Markus Wiesenberg, Kommunikationswissenschaftler aus Leipzig

„Was, du glaubst an Gott?“ Die erstaunte Frage hört Markus Wiesenberg immer wieder von Freunden und Kollegen. Aber angefeindet wird er deswegen nicht. Im Gegenteil: „Wenn wir dann über das Thema Glauben ins Gespräch kommen, spüre ich oft Interesse beim Gegenüber“, erzählt der 29-Jährige, der nach Studienjahren im österreichischen Klagenfurt derzeit am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig bei Professor Ansgar Zerfaß promoviert. Militante Atheisten gebe es wenige in seiner Generation, sagt der junge Mann. „Viele können einfach mit dem Christentum nichts anfangen, weil kein Wissen mehr darüber vorhanden ist.“

Ganz anders stellt sich die Lage bei Markus Wiesenberg dar. Der gebürtige Greifswalder ist nicht nur privat ein praktizierender evangelischer Christ. Seit mehreren Jahren befasst er sich auch wissenschaftlich mit dem Thema Kirche, genauer gesagt mit dem Kommunikationsmanagement der beiden großen deutschen Kirchen in Zeiten verstärkter Säkularisierungs- und Medialisierungsprozesse. Ausgangspunkt war hier seine Magisterarbeit, für die er die PR-Aktivitäten seiner Heimatgemeinde untersucht hat. Dabei fiel ihm auf, dass es bislang kaum Untersuchungen über den Zusammenhang von Religion und strategischer Kommunikation gibt. Wie sprechen die Kirchen ihre Mitglieder an? Welche Kommunikationsstrategie verfolgen die deutschen Bistümer und Landeskirchen? Und wie sieht es auf der Ebene der Pfarreien und Gemeinden aus? Welche Auswirkungen hat hier die zunehmende Bildung von Großgemeinden? Was bedeutet die zunehmende Säkularisierung und Medialisierung für die Kirchen heute? All diese Fragen versucht Wiesenberg in seiner Dissertation zu beantworten.

Große Herausforderungen in der Kommunikation

Bereits bei Voruntersuchungen stellte er heraus, dass die Landeskirchen und Bistümer sehr unterschiedlich auf die Digitalisierung reagieren. Während beide Kirchen wenige Leuchttürme im Social Web haben, sind die meisten noch sehr zaghaft dort präsent. In seiner derzeitigen Studie untersucht Wiesenberg die Pfarreien und Gemeinden in 16 deutschen Großstädten, bevor er dann abschließend die leitenden kirchlichen Ebenen untersucht. Bereits jetzt steht fest: Die Kirchen stehen in ihrer Kommunikation vor sehr großen Herausforderungen, angefangen von der Ausbildung der zukünftigen Pfarrer bis hin zur professionellen Kommunikation in den Landeskirchen und Bistümern sowie zur Abstimmung dieser oft so unterschiedlich tickenden Ebenen.

Aktuell allerdings beschäftigt Wiesenberg noch ein anderes Projekt. Und das hat unmittelbar mit dem Katholikentag zu tun. Im dritten Semester des Master-Studiengangs „Communication Management“ ist für die Studierenden ein sogenanntes Forschungstransferprojekt vorgesehen. Es geht darum, einerseits wissenschaftliches Know-how in die Praxis zu tragen und andererseits für die Studierenden Praxisluft zu schnuppern. Meist sind große Unternehmen hier die Partner der Universität Leipzig. Entsprechend erstaunt haben die angehenden Akademiker zu Beginn des Semesters reagiert, dass sich eines der Projekte diesmal mit der katholischen Kirche und dem Katholikentag befasst. „Aber letztlich waren alle mit Eifer bei der Sache“, sagt Wiesenberg, der das Projekt gemeinsam mit seinem Doktorvater betreut.

Konkret geht es um die Frage, wie es eigentlich um die lokale Akzeptanz des Katholikentags in Leipzig bestellt ist. Was wissen die Menschen vor Ort über das Großereignis? Wie werden sie darüber informiert? Ist die Medienberichterstattung eher positiv oder macht sie Stimmung gegen das Katholikentreffen? Die Ergebnisse einer Umfrage lassen kaum Illusionen aufkommen. Knapp die Hälfte der Befragten Leipziger steht dem Katholikentag negativ oder eher negativ gegenüber.

Umfrage-Bevoelkerung
Und: An diesem Image arbeiten die lokalen Medien kräftig mit. Der Untersuchung zufolge berichten Medien außerhalb von Leipzig deutlich sachlicher und positiver über den Katholikentag als dies bei den Leipziger Medien der Fall ist, die schon im Vorfeld oft kritisch bis negativ über das anstehende Großereignis berichtet haben.

Analyse-Medien
Ausgehend von dieser Analyse sollten die Studenten ein Konzept entwickeln, mit welchen Kommunikationsmaßnahmen sich die lokale Akzeptanz des Katholikentags steigern lässt. „Das bezieht sich zunächst natürlich auf die Situation in Leipzig“, erklärt Markus Wiesenberg. „Es soll den Veranstaltern aber auch ein Raster an die Hand geben, das sich auf spätere Katholikentage übertragen lässt.“

Die praxis-wissenschaftliche Auseinandersetzung hat in Wiesenberg eine „freudige Spannung“ auf das Christentreffen wachsen lassen. Vor allem das Thema „Dialog mit Nichtglaubenden“ treibt den jungen Mann um. „Wie können wir als Gläubige mit Konfessionslosen in Gespräch kommen, ohne dass dabei antireligiöse Ressentiments geschürt werden?“ Auf diese Frage erhofft sich Wiesenberg vom Katholikentag eine Antwort. Dafür allerdings dürfe bei der Veranstaltung nicht nur geredet werden. „Es muss ein Signal ausgehen, dass die Kirche bereit ist, hier Neues zu Wagen. Die Menschen sollen Denkanstöße mit nach Haus nehmen, etwas, das sie vor Ort umsetzen können“, betont der Nachwuchswissenschaftler. Ob er glaubt, dass das passieren wird? „Dem Katholikentag wird ja oft vorgeworfen, eine Quasselbude zu sein. Aber wenn ich mir das Programm hier in Leipzig ansehe, dann habe ich Hoffnung, dass sich wirklich etwas bewegt. Wenn nicht hier in Leipzig, wo dann?“

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