Thomas Jorberg, Vorstandssprecher GLS Bank, Bochum

Thomas Jorberg ist ein Freund klarer Worte: Nicht nur zur Zukunft seiner Branche bezieht er immer wieder eindringlich Stellung, sondern auch zu gesellschaftlichen Herausforderungen. Denn für den Chef der GLS Bank hängt beides miteinander zusammen. Welche Konsequenzen resultieren daraus für die Kirche? Und was kann sie von einer Nachhaltigkeitsbank lernen?

Bei der GLS Bank legen Sie das Geld Ihrer Kunden nach sozial-ökologischen Kriterien an. Ihre Kolleginnen und Kollegen bei den ebenfalls genossenschaftlich organisierten Kirchenbanken ergänzen diesen Nachhaltigkeitsansatz um dezidiert christliche Profile. Glauben Sie, dass heute immer mehr Leute wissen wollen, was mit ihrem Geld wirklich passiert?
Thomas Jorberg: Ja, das erleben wir so. Pro Monat gewinnen wir 2.000 neue Kunden hinzu. Diese Entwicklung ist verstärkt worden durch die Finanzkrise und die anhaltende Niedrigzinsphase. Die Menschen haben in der Krise gesehen, was Banken mit ihrem Geld gemacht haben. Und jetzt bekommen sie praktisch gar keine Zinsen mehr. Deshalb fragen viele stärker nach, ob ihr Geld so angelegt wird, dass es Sinn stiftet. Umfragen belegen unsere Erfahrungen. Übrigens: Die christlichen Anlagekriterien sind keine Eigenart der Kirchenbanken. Ich würde behaupten, dass auch unsere Maßstäbe christliche sind. Es geht eigentlich um den Menschen!

Haben Sie eine Erklärung für diese Entwicklung?
Thomas Jorberg: Viele Menschen sehen sehr deutlich, dass bestimmte gesellschaftliche Werte keinen ausreichend hohen Stellenwert mehr genießen. Ob das der Klimaschutz, Bildungs- oder Ernährungsfragen sind – die Menschen sehen, dass hier viel vorangebracht werden muss. Die Bürger wollen Verantwortung übernehmen. Und das können sie mit Geld tun, indem sie es so anlegen, dass es ihren eigenen Kriterien und Wertmaßstäben entspricht.

Wie konsequent kann man mit dem Anspruch, sozial-ökologisch zu investieren, überhaupt sein?
Thomas Jorberg: Da möchte ich differenzieren. In der Kreditvergabe sind wir sehr nahe dran am Kunden. Wir gucken uns vor Ort sehr genau an, was sie vorhaben. Da unterstützen wir sehr stark die Bereiche Bildung,  Soziales, Kultur, regenerative Energien, Ernährung und alternative Wohnformen. Der andere Aspekt ist der, wo wir Teile des Geldes auch am Kapitalmarkt anlegen. Dafür haben wir sehr strenge Kriterien erarbeitet und ein eigenes Research aufgebaut. Wir haben einen Anlageausschuss, der sich jeden einzelnen Emittenten genau anschaut und feststellt, ob die Anforderungen erfüllt werden – oder nicht. Aber ich will deutlich sagen, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Auch wenn wir alles tun, um sicherzustellen, dass das Geld gemäß unseren Kriterien angelegt wird.

In Papst Franziskus haben Sie ja einen großen Fürsprecher gefunden. Er geißelt nicht nur in sehr deutlichen Worten diejenigen Wirtschaftszweige, die die Menschen aus dem Blick verlieren, sondern hat Genossenschaftsbanken ausdrücklich für ihren Beitrag für ein humaneres Wirtschaften gewürdigt.
Thomas Jorberg: Wenn ich den Papst richtig verstehe, kritisiert er ein Wirtschaftssystem, bei dem der Mensch aus dem Mittelpunkt geraten ist. Diesen Befund teile ich. Er lässt sich mit einem Blick auf den Finanzmarkt leider mehr als deutlich belegen. Die Entscheidungen werden zuerst nach der Rendite getroffen, dann folgen Sicherheit und Laufzeit. Die Frage nach der Wirkung einer Anlage stellt sich schlichtweg nicht. Das ist systemisch organisierte Verantwortungslosigkeit. Die GLS Bank hat als Genossenschaft festgeschrieben, dass sie ihren Mitgliedern dient. Sie ist insofern den Menschen schon qua Geschäftszweck näher. Aber auch wir müssen uns immer wieder neu die Frage stellen, was den Menschen wirklich dient.

Welchen Beitrag zu einer – um bei Franziskus zu bleiben – besseren oder gerechteren Welt können Banken denn überhaupt leisten?
Thomas Jorberg: Die Banken sind immer noch das Hauptinstrument dafür, Geld dorthin zu bringen, wo es auch tatsächlich gebraucht wird. Nun kommen Banken gemeinhin dieser Aufgabe ganz gut nach. Sonst könnten wir uns nicht versorgen, nicht kommunizieren und hätten viele Güter nicht. Aber reicht das schon aus? Wir haben, makroökonomisch gesprochen, viel zu viel Geld am Markt. Mikroökonomisch stimmt das nicht, weil dieses Geld unglaublich schlecht verteilt ist. Es kommt nicht in der Realwirtschaft an und wirkt nicht sozial-ökologisch. Da gibt es Nachholbedarf!

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Sie beschäftigen sich bei der GLS Bank sehr intensiv mit dem Umbruch in der Bankenwelt – unter anderem in einer auch online sehr eindrucksvoll dokumentierten Zukunftswerkstatt. Haben Sie eine Zwischenbilanz für uns: Wie muss man „Bank“ heute neu denken?
Thomas Jorberg: Durch die Regulierung und die Automatisierung der vergangenen Jahre sind Banken nicht gerade zu Orten der Innovation geworden. Um Weiterentwicklung sicherzustellen, mussten wir eine Zukunftswerkstatt machen. Zwölf Mitarbeiter verwenden in diesem Rahmen einen Teil ihrer Arbeitszeit für innovative Projekte. Die Herausforderung war dabei zunächst, überhaupt ein innovatives Umfeld zu gestalten, Kreativität zu ermöglichen. Daran haben wir mit Otto Scharmer, der Professor am MIT in Boston ist, gearbeitet und sind auf eine ganze Reihe an hoffnungsvollen Projekten gekommen.

Bitte verraten Sie mehr!
Thomas Jorberg: Die Gruppen haben sich mit sehr unterschiedlichen Dingen beschäftigt, von denen einige deutlich über das hinausgingen, was Banken heute leisten. In einem „Future Lab“ sollen beispielsweise Initiativen schon in einer Vorgründungsphase eingeladen werden, um in kurzen Pitches vorzustellen, was sie vorhaben. Dafür gab es Feedback, Ratschläge und Tipps. Es ging also gar nicht um Geld. Die GLS Bank wird damit zum Partner weit über die Finanzierung hinaus. In der Werkstatt ist auch eine Crowdinvesting-Plattform erdacht worden. Eine weitere Idee war eine Plattform, über die sich nicht nur Geldgeschäfte organisieren lassen, sondern die Mitgliedern und Kunden zur Vernetzung dient, auf der Kunden Dienstleistungen anbieten können und unser Transparenzanspruch noch viel aktiver gelebt wird.

Fällt Ihnen der Anschluss an die Digitalisierung leichter, weil Sie mit sieben Filialen in Deutschland für einen Teil Ihrer Kunden schon länger vor allem über digitale Kanäle zu erreichen sind?
Thomas Jorberg: Ja, mit Sicherheit. Wir sind schon 2003 mit unserem Konzept „Step“ an den Start gegangen. Das besagt, dass jeder Kunde mit uns kommunizieren kann, wie er möchte: telefonisch, schriftlich, elektronisch und persönlich. Das passen wir seitdem gewissermaßen an die neuesten Entwicklungen in der Technik und der Kommunikation an. Das telefonische Gespräch ist für viele Kunden, die nicht an einem der Filialstandorte leben, gerade in der Beratung noch sehr wichtig. Wenn es um alltägliche Bankgeschäfte, um die Kontoeröffnung oder um die Beantwortung einfacher Fragen geht, sind die digitalen Kanäle heute die Hauptkontaktpunkte. 70 Prozent unserer Neukunden kommen über das Internet zu uns.

Welche Erfahrungen machen Sie in Social Media?
Thomas Jorberg: Wir haben eine klare, werteorientierte Geschäftspolitik. Wer Dinge verbessern will, wird immer eine Zeit lang unterwegs sein. Dabei sind uns Vergewisserung und Austausch enorm wichtig. Da helfen die sozialen Medien sehr. Über die Frage, wie Bankarbeit zukünftig finanziert werden soll, haben wir beispielsweise sehr frühzeitig gesprochen – lange bevor wir das fertig entwickelt hatten. Wir haben den Stein ins Wasser geworfen, dass wir eine Art Grundbeitrag brauchen, der die drastisch gesunkenen Zinsmargen ersetzt und Minuszinsen nicht erforderlich macht. Im Dialog lassen sich Produkte und Dienstleistungen viel besser weiterentwickeln.

Wie beobachten Sie den Markt der Fintechs?
Thomas Jorberg: Wir beobachten das sehr intensiv. An einem Fintech haben wir uns bereits beteiligt, mit einem weiteren führen wir Gespräche über ein Joint Venture. Auch hier verlieren wir nicht aus dem Blick, wie diese finanztechnischen Entwicklungen dem Menschen dienen können, denn darum geht es ja. Fintech heißt nicht von vornherein Nachhaltigkeit. Auch diese neuen Technologien könnte ich schließlich so einsetzen, dass sie ausschließlich Rendite maximieren, was wir nicht machen.

Nun sind Banken ja oftmals nicht eben wendige Schnellboote. Was beobachten Sie in Ihrem Haus, welche Rahmenbedingungen besonders förderlich sind für innovatives Denken – und Handeln?
Thomas Jorberg: Wir haben schon über unsere Zukunftswerkstatt gesprochen. Unser anderer Ansatz ist viel einfacher: Wir hören in Kundengesprächen genau hin. Denn oftmals kommen Kunden ja mit genau den Bedürfnissen und Fragestellungen, die neue Wege notwendig machen. Wir sind gut vernetzt und halten Augen und Ohren offen, wo neue Ideen entstehen, die für unsere Kundschaft relevant sind.

Das den Katholikentag ausrichtende Zentralkomitee der deutschen Katholiken und die Deutsche Bischofskonferenz haben im vergangenen Jahr eine Handreichung mit dem Titel „Ethisch-nachhaltig investieren“ herausgebracht. Sie werden beim Katholikentag auf einem Podium zum Thema „Nachhaltigkeit als neues Leitbild für Geldanlagen der Kirche“ sitzen. Was sind Ihre Empfehlungen zu diesem Thema?
Thomas Jorberg: Zunächst einmal sind Broschüre und Podium erste richtige Schritte. Es steht der Kirche gut zu Gesicht, dass sie ihren Geldanlagen die Werte zugrunde legen will, die ihr sonst wichtig sind. Das ist nicht selbstverständlich. Nun stellt sich die Frage, ob schon dadurch der Mensch stärker im Mittelpunkt steht. Denn die Herausforderungen sind ja viel umfassender: Wie wollen wir Menschen in Zukunft miteinander leben? Und was muss sich entwickeln, damit wir das so realisieren können? Ein solches Zukunftsbild ist die eigentliche Herausforderung. Da können die Kirchen sicher noch riesige Schritte machen und über diesen Leitfaden hinausgehen.

Ich bin fasziniert davon, wie transparent Sie mit Ihren Investitionen umgehen: Sie veröffentlichen in Ihrem Bankspiegel, wem Sie wofür Geld geben. Wie finden die Kreditnehmer das?
Thomas Jorberg: Gut, denn wir zeigen so, was mit dem Geld bewirkt wird. Sie finden da ja nicht Privatkredite. Und wir befriedigen keine Neugierde, sondern ein berechtigtes Informationsbedürfnis. Die Erwähnung im Bankspiegel sagt außerdem: Diese Kunden sind von der GLS Bank unter wirtschaftlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten als unterstützenswert eingestuft worden. Für viele Kunden ist das eine Anerkennung.

Und wie könnte Kirche, bei der es nicht immer transparent zugeht, von einer ähnlichen Initiative profitieren?
Thomas Jorberg: Die eine oder andere Konsequenz hat die Kirche aus dem Limburg-Skandal gezogen. Transparenz ist eine große Chance, weil sie so ganz deutlich zeigen könnte, wohin sie will. Die Öffentlichkeit kann überprüfen, ob Reden und Handeln auch wirklich im Einklang sind. Unsere Kunden kommen wegen der inhaltlichen Verwendung zu uns. Das heißt, wir müssen zwei Dinge tun. Wir müssen das Geld, erstens, dorthin bringen, wo der Kunde es hin haben will. Und wir müssen, zweitens, transparent machen, dass wir so gehandelt haben. Diesen Ansatz können Sie ziemlich leicht auf die Kirche übertragen.

Der Zukunftsforscher Peter Spiegel sagt gerne, die größte Herausforderung liege heute nicht im Lösen technischer, sondern vor allem sozialer Probleme. Sehen Sie das genauso?
Thomas Jorberg: Ich greife da gerne das Motto des Katholikentags auf: Wirtschaft und unternehmerisches Handeln haben nur dann einen Sinn, wenn sie den Bedürfnissen von Menschen ganzheitlich dienen. Die unzähligen Möglichkeiten der Digitalisierung machen es immer dringender notwendig, dem Ganzen eine Richtung zu geben. Denn sonst laufen wir der technischen Entwicklung hinterher. Wir brauchen die gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir leben wollen. Wir brauchen sie noch viel intensiver, als wir sie derzeit führen. Und dafür sind Katholiken- und Kirchentage fantastische Foren.

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