Frank Richter, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen in Dresden

Mit Katholikentagen kennt sich Frank Richter aus. Gern erinnert sich der 55-Jährige zurück an den 92. Deutschen Katholikentag 1994 in Dresden. Mitte 30 war er damals und in dieses Großereignis involviert. Es war fast so etwas wie ein „Event“, auch wenn Richter das Wort in dem Zusammenhang nicht gefällt: „Katholikentage sind eine eigene Kategorie“, sagt er. „Damals stand der Begegnungscharakter der Deutschen untereinander im Vordergrund“, erinnert sich Richter. Es seien unglaublich viele junge Gläubige nach Dresden gekommen; „unterwegs zur Einheit“ war das Motto. Eine große Begeisterung, der Geist von 1989 sei so kurz nach der Wende spürbar gewesen.

Vor allem an den Samstagabend beim Katholikentag von 1994 denkt Richter gern, als sich die Teilnehmer auf den Elbwiesen versammelten. Als Jugendseelsorger war er damals der Hauptverantwortliche für Konzeption, Organisation und Durchführung des Jugendprogramms. Unzählige Kerzen wurden entzündet, ein bisschen so wie zur Wendezeit. Dabei kam es auch zu einem Beinahe-Zwischenfall: Das Wachs der Kerzen auf der Augustusbrücke tröpfelte auf den Boden. Am nächsten Tag, so wurde berichtet, wäre der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl fast auf einem dieser Wachsflecke ausgerutscht.

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Frank Richter, geboren 1960 in Meißen, studierte nach Abitur und Wehrdienst Philosophie und katholische Theologie in Erfurt und Neuzelle. 1987 wurde er in Dresden zum katholischen Priester geweiht, wurde dort Vikar und schließlich Jugendseelsorger. Richter erlebte die Wende nicht nur, er griff aktiv in die Ereignisse ein: Er war einer der Mitbegründer der „Gruppe der 20“. Die Vereinigung Dresdner Bürger zählte bei den friedlichen Demonstrationen am 8. Oktober 1989 zu den Wortführern, die mit der Volkspolizei verhandelten und eine Eskalation der angespannten Situation verhinderten. 1996 wurde Richter Pfarrer einer katholischen Gemeinde in Aue und schließlich Referent am Sächsischen Staatsinstitut für Bildung und Schulentwicklung.

Große Probleme

Doch 2005 kam es zu einer Wende in seinem Leben: Richter ließ sich aus dem Priesterstand entlassen und heiratete kurz darauf. 2009 wurde er Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Und wieder einmal ist es seine Funktion, die Richter zu einem Katholikentag führt. Aus gegebenem Anlass spricht er dort zum Thema „Fremd macht Angst! Fremdenfeindlichkeit – Ursachen und Umgang“.

Seit Monaten kommt das Bundesland Sachsen nicht aus den Negativ-Schlagzeilen heraus. Die islamfeindliche Pegida-Bewegung hat großen Zuspruch, es gibt Anfeindungen gegen Flüchtlinge und Brandanschläge auf ihre Unterkünfte. Richter will das Problem nicht kleinreden: „Wir haben erkennbar einen Zuwachs an Rechtspopulismus in ganz Deutschland“, sagt er. Sachsen habe eine hohe rechtsextreme Belastung: „Das ist wirklich ein riesiges Problem für dieses Land“, doch es sei „kein genuin sächsisches Problem“. Als Leiter der Landeszentrale ist Richter kein Freund des plakativen Aktionismus; er analysiert vielmehr Ursachen und Wirkungszusammenhänge.

Richter blickt nicht nur auf die jüngsten Ereignisse, sondern setzt deutlich früher an. Er berichtet, wie die rechtsextreme NPD nach der Wende strategisch und intensiv in Sachsen investiert hat. Ein Verlag zog von Bayern dorthin, Politiker verlagerten ihren Wohnsitz. Was ihnen in die Hände spielte, war der erhebliche Transformationsprozess, den der Wandel von der DDR-Planwirtschaft zur bundesrepublikanischen Marktwirtschaft mit sich brachte. Wichtige Schaltstellen in Wirtschaft und Politik wurden von Westdeutschen besetzt. In weiten Kreisen der Bevölkerung sei es zu einer Erfahrung der Entfremdung gekommen: „Viele Menschen vor allem aus dem ländlichen Raum sagten, dass sie sich nicht mehr heimisch fühlen“, so Richter.

Zudem habe der Freistaat über Jahrzehnte kaum Erfahrungen mit Zuwanderung gemacht. Mit dem deutlichen Anstieg der Flüchtlingszahlen hätten viele Bürger deshalb ein Gefühl der Überfremdung. Richter betont, dass der Osten Deutschlands zu den säkularisiertesten Gegenden Europas zähle. Der Zuzug von Asylbewerbern, von denen viele ihren muslimischen Glauben aktiv lebten, führe bei vielen Anwohnern zu einem Unbehagen. „Viele Menschen haben keine Vorstellung, was Religion für das Leben eines Menschen bedeuten kann“, erklärt Richter.

Pauschalisierungen helfen nicht weiter

In der Anfangsphase der Pegida-Bewegung geriet Richter bundesweit in die Schlagzeilen, als er der Bewegung in einer aufgeheizten Situation gestattete, in seinem Haus eine Pressekonferenz abzuhalten. Der Spiegel bezeichnete ihn daraufhin als „Pegida-Versteher“. Dabei spricht Richter eine klare Sprache. Er sagt, dass sich die Reden bei den Pegida-Demonstrationen im Laufe der Zeit immer weiter radikalisiert hätten. Er stellt sich klar gegen jede Form von Hetze gegen Flüchtlinge und Muslime und gegen fremdenfeindliche Ausschreitungen: „Diese Übergriffe sind durch nichts zu entschuldigen!“

Zugleich warnt er jedoch vor Pauschalisierungen, die auf die gesamte Bevölkerung abzielen und wirbt für Aufklärung und Dialog. Die „Flüchtlingskrise“ könne trotz aller Probleme eine Chance für Länder wie Sachsen sein, sagt Richter, der betont, dass er der Zukunft optimistisch entgegen sieht. Auch die westdeutsche Gesellschaft habe ihre Krisen durchlebt, vor allem in der turbulenten Zeit nach 1968. Daraus sei sie schließlich gestärkt hervorgegangen. Auch die Ostdeutschen müssten sich nun einer Herausforderung stellen und den Zuzug der Flüchtlinge bewältigen. Daraus, da ist sich Frank Richter sicher, wird diese Gesellschaft ebenfalls gestärkt hervorgehen.

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