Martina Neumann, Projektleiterin beim Verein Ökolöwe in Leipzig

„Tauschen Sie Ihre blaue Prunkwinde gegen meine Pimpernelle?“ Eine Frau mit kurzen roten Haaren blickt hoffnungsvoll in das Gesicht ihres Gegenübers. In einem alten Joghurtbecher hat sie ihre Pflanzensamen mitgebracht, fein säuberlich in winzigen Tütchen aus Zeitungspapier verpackt und handbeschriftet. Saatgut aus dem Supermarkt sucht man auf den runden Holztischen im Leipziger Haus der Demokratie vergebens. „Auf unserer Saatgut-Tauschbörse darf nur ökologisches Saatgut getauscht werden“, sagt Martina Neumann, 36, Projektleiter beim Ökolöwen, dem Leipziger Umweltbund, der sich für eine umweltgerechte und ökologisch nachhaltige Entwicklung der Region einsetzt. Gerade tummeln sich an die 40 Menschen auf der Tauschbörse, passionierte Hobbygärtner, Blumenliebhaber und Kräuterzüchter. Das Publikum ist so bunt gemischt wie das Saatgut. Graue Locken treffen auf Dreadlocks, Hanffaserpullis auf Hemdkragen.

saatmesse_02 Die Veranstaltung, die in Leipzig zum siebten Mal stattfindet, soll nicht nur für bunte Blütenpracht in der Stadt sorgen, sondern ist gleichsam ein Protest gegen die Monopole großer Konzerne, „die mittlerweile sogar Saatgut patentieren lassen“, sagt Neumann. „Viele Menschen wissen heutzutage nicht mal mehr, dass es nicht nur drei Tomatensorten gibt.“ Im Supermarkt liegen immer wieder die gleichen populären Sorten: Cocktailtomaten, Fleischtomaten, Roma-Tomaten. Viele alte Sorten sind längst in Vergessenheit geraten.

Seit 1989 kämpft der Verein „Ökolöwe“ gegen ebenjenes Vergessen an, er informiert, berät und klärt auf. „In unserem Stadtgarten wachsen beispielsweise 15 verschiedene Kartoffelsorten, jede sieht anders aus, riecht anders, schmeckt anders“, erzählt Neumann, die mit ihrem neongrünen Ökolöwen-T-Shirt schnell im Gewusel der Menschen auszumachen ist. „Und nicht nur Kinder sind überrascht, wie vielfältig die Natur ist.“ Der Stadtgarten Connewitz sei eine grüne Oase mitten in einem dichtbesiedelten Wohngebiet, ein biodiverser Ort, der der natürlichen Vielfalt Raum zum Wachsen lasse.

Auf diese Vielfalt will auch der 100.Katholikentag aufmerksam machen. Gemeinsam mit den Ökolöwen will das Projekt „BiodiverCity“ die Biodiversität in der Stadt in den Fokus rücken. „Das Projekt passt einfach unheimlich gut zu uns“, sagt die Projektleiterin. „Auch wenn die meisten von uns nicht gläubig sind, stehen wir absolut hinter dem Projekt und unserer Zusammenarbeit mit dem Katholikentag.“ Leipzig sei eine biodiverse Stadt, „wir haben den Auwald, urbane Gärten, Kanäle und nicht zu vergessen“, sagt Martina Neumann und lacht, „wir sind die Geburtsstadt der Schrebergärten.“

Der Wert der Natur

Die diplomierte Biologin kommt nicht gebürtig aus Leipzig sondern aus Rostock, lebt aber schon seit vielen Jahren in der Messestadt. Nach ihrem Diplom arbeitete sie zunächst als Wissenschaftlerin am Leipziger Max-Planck-Institut. Vor sieben Jahren wechselte sie dann zum Ökolöwen, der neben seiner umweltpolitischen Arbeit auch ganz praktisch mit anpackt. Die Mitglieder bewirtschaften den Stadtgarten, pflegen Streuobstwiesen und veranstalten Workshops und Führungen in der Natur. Neumann stieg als Umweltpädagogin beim Ökolöwen ein, „weil es so faszinierend ist, zu sehen, wie Kinder die Natur erleben, wenn man sie lässt“. Kinder seien gute Zuhörer, „sie lernen schnell und zeigen Empathie“, auch für die kleinsten Wesen. Schon ein gemeinsamer Waldausflug könne viel bewirken. „Wer Insekten und ihren Lebensraum kennenlernt, hat danach wenig Lust, die Tiere in der nächstgelegenen Pfütze zu ertränken oder ihnen die Beine rauszureißen.“ So lernen schon die Kleinsten den Wert der Natur, des Lebens und der Artenvielfalt schätzen.

Das käme in der Schule oft zu kurz. „Dort gibt es immer noch viel Frontalunterricht, Kinder verstehen häufig nicht, warum sie etwas tun.“ Das will das Projekt „BiodiverCity“ ändern. In vier Leipziger Schulen werden Hochbeete, Kräuterspiralen und ein Steingarten gebaut, auch ein Insektenhotel mit Wildblumenwiese ist bereits in Arbeit. „Wir haben nach den Winterferien mit den Schulprojekten gestartet. Pünktlich zum Katholikentag werden die Objekte fertig sein.“ Dann gebe es an jeder Schule eine Ausstellung. „Das ist wichtig, damit die Schüler sehen, was sie erreicht haben und stolz darauf sein können.“ Die selbst gebauten Lebensräume verbleiben nach dem Projekt an den Schulen. So können die Kinder ihr Wissen an die nachrückende Generation weitergeben.

Auch für den Rest der Leipziger Bürger und die anderen Katholikentagsbesucher haben sich Neumann und ihr Team etwas ausgedacht, einen Augen- und Gaumenschmaus der besonderen Sorte: Auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof stellen sie ein mobiles, bunt bewachsenes Hochbeet in Form der Zahl 100 auf. Neben Blumen werden dort auch heimische und mediterrane Kräuter ihren Duft versprühen. Probieren ist ausdrücklich erlaubt.

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Selbst Martina Neumann entdeckt immer wieder für sie unbekannte Sorten. Auf der Tauschbörse wandert ihr Blick über die von Menschen umzingelten Tische. „Wenn ich ehrlich bin, kenne ich mich nicht so gut mit Saatgut aus, wie man meinen könnte.“ Einen eigenen Garten hat die Leipzigerin nicht, lieber verbringt sie Zeit im Stadtgarten oder auf ihrem Balkon. Dort wachsen neben Tomaten auch verschiedene Kräuter, darunter Rosmarin, Dill und Petersilie, die früher oder später als Geschmacksträger in den Kochtopf der Biologin wandern. Und wer weiß, vielleicht kommt heute noch Nachtkerze oder Färberkamille hinzu – oder lieber eine Wunderblume? An Vielfalt mangelt es auf der Saatgut-Tauschbörse jedenfalls nicht.

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