Tobias Kläden, stellvertretender Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) in Erfurt

Wenn das Wort „missionarisch“ fällt, dann stellen sich manch einem die Nackenhaare auf. Bei Tobias Kläden ist das nicht der Fall. Kein Wunder, denn der gebürtige Kölner arbeitet seit 2010  für eine Institution, die das Wort im Titel führt. Wie er seinen Job dort versteht und warum der Katholikentag so gesehen eine missionarische Veranstaltung ist, erläuert Kläden im Interview.

Herr Kläden, Sie sind Referent für Pastoral und Gesellschaft und stellvertretender Leiter der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) in Erfurt. Wie muss man sich Ihre Arbeit dort vorstellen?
Tobias Kläden: Die KAMP ist eine Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz. Sie befasst sich, kurz gefasst, mit den Herausforderungen, die die moderne Gesellschaft an die Kirche und ihre Pastoral stellt. Im Zentrum meiner Arbeit stehen sozialwissenschaftliche Fragestellungen. Ich analysiere empirische Untersuchungen, die mit Gesellschaft und Kirche zusammenhängen. Davon ausgehend versuche ich zu ergründen, welche Relevanz die Ergebnisse dieser Untersuchungen für die kirchliche Arbeit haben und welche Konsequenzen die Kirche daraus für ihre Pastoral ziehen sollte. Einen Schwerpunkt bilden derzeit Milieustudien und Fragen wie: Welche Milieus gibt es? Welche Beziehungen haben sie zu Glaube und Kirche? Wie muss kirchliche Verkündigung aussehen, damit Menschen in diesen Milieus sie überhaupt verstehen können? Und vor allem: Was kann Kirche von den Milieus lernen an Neuem und Überraschendem über das Leben und den Glauben?

Nun heißt die KAMP aber bewusst „Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral“. Sie führt also ein Adjektiv im Titel, das für viele Menschen einen unangenehmen Beigeschmack hat, das sie an Belehrung, Beeinflussung, Bekehrung denken lässt.
Tobias Kläden: Ich kann gut verstehen, dass viele Menschen bei diesem Wort Bauchschmerzen bekommen. Denn der Begriff „missionarisch“ schleppt einiges an historischem Ballast mit sich. Im Laufe ihrer Geschichte hat die Kirche in der Tat allzu oft versucht, Menschen mit dem Schwert zu bekehren, statt auf die inhaltliche Überzeugungskraft des Evangeliums zu setzen, und dabei viel Schuld auf sich geladen. Für uns heute aber hat das Wort „missionarisch“ eine andere, positive Konnotation. Der christliche Glaube schwebt ja nicht im luftleeren Raum, sondern tritt in Beziehung zu verschiedenen Gesellschaften und Kulturen. Dabei wandelt und verändert er sich, soziologisch spricht man von Inkulturation. Auch unsere Gesellschaft in Deutschland wandelt sich, und die Kirche, die den Glauben verkündet, muss sich darauf einstellen. Sie muss das Evangelium im Licht dieses Wandels neu durchbuchstabieren, um die Menschen mit der Botschaft Jesu in Berührung zu bringen. Und genau das ist Mission.

„Für uns heute aber hat das Wort missionarisch eine andere, positive Konnotation. Der christliche Glaube schwebt ja nicht im luftleeren Raum.“

Ist der Katholikentag in diesem Sinne eine missionarische Veranstaltung?
Tobias Kläden: Wenn man Mission definiert, wie ich es eben getan habe, dann ist der Katholikentag in der Tat missionarisch. Denn es geht ja zentral um die Frage, wie wir heute, im Jahr 2016, als Christen mit Menschen in einen Dialog treten können, die sich nicht als Christen verstehen. Und es geht darum, was wir aus dem christlichen Glauben heraus zur Lösung wichtiger gesellschaftlicher Fragen beitragen können. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir auf dem Katholikentag Mitglieder werben wollen oder uns gar das Ziel gesetzt hätten, am Ende der Veranstaltung 5.000 neue Katholiken gewonnen zu haben. Das wäre völlig abwegig.

Sie selbst sind Mitglied der Programmkommission des Katholikentags. Was genau ist die Aufgabe dieses Gremiums?
Tobias Kläden: Die Programmkommission tritt viermal im Vorfeld eines Katholikentags zusammen. Es geht dabei vor allem darum, eine grobe programmatische Linie herauszuarbeiten, und um organisatorische Fragen. Die eigentliche inhaltliche Arbeit findet dann in Untergruppen statt. Das erste Treffen hatten wir schon Ende 2014. Damals haben wir Ideen gesammelt, welche Programmschwerpunkte wir setzen wollen und welche Referenten und Podiumsteilnehmer man dafür anfragen könnte. Außerdem werden von außen Programmvorschläge an die Kommission herangetragen. Die gilt es zu sichten und zu bewerten. Eine wichtige Aufgabe ist auch die Formulierung der Veranstaltungstitel. Sie stehen ja meist als einzige inhaltliche Information im Programmheft, müssen also so pointiert formuliert sein, dass sich die Besucher sofort etwas darunter vorstellen können. Darauf verwenden wir viel Zeit. In einem späteren Schritt geht es dann verstärkt um die Besetzung der Podien. Wenn jemand abgesagt hat, machen wir Ersatzvorschläge. Und wir briefen auch die Mitwirkenden.

Und was genau ist Ihre Aufgabe innerhalb der Kommission?
Tobias Kläden: Ich leite den Arbeitskreis „Kirche vor Ort – Kirche bei den Menschen“. Da geht es um die konkrete pastorale Arbeit vor Ort. Wir sprechen Menschen an, die sich haupt- oder ehrenamtlich für die Kirche engagieren und überlegen mit ihnen, wie Kirche vor Ort lebendig wirken kann. Wir fragen, welche Ideen es gibt und nehmen dabei auch Impulse aus der Weltkirche auf. Und natürlich berücksichtigen wir die besondere Situation in Ostdeutschland, wo Christen eine Minderheit darstellen und Katholiken noch einmal eine kleinere Gruppe sind. Dadurch, dass ich mich auch im beruflichen Alltag mit diesen Fragen beschäftige, bin ich bundesweit gut vernetzt, habe einen Überblick über die Themen und kenne auch viele Ansprechpartner.

Waren Sie zuvor schon in der Vorbereitung anderer Katholikentage involviert?
Tobias Kläden: Beim Katholikentag 2014 in Regensburg war ich bereits Mitglied in diesem Arbeitskreis. Jetzt bin ich dessen Leiter.

War die Arbeit damals anders?
Tobias Kläden: Die konkrete Arbeit nicht, aber inhaltlich haben wir andere Schwerpunkte gesetzt. Der Arbeitskreis hieß damals „Kirche vor Ort – Kirche auf dem Land“, weil sich natürlich in einer ländlichen Region wie der Oberpfalz noch einmal andere Fragen stellen. Umgekehrt spielte das Thema Diaspora da keine entscheidende Rolle. Aber einige Themen ziehen sich auch durch, etwa lokale Kirchenentwicklung, die Rolle von ehrenamtlich Engagierten oder das Thema Gemeindeleitung durch Laien.

„Mit mehreren Zehntausend Mitchristen einen Gottesdienst zu feiern, das ist schon ein besonderes Erlebnis.“

Sicher waren Sie als Teilnehmer schon öfter auf Katholikentagen. Was verbinden Sie mit dieser Veranstaltung?
Tobias Kläden: Ja, mein erster Katholikentag war 1990 in Berlin. An Katholikentagen faszinieren mich verschiedene Dinge. Zum einen das Gemeinschaftserlebnis. Mit mehreren Zehntausend Mitchristen einen Gottesdienst zu feiern, das ist schon ein besonderes Erlebnis. Außerdem treffe ich auf Katholikentagen viele alte Bekannte, die ich oft schon lange nicht mehr gesehen habe. Darauf freue ich mich jedes Mal. Das zweite ist die inhaltliche Arbeit. Auf den verschiedenen Podien werden ja immer spannende Themen diskutiert. Ich erinnere mich etwa in Regensburg an ein Forum zum Thema Kirchenfinanzierung, das war wirklich aufschlussreich. Und dann bietet der Katholikentag auch immer die Möglichkeit, eine interessante Stadt kennenzulernen.

Nacht der Lichter, Katholikentag 2014

Die „Nacht der Lichter“ beim Katholikentag 2014 in Regensburg war für viele Teilnehmer ein ganz besonderes Gemeinschaftserlebnis.

In Ihrer online abrufbaren Biografie steht als erster Satz „Tobias Kläden, Jg. 1969, wurde in Köln geboren und ist auch heute noch überzeugter Kölner“. Was macht den „überzeugten Kölner“ aus?
Tobias Kläden: „Kölle du bes e Jeföhl“ heißt es in einem bekannten Karnevalslied. Das kann ich als Kölner nur bestätigen. Immer wenn ich, von Osten kommend, über den Rhein fahre und den Dom vor mir sehe, dann hüpft mir das Herz. Ich mag die rheinische Lebensart, die Offenheit, die Lockerheit der Menschen. Wenn Sie in Köln in eine Kneipe gehen, dann kommen Sie ganz schnell mit anderen ins Gespräch. In Köln erlebe ich viel weniger Griesgrämiges oder Verbohrtes als in anderen Teilen Deutschlands.

Trotzdem sind Sie dem Rheinland untreu geworden. Nach beruflichen Stationen in Bonn und Münster haben Sie 2010 an die KAMP gewechselt. Wie kam es dazu?
Tobias Kläden: Ich war damals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster – und diese Stellen sind ja meist befristet. Ich war also auf der Suche nach einer neuen beruflichen Perspektive, möglichst ohne Befristung. Und die hat sich an der neu gegründeten
KAMP geboten.

War es schwer für Sie, in Erfurt heimisch zu werden?
Tobias Kläden: Gar nicht. Erfurt ist eine sehr schöne, sehr lebenswerte Stadt, und ich bereue es nicht, hierhergekommen zu sein.

Wie erleben Sie als rheinischer Katholik den sogenannten heidnischen Osten?
Tobias Kläden: Es ist zunächst schon ungewöhnlich, wenn man aus einer katholischen Hochburg wie Köln oder Münster, in der Kirche und Glaube immer noch eine gewisse Selbstverständlichkeit haben, in eine Stadt wie Erfurt wechselt, wo die meisten Menschen mit Kirche nichts anfangen können. In Köln ist man „normal“, wenn man katholisch ist. In Erfurt ist man ein Außenseiter. Ich finde das jetzt nicht bedrückend – aber es stellt schon Anfragen an den eigenen Glauben. Warum bin ich eigentlich katholisch? Was bedeutet mir die Zugehörigkeit zur katholischen Kirche? Und welche Auswirkungen hat das auf mein Verhältnis zu den 75 Prozent der Menschen, für die der Glaube einfach kein Thema ist?

Sehnen Sie sich manchmal zurück ins Rheinland?
Tobias Kläden: Für mich ist Köln natürlich ein Sehnsuchtsort. Aber das heißt nicht, dass ich so bald wie möglich wieder zurück in die alte Heimat gehen möchte. Ich kann mir sehr gut vorstellen, auch in Zukunft mit meiner Familie – meine beiden Söhne sind hier geboren – in Erfurt zu wohnen. Es ist einfach schön, einen Sehnsuchtsort zu haben – ohne die Sehnsucht gleich stillen zu müssen.

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