihnen klar: Ich möchte Priester werden?

Andreas Kutschke: Ich habe diesen Wunsch erstmals in diesen Jahren in Bayern gespürt. Mein Internat wurde von einem Orden geführt, und die geistliche Atmosphäre dort hat mich stark angesprochen. Dennoch hatte ich die Sorge, dass dieser Wunsch nur den Umständen geschuldet und nicht wirklich in mir verwurzelt war. Ich habe deshalb erst einmal ein Kontrastprogramm eingeschoben und meinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr absolviert. Als ich danach immer noch der Meinung war, dass der Weg zum Priesterberuf der richtige für mich ist, bin ich in Erfurt ins Priesterseminar eingetreten.

Gab es danach noch Momente des Zweifels?

Andreas Kutschke: Anfragen, Unsicherheiten oder Zweifel gehören zu diesem Weg. So habe auch ich mich ab und an gefragt, ob ich eigentlich den Ansprüchen des Priesteramts genügen und diese Lebensform wirklich für mich bejahen kann. Aber meinen Glauben habe ich nie grundsätzlich in Frage gestellt.

Was fasziniert Sie bis heute an Ihrem Beruf?andreas_kutschke_schreibtisch

Andreas Kutschke: Dass ich darin, bei allen Veränderungen, eine Berufung erkennen kann. In den letzten Jahren, nach den Aufgaben als Kaplan und Pfarrer, hat sich ja vieles drastisch verändert. Zunächst wurde ich zum Generalvikar berufen, jetzt bin ich Diözesanadministrator. Statt als Gemeindeseelsorger mit den Gläubigen vor Ort ein Stück ihres Lebens zu teilen, ist es nun meine Aufgabe, die Kirche unseres Bistums zu stärken und anderen zu ermöglichen, ihre Aufgabe vor Ort so gut wie möglich wahrzunehmen. Die entscheidende Kraftquelle bei dieser Aufgabe bleibt für mich die Feier der Eucharistie.

Fehlt Ihnen manchmal der Kontakt zu den Gläubigen in einer Pfarrei?

Andreas Kutschke: Sagen wir es so: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich bei Veranstaltungen oder als Vertretung einen Gottesdienst in einer Gemeinde feiern kann. Diese Erdung ist, denke ich, sehr wichtig, wenn man in einer kirchlichen Führungsposition tätig ist.

Reizt es Sie manchmal, die ostdeutsche Diaspora zu verlassen und in eine katholische Hochburg zu ziehen, wo Kirche und Glaube noch viel selbstverständlicher die Gesellschaft prägen als in Ihrer Heimat?

Andreas Kutschke: Nein. Auch in den katholischen Hochburgen hat die Säkularisierung Einzug gehalten, und die Verhältnisse dort sind keineswegs ideal. Im Gegenteil: Die vermeintliche Selbstverständlichkeit, die viele dort zu spüren glauben, erschwert es oft, den Glauben wirklich neu für die Menschen zu erschließen. Hier in unserer Diaspora erlebe ich demgegenüber eine große Offenheit für Fragen nach Gott, nach Glauben, nach Kirche. Die meisten Menschen haben kaum Erfahrungen damit. Das aber bedeutet, dass sie sich auch nicht bewusst dagegen entschieden haben, wie vielleicht jene, die aus der Kirche ausgetreten sind. Diese Offenheit sehe ich als eine große Chance.

Dieses Interview wurde vor Ernennung des neuen Bischofs von Dresden-Meißen geführt und veröffentlicht.

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