Jana Böttcher, Straßenbahnfahrerin aus Leipzig

Eigentlich war das alles ein Zufall. 1989, kurz vor der Wende, war Jana Böttcher auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Bis dato hatte die Elektrikerin in einem Tagebau vor den Toren Leipzigs gearbeitet, hatte dort Maschinen kontrolliert und repariert. Aber das tägliche Pendeln war ihr zu anstrengend geworden, und auch die Kälte am Arbeitsplatz setzte ihr zu. Also ging sie zum Arbeitsamt, wo man ihr empfahl, es doch mal bei den Leipziger Verkehrsbetrieben zu versuchen. Dort würden Straßenbahnfahrer gesucht. „Noch am gleichen Tag habe ich meine Bewerbung losgeschickt“, erzählt die 46-Jährige. Wenig später saß sie das erste Mal im Führerstand.

Vom Straßenbahnfahren kann Böttcher seitdem nicht genug kriegen. „Es ist immer dasselbe, aber doch jeden Tag anders“, schwärmt sie. Auch die Schichtarbeit stört sie nicht. Im Gegenteil: „Ich genieße es, auch mal unter der Woche Zeit für mich zu haben.“ So lange sie gesund ist, will sie den Job weitermachen. „Ganz bestimmt.“

Vom Katholikentag hat Jana Böttcher erstmals an ihrem Arbeitsplatz gehört. „Ich fahre öfter mal die Stadtrundfahrten der Leipziger Verkehrsbetriebe. Da weisen die Gästeführer immer darauf hin.“ Zu Glaube oder Kirche hat sie keinen Bezug. Trotzdem findet sie es gut, dass das Großereignis dieses Jahr in Leipzig stattfindet. „Bei uns ist so viel Kultur, da gehört Kirche einfach dazu“, findet Böttcher. Und: „Wir Leipziger sind sehr offen. Je mehr Leute unsere schöne Stadt kennenlernen, umso besser.“ Nur dass der Papst nicht kommt, obwohl ihn doch Ministerpräsident Stanislaw Tillich eingeladen hat, das findet die Straßenbahnfahrerin schade:

„Der Papst in Leipzig, das wäre Wahnsinn!“

Vor kurzem übrigens war Jana Böttcher erstmals in der neuen katholischen Propsteikirche. Im  Mai 2015 war Ostdeutschlands größter Kirchenneubau nach der Wende feierlich geweiht worden – ein betont schlichtes Gebäude, aber verkehrstechnisch äußerst günstig am Stadtring gelegen.  Die Idee zu dem Besuch war ihr einmal mehr auf der Arbeit gekommen. Immer nämlich, wenn sie an der Kirche vorbeizuckelte, hörte sie Diskussionen im Fahrgastraum. „Die einen finden den Neubau toll, die anderen schlichtweg hässlich. Dazwischen gibt’s fast nichts.“ Also wollte sie sich selbst ein Bild machen. Ihre eigene Meinung allerdings verpackt sie diplomatisch. „Wir Leipziger tun uns meist schwer mit neuen Dingen. Aber wenn sie dann erstmal eine Weile da sind, möchten wir sie nicht mehr missen.“

Die Beziehung zu den Fahrgästen nennt Böttcher durchaus zwiespältig. Nur selten bekäme man Lob aus dem Fahrgastraum zu hören. Wenn hingegen etwas schief läuft, „dann sind wir der Prügelknabe“. Da brauche man schon „ein dickes Fell“. Dass es ausgerechnet beim Katholikentag zu Pannen kommt, glaubt die Straßenbahnfahrerin indes nicht. „Leipzig ist Großveranstaltungen gewohnt“, betont sie. Verkehrstechnisch ist da immer alles gut durchorganisiert. „Ich bin sicher, das wird reibungslos laufen.“ Und falls es doch zu einem Problem kommen sollte, kann Böttcher sicher sein, dass sie es mit als Erste erfährt. Ihr Lebensgefährte nämlich arbeitet auch bei den Leipziger Verkehrsbetrieben. Er informiert die Fahrgäste, wenn es zu Fahrplanänderungen oder Streckenabweichungen kommt. Und natürlich auch seine Partnerin.

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