Martin Schulz, SPD-Politiker und Präsident des Europäischen Parlaments

Seit vielen Jahren kämpft Martin Schulz mit all seiner Kraft für ein geeintes und einiges Europa. Als Präsident des Europäischen Parlaments setzt er sich dafür ein, dass die Errungenschaften der europäischen Einigung auch in Zeiten der Flüchtlingskrise nicht leichtfertig aufgegeben werden. Was ihn dabei anspornt und was ihn mit Papst Franziskus verbindet, erzählt der SPD-Politiker im Interview mit 100 Tage, 100 Menschen.

Herr Schulz, waren Sie schon einmal auf einem Katholikentag?
Martin Schulz: Zu meinem großen Bedauern bisher leider noch nicht, ich war aber schon auf evangelischen Kirchentagen.

Warum nicht?
Martin Schulz: Das hatte rein terminliche Gründe. Leider werde ich es auch diesmal nicht schaffen. Ich bedaure das sehr.

Essentiell zum Angebot von Katholikentagen gehört die Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Kirche auf diesem Gebiet?
Martin Schulz: Die größten Herausforderungen, die sich uns als Europäerinnen und Europäer im Moment stellen, sind mit Sicherheit die Flüchtlingskrise und der wachsende Rechtspopulismus in Europa. Auf beiden Gebieten spielt die Kirche eine ganz wichtige Rolle. In seiner großen Rede vor dem Europäischen Parlament im November 2014 hat Papst Franziskus darauf hingewiesen, wie viel auf dem Spiel steht, und zugleich deutlich gemacht, dass die Anliegen der Europäischen Union und der katholischen Kirche zu einem großen Teil Hand in Hand gehen. Die Werte der Toleranz, des Respekts, der Gleichheit, der Solidarität und des Friedens sind Teil unseres gemeinsamen Auftrages. Die Europäische Union steht für Miteinander statt Gegeneinander, für Einbeziehung statt Ausgrenzung. Ob es um Fragen der der sozialen Gerechtigkeit oder der ungleichen Verteilung von Reichtum und Lebenschancen geht; ob es um die Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft oder um Kriege und Konflikte in unserer Nachbarschaft und darüber hinaus geht. Wir stehen vor gemeinsamen Herausforderungen.

„Die Werte der Toleranz, des Respekts, der Gleichheit, der Solidarität und des Friedens sind Teil unseres gemeinsamen Auftrages.“

Würden Sie sich darüber hinaus weitere Impulse auch für Ihre eigene politische Arbeit wünschen?
Martin Schulz: Die Botschaft des Papstes ist eine des Friedens und des Dialogs, der Aufrichtigkeit und der Verantwortung füreinander, der Solidarität und des Miteinanders. Dies führt uns deutlich vor Augen, dass wir gemeinsame Aufgaben gemeinsam lösen müssen, da wir vereint stärker sind als allein. Das ist eine sehr europäische Botschaft. Denn genau darauf fußt die Idee der europäischen Einigung. Heute gilt es mehr denn je, sich den zerstörerischen Kräften entgegen zu stellen, die die europäischen Errungenschaften zunichtemachen wollen. Wir müssen dagegen ankämpfen und uns dafür einsetzen, dass Europa weiter zusammenrückt. Auch hierbei spielt die Kirche eine wichtige Rolle.

In der Rede, die Sie eben angesprochen haben, hat der Papst zum Teil harte Worte gewählt. Er hat Europa als alt und müde bezeichnet und vor einem drohenden Bedeutungsverlust gewarnt. Teilen Sie die Diagnose des Papstes?
Martin Schulz: Er hat damit ja kein pessimistisches Bild von Europa gezeichnet, sondern einen eindringlichen Appell formuliert. Europa soll sich mehr um die Menschen kümmern und zu seinen unveräußerlichen Werten stehen. Das sehe ich genauso. Und er hat schon damals vor der Situation gewarnt, die heute angesichts der leider nicht funktionierenden Verteilung der Flüchtlinge auf alle Mitgliedsstaaten tatsächlich eingetreten ist. Er sagte, dass die fehlende Solidarität zwischen den Mitgliedsstaaten zu nationalen Lösungen führen würde. Und diese Vorgehensweise würde dann die Menschenwürde der Einwanderer missachten und zu sozialen Spannungen führen. Genau das ist dann ja auch eingetreten. Die Mitgliedsstaaten sind untereinander nicht solidarisch, die Staats- und Regierungschefs haben schon vor Monaten beschlossen, zumindest 160.000 Flüchtlinge umzuverteilen. Bis heute sind aber nicht einmal 1.000 Flüchtlinge umverteilt worden. Wenn die Staats- und Regierungschefs sich nicht an das halten, was sie selbst beschließen, dann fragt man sich schon, wohin das führen soll. So kommt Europa nicht voran.

Eindringlich hat Franziskus den europäischen Kontinent gemahnt, seine christlichen Wurzeln wiederzuentdecken. Sind die denn tatsächlich in Vergessenheit geraten?
Martin Schulz: Ganz bestimmt bei denjenigen, die für Pegida auf die Straße gehen und dabei vorgeben das christliche Abendland schützen zu wollen, sich aber gleichzeitig alles andere christlich verhalten. Der Papst hat in seiner Rede dazu angemerkt, dass Europa sich durch seine religiösen Wurzeln leichter gegen Extremismen schützen kann und meinte damit sicher auch Strömungen wie Pegida. Tatsache ist allerdings leider, dass Werte wie Solidarität zwischen den EU-Ländern derzeit keine Konjunktur haben. Ganz im Gegensatz dazu steht das beeindruckende und großartige Engagement vieler tausender Freiwilliger auch in Deutschland, die sich in ihrer freien Zeit für Flüchtlinge einsetzen.
Schulz_Sabine Engels

In diesem Jahr erhält Papst Franziskus den Aachener Karlspreis für seine Verdienste um Europa. Was war Ihre erste Reaktion auf diese Nachricht?
Martin Schulz: Ich habe mich sehr gefreut und ihm persönlich von ganzem Herzen zu dieser verdienten Auszeichnung gratuliert. Seine Worte finden weltweit Gehör und bieten Orientierung in Zeiten der Orientierungslosigkeit. Er steht wie kein zweiter für gegenseitigen Respekt, für Toleranz und für Gerechtigkeit. Als langjähriger Bischof in Südamerika, der mit Unrecht und Armut konfrontiert war, weiß er um die Bedeutung des Miteinanders und um das große Geschenk, in Freiheit und Sicherheit leben zu können. Zu Recht mahnt er uns Europäer deshalb, die großen Errungenschaften der europäischen Einigung nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen oder sie als gegeben hinzunehmen.

Sie sind seit vielen Jahren in der Europapolitik aktiv. Was treibt Sie an, sich weiter unermüdlich zu engagieren?
Martin Schulz: Die europäische Einigung ist eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften, die unser Kontinent je gesehen hat. Europa hat nach furchtbarem Leid, Rassenwahn, Krieg und Vertreibung wieder zusammengefunden und einen historisch einmaligen Wiederaufstieg erlebt. Vergessen wir nicht, dass die EU 2012 hierfür den Friedensnobelpreis bekommen hat. Heute ist dieses großartige Projekt durch nationale Egoismen gefährdeter denn je. Wir dürfen unsere Kinder und Enkelkinder unter gar keinen Umständen dahin zurückschicken, wo unsere Eltern und Großeltern herkamen. Deswegen setze ich mich mit allem, was ich habe, für Europa ein, damit wir der nächsten Generation ein geeintes und friedliches Europa hinterlassen können.

Wünschen Sie sich manchmal einen ruhigeren Job mit geregelteren Arbeitszeiten?
Martin Schulz: Ich habe einen Knochenjob, da besteht kein Zweifel. Da wünscht man sich schon manchmal etwas mehr Ruhe. Aber ich mache ihn gerne und möchte nichts anderes machen. Ich kämpfe aus voller Überzeugung und so gut ich kann für Europa.

Sie sind Katholik, haben eine Klosterschule besucht. Prägt diese Erziehung, prägt Ihr Glaube Ihre politische Arbeit?
Martin Schulz: Meine Mutter war sehr gläubig, mein Vater eher nicht. Das hat mich natürlich geprägt. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir die Gaben und die Talente, die uns gegeben sind, zum Nutzen anderer einsetzen sollten. Der Respekt vor anderen Menschen sollte die Grundlage unseres Zusammenlebens sein. Das gilt für die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung genauso, wie für alle anderen Menschen auf der Welt. Wir haben alle dasselbe Recht, auf dieser Erde zu leben. Und das prägt meine politische Arbeit.

Kommen wir zum Schluss noch einmal auf den Katholikentag zurück. Die Ausgabe 2016 findet in Leipzig statt. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach, dass die Kirche in einer Region Präsenz zeigt, in der kaum 20 Prozent der Menschen einer christlichen Konfession angehören?
Martin Schulz: Es wäre ja fatal, sich dort deswegen zurückzuziehen. Dann würde man nicht nur die verbleibenden 20 Prozent im Stich lassen, sondern auch den Kontakt zu den anderen ganz verlieren. Es ist gut, wenn die Kirche den Dialog mit denen sucht, die ihr nicht angehören. Wenn wir nicht miteinander reden würden, würden wir ja aneinander vorbei leben. Und das kann niemand wollen. Genau in diese Richtung geht ja auch das Motto des Katholikentags, „Seht, da ist der Mensch!“ Das soll doch dazu anregen, sich mit der Lebenswirklichkeit der Menschen auseinanderzusetzen. Ich glaube also, dass der 100. Katholikentag ganz zeitgemäß genau am richtigen Ort stattfindet.

Text und Bilder sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.
Fotos: © Diermar Butzmann (Header); Sabine Engels

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