Anja Gladkich,  Geschäftsführerin des Vereins Jugendweihe Berlin/Brandenburg

Die Kultur- und Religionssoziologin Anja Gladkich forschte an der Universität Leipzig zwei Jahre lang zum Thema „Jugendliche in Ost- und Westdeutschland zur Wende und 20 Jahre danach“. Heute lebt Gladkich in Berlin, wo sie als Geschäftsführerin des Vereins „Jugendweihe Berlin/Brandenburg“ tätig ist. Ihre Promotion hat sie auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Zeit in Leipzig möchte sie trotzdem nicht missen: „Leipzig ist eine tolle Stadt. Die Menschen sind weltoffen und tolerant.“ Obwohl Gladkich bekennende Atheistin ist, findet sie es spannend, dass der 100. Katholikentag in ihrer alten Heimat stattfindet. Sie war sogar für ein Podium eingeladen, musste aber absagen, weil ihr Verein am Katholikentagswochende für zahlreiche Jugendliche die Jugendweihen ausrichtet. Hier erzählt Gladkich von ihrem persönlichen Glauben und ihrer Vereinsarbeit.

„Durch meine Biografie als Ostdeutsche bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem es normal ist, dass die Mehrheit nicht glaubt und keiner Kirche angehört. Wie viele andere Menschen im Osten bin ich konfessionslos. Auch wenn ich selbst nicht gläubig bin, habe ich ein wissenschaftliches Interesse an den Themen Kirche und Religion entwickelt. Im Studium und im Rahmen meines Promotionsvorhabens widmete ich mich immer stärker der Religionssoziologie. Speziell der Religiosität in Ostdeutschland. Kirchliche Einflüsse wurden seit Generationen in meiner Familie nicht weitergegeben. Religion und Kirche spielen auch heute in meinem Leben und Alltag eine untergeordnete Rolle. Wenn man mich also fragt, an wen oder was ich glaube, dann ist meine Antwort: dass mir etwas Unvorhergesehenes passieren könnte.

„Vielen Menschen gibt der Glaube an Gott Halt, mir schenkt vor allem meine Familie Kraft.“

Aber ist das wirklich Glaube? In meiner Erziehung waren Kirche und Glaubensfragen nie wirklich ein Thema. Auch heute denke ich nur selten darüber nach und würde sagen: Ich glaube nichts – und mir fehlt nichts. Vielen Menschen gibt der Glaube an Gott Halt, mir schenkt vor allem meine Familie Kraft. Insbesondere in schweren Zeiten vertraue ich auf sie. In den Umarmungen mit meiner Tochter und in der Nähe zu meinen Mann und zu meinen Freunden finde ich Geborgenheit und Trost. Krisen begegnen wir gemeinsam, oft auch mit Galgenhumor. Aus Momenten der Nähe und schönen Erlebnissen schöpfe ich neue Kraft.

Auch in meiner Arbeit finde ich Bestätigung und Halt. Als Geschäftsführerin des Vereins Jugendweihe Berlin/Brandenburg arbeite ich in einem jungen und dynamischen Team. Als Jugendliche bin ich selbst zur Jugendweihe gegangen, und nach der Vereinsgründung habe ich mich immer stärker engagiert und bin dabei geblieben. Federführend organisiere ich die Feiern, treffe technische Absprachen und manage die Künstler, die auftreten. Vom Vereinsvorstand über das Präsidium bis zu den Vereinsmitgliedern arbeiten alle ehrenamtlich. Man spielt sich gegenseitig Ideen zu und entwickelt diese weiter. Unsere Entscheidungen laufen immer über die Mitgliederbasis, das ist uns sehr wichtig. Vorurteilen wie ‚Jugendweihe ist doch so ein DDR-Ding‘ begegnen wir mit modernen Feiern mit Erlebnischarakter sowie unserer weltanschaulichen und politischen Unabhängigkeit.

 

Dadurch, dass wir ein junges Team sind, gelingt es uns, die Jugendweihe-Tradition der DDR abzuschütteln. Gerade die Eltern, die selbst in jungen Jahren zur Jugendweihe gegangen sind, sind heute von unseren Feiern positiv überrascht. Wir kommen dem Bedürfnis vieler Familien nach, besondere Ereignisse im Zusammenleben zu feiern. Dazu gehört eben auch der Übergang von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Jährlich haben wir knapp 3.000 Teilnehmer. Das Interesse an der Jugendweihe ist groß. Doch die Jugendlichen langfristig für ein ehrenamtliches Engagement in unserem Verein zu begeistern, ist nicht immer leicht.

„Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig den Raum geben, sein Gegenüber zu akzeptieren und zu verstehen.“

Der Katholikentag in Leipzig wäre nicht meine erste kirchliche Veranstaltung gewesen. Ich hätte gerne teilgenommen, um mit Gläubigen verschiedener Religionen und Nichtgläubigen ins Gespräch zu kommen. Meine zentrale Botschaft auf dem Katholikentag wäre gewesen, dass es unwichtig ist, wie wir Konfessionslosen ticken und ob wir nun gläubig sind oder nicht. Wichtig ist, dass wir uns gegenseitig den Raum geben, sein Gegenüber zu akzeptieren und zu verstehen. Meiner Erfahrung nach werde ich zwar als Atheistin zu diesen Veranstaltungen eingeladen, aber ob ich in dieser Form akzeptiert werde, ist schwer zu sagen. Missionierungs- oder Rekrutierungsversuche sind an dieser Stelle nichts Ungewöhnliches. Aber sollten hier nicht vielmehr die Begegnung und der Austausch miteinander im Vordergrund stehen? In meiner Rolle als Geschäftsführerin des Vereins Jugendweihe Berlin/Brandenburg ist es mir auf solchen Veranstaltungen auch immer wichtig, Vorurteilen gegenüber der Jugendweihe entgegenzutreten. Denn die Jugendweihe ist eben keine Ersatzreligion und ebenso wenig ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Davon haben wir uns schon lange distanziert.“

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