Mareike Greb, Künstlerin, Tänzerin, Schauspielerin – und Goth aus Leipzig

An Pfingsten geht es in Leipzig traditionell düster zu. Gothics, Gruftis und Steampunks kommen dann nämlich zum Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT. Seit einigen Jahren wird dort auch gebetet. Mareike Greb organisiert zusammen mit anderen den Gottesdienst dazu. Eine Zeitung schrieb etwas von einer „schwarzen Messe“. „Dabei war es ein ganz normaler Gottesdienst“, sagt Mareike Greb. Die Geschichte ist schon einige Jahre her. Damals bekamen die Organisatorinnen des Gottesdienstes Ärger. Und auch heute, Jahre später, erleben sie Vorurteile. „Viele denken eben immer noch, dass da irgendwelche Satanisten eine Messe halten“, erklärt Mareike Greb.

Seit 2004 organisiert ein Freundeskreis namens „Gothic Christ“ zum alljährlichen Wave Gotik Treffen einen „Szene-Gottesdienst“ in der Leipziger Peterskirche. Seit einigen Jahren hilft auch Mareike Greb mit.. „Wir folgen keiner Liturgie. Alles ist frei gestaltet. Es ist ein Gottesdienst und keine Messe“, insistiert sie. Insofern ist der „normale Gottesdienst“ doch ein ganz besonderer. Alles folgt einer bestimmten Ästhetik, der Blumenschmuck, die Musik und auch das Thema des Gottesdienstes. Und diese Ästhetik passt in die Szene: düster angehaucht, romantisch, melancholisch. Im vergangenen Jahr zum Beispiel stand das „Schwert“ im Mittelpunkt. Derjenige, der die Predigt hielt, bezog sich darauf – und hatte auch ein Schwert in der Hand. Und auch die Art, wie er seinen Text verfasst hatte, war eine besondere: Lyrik, basierend auf eigenen Erfahrungen.

Zeit zur Besinnung

Zwei Gottesdienste bieten „Gothic Christ“ während des Wave-Gotik-Treffens an, immer am Pfingstsonntag. Zwischen den beiden Messen bleibt eine Stunde Zeit, in der Greb mit ihrem Kollegen von der Band Lambda in der Kirche auftritt. Sie singt, er spielt Kontrabass. Dessen Klang wird über Soundeffekte verändert. Sphärisch klingt das, unwirklich. Sie betont: „Das ist kein Konzert. Denn wir als Künstler stehen nicht im Mittelpunkt, sondern die Leute, die kommen, und deren Gedanken.“ Diese Zeit soll Raum geben, um den eigenen Gedanken nachzugehen, sich zu besinnen oder das Gespräch zu suchen, etwa mit den Organisatoren von Gothic Christ. „Es kommen auch Leute, die ein Problem haben, Christ und Gothic zu sein – und deshalb nicht akzeptiert werden.“

Mareike Greb ist Künstlerin, Tänzerin und Schauspielerin. In ihrer Wohnung stehen massive, dunkelbraune Möbel. An den Wänden hängen Landkarten, die noch gezeichnet wurden, als die Menschen keine Satellitenbilder hatten und die Orte noch per Hand eintrugen. Sie sitzt an einem schweren Holztisch, die Beine an sich gezogen und umklammert ihre Teetasse mit beiden Händen. Eine grazile Person, die selbst in ihrer weiten Stoffhose noch elegant aussieht. Die meiste Zeit, sagt sie, trägt sie „normale, praktische Sachen“ so wie heute. Doch spielt sie keine Rolle, wenn sie sich ihr schwarzes Kleid anzieht. Es ist Ausdruck eines Lebensgefühls, eines Teils von ihr. „In unserer Welt heute muss immer alles funktional sein. Auch Kleidung. Das Gothictum steht dem entgegen. Es ist nicht funktional“, sagt sie.

Weltschmerz und Melancholie, das sind die Dinge, die viele mit der Szene verbinden. Mareike Greb formuliert es anders und wählt ihre Worte mit Bedacht: „Viele Freunde von mir sind Goths. Die meisten sind sehr tiefsinnig. Die machen sich Gedanken über das Leben, die Schönheit des Lebens. Aber eben auch über das Ende des Lebens.“ Beim WGT kommen viele zusammen, die genauso denken. Memento mori, das Bewusstsein darüber, dass man sterben wird, das schwingt immer mit. Und für Mareike Greb geht damit eine bestimmte Form der Ästhetik einher, in der Musik, der Malerei und der Poesie. Sie fügt hinzu: „Ich hasse es, wenn Gothic-Sein immer nur auf die Klamotten reduziert wird.“

Eine Szene für alle

Im Alltag, glaubt sie, schieben viele die unangenehmen Dinge weg. Den Tod etwa, „weil er nicht schick ist und weil er stört.“ Sie findet: Man muss hinsehen. „Es läuft viel schief in unserer Welt. Und ja, verdammt, ich muss mir diese Scheiße da draußen anschauen, ich darf mich nicht verstecken. Und ich muss etwas dagegen tun“, sagt sie. Gothic- und Christin-Sein, das ist kein Widerspruch. „Es gibt alles in der Szene: Atheisten, Satanisten, Christen.“ Der Glaube und das Gothic-Sein hätten grundsätzlich erst einmal alles nichts miteinander zu tun. Für Mareike Greb persönlich jedoch gehören diese beiden Dinge zusammen: „Wenn ich mir die Welt anschaue und suche, worin die Schönheit liegt, dann komme ich immer zu Gott.“

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Credit: © Sebastian Schröder

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1 Kommentar

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  1. Albertine

    Gute Darstellung. Endlich verstehe ich etwas mehr vom Thema. Auch mein Bruder ist regelmäßig in Leipzig dabei und ist auch schon länger Anhänger der G. Auf einer Geburtstagsfeier durfte ich vieler seiner Freunde kennen lernen. Ich war begeistert.