Anna Katharina Hahn, Schriftstellerin aus Stuttgart

Dass Schreiben und Gebet viel gemeinsam haben, ist für Anna Katharina Hahn keine Frage, die sich wirklich stellt. Bei beiden, sagt die Schriftstellerin im Gespräch mit 100tage100menschen.de, ist sie ganz bei sich. Man merkt die Energie, die Hahn daraus zieht, ihrem dritten Roman „Das Kleid meiner Mutter“ sehr deutlich an. Die Autorin hat darin eine Vielzahl von Fäden verwoben – aktuelle, historische und vor allem literarische. Sie machen das Buch zu einem Abenteuer, in dem es um nicht weniger geht als um die Kraft der Literatur, der Imagination. Was das mit dem Katholikentag zu tun hat? Beim letzten Evangelischen Kirchentag, der 2015 in ihrer Heimatstadt Stuttgart stattfand, hat Hahn zum ersten Mal einen biblischen Impuls angeboten. 2016 engagiert sie sich auf dem Katholikentag – mit einer Bibelarbeit und einer Lesung aus „Das Kleid meiner Mutter“.

Wer sich nach Interviewpartnern für ein um Glauben kreisendes Projekt umschaut, stößt oft auf eine Mauer des Schweigens. Egal, ob es öffentliche oder nicht-öffentliche Personen sind – auch im Zeitalter der Digitalisierung will anscheinend kaum jemand über das Thema reden. Haben Sie eine Erklärung?
Anna Katharina Hahn: Gerade in intellektuellen Kreisen scheint es manchen regelrecht peinlich zu sein, den eigenen Glauben einzugestehen. Wir sprechen unbefangener über sexuelle Praktiken oder andere intime Dinge als über unsere Religiosität. Wir haben die Aufklärung hinter uns, und Religion scheint da etwas unter dem Verdacht zu stehen, rückständig zu sein.

Warum ist das bei Ihnen anders?
Anna Katharina Hahn: Ich muss gestehen: Ich habe selber relativ lange gebraucht, bis ich mich öffentlich hinstellen und sagen konnte, dass ich Christin bin. Heute fühlt sich das für mich sehr gut und richtig an. Mir wird aber oft die Theodizee-Frage gestellt: Wie kannst Du glauben, wenn es so viel Schreckliches auf der Welt gibt? Dazu kommt die Schuld, die das Christentum auf sich geladen hat. Und dazu kommen die vielen Kriege, die im Namen von Religionen zurzeit auf der Welt geführt werden. In Diskussionen mit Freunden sage ich dann immer, dass das natürlich alles stimmt und ich diese Argumente verstehen kann. Gleichzeitig ist der Glaube für mich etwas Schönes, Rettendes. Ohne ihn wäre das Leben noch schwerer.

„Der Glaube ist für mich etwas Schönes, Rettendes.“

Navid Kermani hat gerade ein vielbeachtetes Buch über das Christentum geschrieben. Muss erst ein Muslim kommen, um den Christen zu zeigen, wie faszinierend ihre eigene Religion ist?
Anna Katharina Hahn: Kermani hat ein sehr gutes Buch geschrieben. Aber Sie haben Recht: Ich finde, wir Christen sollten uns allmählich wieder selber auf die Socken machen, um uns mit unserem Glauben zu beschäftigen. Natürlich trifft man dabei auch auf negative Dinge, auf Sachen, die abstoßen. Aber es gibt unendlich viel Schönheit zu entdecken: großartige Schriften, Kunst, meditative Formen, die viele Menschen eher in anderen Religionen suchen. Es ist so viel intellektuelle Auseinandersetzung, auch Reibung möglich. Da wartet Freude – ästhetisch und spirituell.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nie zur evangelischen Kirche übertreten könnten, obwohl es auch im Protestantismus viel gibt, was sie überzeugt. Was fasziniert Sie so an der katholischen Kirche?
Anna Katharina Hahn: Ich bin katholisch erzogen worden. Der Dalai Lama hat einmal gesagt, dass wir am meisten in der Religion finden können, mit der wir aufgewachsen sind. Sich eine fremde zu erarbeiten, wird selten so fruchtbar sein. Darin steckt viel Wahres. Ich habe lange Zeit ohne Glauben gelebt und in anderen Religionen gesucht. Aus Gründen des Gefühls könnte ich aber zu keiner übertreten, ich kann es nicht anders beschreiben. Der Katholizismus gehört zu mir, die Liturgie, die Gebete – ich könnte das nie aufgeben.

Was kritisieren Sie andersrum an Ihrer Kirche?
Anna Katharina Hahn: Natürlich ist die katholische Kirche ein furchtbarer Männerverein, in dem alte Herren viel zu viel zu sagen haben. Gerade die Schwachen und Verwundeten kommen dabei meistens unter die Räder. Als Frau finde ich mich in vielen Dingen nicht wieder. Zum Glück haben wir aber eine Basis mit unglaublich klugen, intelligenten und couragierten Laien. An dieser Basis wird vieles längst praktiziert und gelebt, was das Dogma noch immer verbietet. Das halte ich für welt- und realitätsfremd. Es ist nicht für die Menschen gemacht.

„Zum Glück haben wir aber eine Kirchenbasis mit unglaublich klugen, intelligenten und couragierten Laien.“

Ist das auch ein Grund, weswegen Sie sich auf dem Katholikentag engagieren?
Anna Katharina Hahn: Die Laienbewegung hat schon immer aufbegehrt gegen diese Rückständigkeit. Ja, ich möchte mich einem modernen, liberalen Katholizismus zuordnen, ohne die großen Verdienste schmälern zu wollen. Ich bin aus diesem Grund auch sehr für die Ökumene.

Sie befassen sich mit spätmittelalterlichen Historienbibeln. Was ziehen Sie aus dieser wissenschaftlichen Arbeit für Ihre Literatur?
Anna Katharina Hahn: Die Arbeit ist lange her und gehört zu einer abgebrochenen Dissertation. Dadurch, dass ich die Bibel aber so oft gelesen habe, hat die biblische Sprache für mich eine große Bedeutung gewonnen. Ich bin grundsätzlich sehr zuhause in mittelalterlichen Schriften. Mich fasziniert, wie sich darin ein europäischer Gedanke offenbart. Durch die Lingua franca Latein haben viele Schriften gemeinsame Quellen als Bezugspunkte. Trotz aller Kriege war das europäische Mittelalter ja eine Zeit, in der es regen künstlerischen und kulturellen Austausch gab. Heute werden wir häufig gebremst durch Sprachbarrieren.

Welche Rolle spielen Glaubensthemen in Ihren Büchern?
Anna Katharina Hahn: Ich würde mich nicht hinsetzen und mir vornehmen, ein christliches Buch zu schreiben. Ich nehme mir aber sowieso nie vor, über ein bestimmtes Thema zu schreiben. Jeder ernsthafte Künstler wird sich aber in seinem Werk mit den letzten Dingen beschäftigen – mit Liebe und mit Tod. Und da weiß der Glaube Antworten. Auf der anderen Seite gibt es in mir natürlich auch die Zerrissenheit des modernen Menschen: Ich zweifele oft – und das zeigt sich deutlich in all meinen Figuren und im Schreibprozess.

In „Am schwarzen Berg“ nimmt die Sinnsuche eine durchaus wichtige Rolle ein. Sie feiern auch das Sakrale in Massenbewegungen – wie zum Beispiel „Stuttgart 21“. Lassen sich in vielen gesellschaftlichen Bewegungen religiöse Züge erkennen?
Anna Katharina Hahn: Ja – und das ist schon immer so gewesen. Menschen versuchen, innerhalb von Massenbewegungen einen Lebenssinn zu finden, ein großes Ganzes – ob das jetzt die 68er oder eine Bürgerbewegung wie die „Stuttgart 21“-Gegner waren. Menschen fühlen sich aufgehoben in der Menge und können viele Dinge, die im Alltag eine Plage sind, erst einmal vergessen. Auch jede politische Bewegung besitzt religiöse Züge, die zurückgehen auf den Wunsch, geführt und getröstet zu werden.

Ihr neuer Roman „Das Kleid meiner Mutter“ spielt vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise. Sie beschreiben das prekäre Leben vieler gut ausgebildeter junger Menschen sehr präzise.
Anna Katharina Hahn: Ich glaube nicht an realistische Literatur! Schreiben bedeutet für mich, Illusionen zu erzeugen. Und das Buch ist deshalb kein realistischer Roman, was auch für meine anderen Bücher gilt. Ich bilde nicht Wirklichkeit ab, wie sie ist. Die Details müssen aber stimmen, damit die Bilder sich in den Köpfen der Leser entfalten können. Die Überraschung ist dann umso größer, wenn es zum Bruch kommt, wenn fantastische Elemente in der Realität Einzug halten.

„Das Kleid meiner Mutter“ beginnt in Madrid. Wie sind Sie aus Ihrer Heimat, wo Ihre bisherigen Bücher angesiedelt waren, dorthin gekommen?
Anna Katharina Hahn: Eine sehr gute Freundin lebt in Madrid. Viele Besuche dort haben mir die Stadt nahe gebracht. Es klingt etwas kitschig, aber durch einen Traum bin ich dann auf Madrid als Start- und wichtigen Handlungspunkt des Romans gekommen. Der spanische und der deutsche Teil des Buches gehen aber von Anfang an Hand in Hand. Ich hätte nie ein Buch nur über Spanien schreiben wollen. Die Geschichte von Anita und die des deutschen Schriftstellers Gert de Ruit sind eng miteinander verwoben.

 

Ihr Buch arbeitet stark mit unterschiedlichen Formen – mit Zeitungsartikeln, Rezensionen, Interviews, kleine Novellen, Märchenhaftem. Wie sind Sie an dieses Buch herangegangen?
Anna Katharina Hahn: Anita und de Ruit waren zuerst da – genauso wie die unterschiedlichen Handlungs- und Zeitebenen, die verschiedenen Orte. Um selber den Überblick nicht zu verlieren, habe ich mir einen großen Plan gezeichnet. Das Spiel mit den Genres und Formen kam dann erst während des Schreibens. Mich da auszuprobieren und wild auszuholen, hat mir viel Freude gemacht.

hahn_kleid_coverDen sicheren Boden der Realität verlassen Sie in „Das Kleid meiner Mutter“ relativ schnell. Schon als Ihre Clique betont, es gehe beim Erzählen der Geschichten um die Wahrheit, oder als Ihre Ich-Erzählerin sagt, Sie habe es nicht so mit der Genauigkeit, wird man als Leser misstrauisch. Nach dem Tod der Eltern Ihrer Protagonistin entwerfen Sie immer wieder Szenen, die an E.T.A. Hoffmann denken lassen, bei dem man sich auch nie sicher sein konnte, ob da gerade ein Mensch als Geier davonflog oder sich nur ein Mantel im Wind bauschte… Handelt Ihr Roman eigentlich von der Kraft der Imagination?
Anna Katharina Hahn: In der Tat ist das eines meiner Hauptthemen: Literatur kann eine heilende Kraft sein. Es ist möglich, mit dem Erzählen, mit dem Zuhören, mit dem Erschaffen, mit dem Sich-Anverwandeln von Geschichten sein Leben auf wundersame Weise zu verändern. Die romantische Literatur Deutschlands und Spaniens hält dafür ganz wunderbare Beispiele bereit.

Wie ist das bei Ihnen: Welche Erfahrungen machen Sie beim Schreiben, welche im Gebet?
Anna Katharina Hahn: Ich kann das oft gar nicht trennen. Es klingt pathetisch, aber ich betrachte meine Begabung, zu schreiben, als göttliches Geschenk. Ich arbeite sehr rational und weiß in der Regel, was ich warum tue. Aber es gibt Dinge wie den Traum von Anita, besonders starke Formulierungen oder Bilder, bei denen ich nicht sagen kann, woher ich sie habe. Das sind kleine, heilige Geschenke! Wenn ich schreibe und im Flow bin, habe ich das Gefühl, völlig bei mir selbst zu sein. Das ist so ähnlich wie beim Beten: Ich denke nicht mehr nach, zweifle nicht, fühle mich aufgehoben.

Hinweis: Am 28. Mai liest Anna Katharina Hahn beim Katholikentag aus ihrem Roman „Das Kleid meiner Mutter“ und gibt einen biblischen Impuls.

Der Text ist lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0; das Bild steht unter der Creative Commons Attribution CC BY 2.0.

Credits: © Das Blaue Sofa via Wikimedia Commons (Header-Foto); domradio.de (Lesung aus „Am schwarzen Berg“)

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