Wolfgang Wurmb aus Berlin, Schriftführer Deutsche Philatelisten-Jugend, Finanzvorstand Katholische Militärseelsorge

Was haben die Stadt Schwetzingen, Rotkäppchen und der böse Wolf, die Notrufnummer 112, das Deutsche Reinheitsgebot und der 100. Deutsche Katholikentag gemeinsam? Wenig, würden die meisten Befragten antworten. Es sei denn, sie sind Philatelisten. Rund drei Millionen Menschen, schreibt der Deutsche Philatelistenverband auf seiner Website, sammeln in Deutschland Briefmarken. Wolfgang Wurmb ist einer von ihnen. Als Schriftführer gehört er zum Vorstand der Deutschen Philatelisten-Jugend. Und natürlich weiß Wurmb, dass es sich bei dieser Aufzählung um einige der Motive handelt, die 2016 Briefmarken schmücken werden, die sogenannten Sonderwertzeichen. „Etwa 50 davon gibt es pro Jahr“, sagt der 35-Jährige, der als Finanzvorstand bei der Katholischen Militärseelsorge arbeitet und zu Katholikentagsbriefmarken auch deshalb einen besonderen Bezug hat.

Der Weg vom Themenvorschlag zu einer dieser begehrten Sonderbriefmarken ist kein einfacher. „Sie müssen bedenken“, erklärt Wurmb, „dass jeder Bürger ein Sonderwertzeichen beim Bundesfinanzministerium beantragen kann. Rund 500 Vorschläge kommen so pro Jahr zusammen.“ Die Geschichte einer neuen Briefmarke beginnt so schon anderthalb Jahre vor ihrer Erstausgabe. Wird ein Vorschlag in die Programmplanung aufgenommen, beschäftigt sich zunächst ein mit Politikern, Verwaltungsfachleuten, Grafikern, Philatelisten und Vertretern der Post besetzter Programmbeirat damit. Jeder Jahrgang solle ausgewogen sein und die Relevanz der Themen und Anlässe berücksichtigen, verrät das Bundesfinanzministerium über dessen Bewertungskriterien. Die Themen, die es auf eine Briefmarke schaffen, gehen anschließend in einen Gestaltungswettbewerb. Für jedes Sonderwertzeichen gibt es sechs Entwürfe, aus denen der Kunstbeirat am Ende das Motiv auswählt. „Als Einreicher eines Themenvorschlags können Sie zwar für Ihr Motiv werben, aber keinen Einfluss auf die Entscheidung nehmen“, stellt Wurmb klar. Warum die letzte Katholikentagsmarke 18 Jahre zurückliegt, lässt sich also nur schwer beantworten. „Vielleicht sind keine Anträge eingegangen“, spekuliert der Experte, „vielleicht gab es im Programm schon religiöse Motive, vielleicht wurde anderen Anlässen eine höhere Relevanz beigemessen.“

Dass dieses Verfahren so streng geregelt ist, hat einen guten Grund: Als Werbeträger sind Briefmarken nicht zu unterschätzen. „Die Sondermarken sollen ja aufmerksam machen auf die Anlässe, die sie zeigen. Ein Motiv, das auf 30 Millionen Briefmarken zu sehen ist, prägt sich zwangsläufig ein. Denn mit Briefmarken hat fast jeder alltäglich zu tun“, bestätigt der Briefmarkensammler. Für Philatelisten wie Wurmb macht natürlich nicht die Werbewirkung den Reiz einer Briefmarke aus – und nicht nur die ästhetische Qualität der bunt gestalteten Bilder. Sich mit Briefmarken zu beschäftigen bedeutet, sich mit dem politischen, gesellschaftlichen und historischen Kosmos auseinanderzusetzen, der in jedem Motiv mitschwingt.

„Eine Briefmarke ist immer ein Spiegel ihrer Zeit“

sagt Wurmb und führt als Beispiel die Katholikentagsbriefmarke von 1982 an, auf der nicht die Veranstaltung im Mittelpunkt steht, sondern zum 800. Geburtstag von Franz von Assisi dessen Vogelpredigt dargestellt wird. Schon in jungen Jahren hat sich Wurmb für Briefmarken interessiert. Im Gegensatz zu anderen, die dieses Interesse als Jugendliche verlieren und vielleicht erst in reiferen Jahren zu ihrer Leidenschaft zurückfinden, ist er aber am Ball geblieben und schon früh ein engagierter Philatelist geworden. Vom bayerischen Landesvorstand hat er es bis in den Bundesvorstand der Deutschen Philatelisten-Jugend geschafft. Dort treiben ihn auch strategische Fragen um. „Das Briefmarkensammeln ist ein analoges Hobby, das es in unserer digitalen Zeit etwas schwer hat. Gerade bei der Briefmarkenjugend haben wir verschiedene Versuche unternommen, Jugendliche zu begeistern. Das können Online-Ausstellungen oder Ausstellungen an besonderen Orten sein.“

Die Vorlieben und Schwerpunkte der Philatelisten sind unterschiedlich. Das thematische Sammeln ist erst in den letzten Jahrzehnten so stark geworden. Vorher gab es vor allem klassische postgeschichtliche Sammlungen – also etwa komplette Jahrgänge einer bestimmten Region. „Einer meiner Vereinskameraden sammelt beispielsweise Pflanzen aus der Bibel“, erzählt Wurmb, dessen größtes Projekt bisher eine Ausstellung über österreichische Fiskalmarken aus dem späten 19. Jahrhundert gewesen ist. „Die Marke, mit der ich mich am intensivsten auseinandergesetzt habe, zeigt meine Heimatstadt Bad Tölz und ist 2005 zum 150. Leonhardifahrt-Jubiläum aufgelegt worden.“ Wie die Katholikentagsbriefmarken ist auch das Bad Tölzer Motiv keine Rarität. Aber der Wert einer Briefmarke lässt sich für Sammler nicht ausschließlich an ihrer Verbreitung festmachen. Philatelie hat immer etwas mit Psychologie zu tun – wie der Handel an der Börse. Deshalb spielen auch Stempel, kleine Blessuren oder besondere Verwendungsarten eine Rolle.

„Der Briefmarke zum 100. Katholikentag in Leipzig steht vor diesem Hintergrund noch eine lange und ereignisreiche Geschichte bevor“

schmunzelt Wurmb. Wie 2004 in Ulm, 2012 in Mannheim und 2014 in Regensburg will er auch in diesem Jahr beim Katholikentag dabei sein, weil er dort Gelegenheit findet, mit Seelsorgern und Soldaten zu sprechen, die er nur selten trifft. „Als Katholische Militärseelsorge zeigen wir auf jedem Katholikentag Präsenz. Ich genieße den Tag der Militärseelsorge immer sehr. Innerhalb der katholischen Kirche haben wir unseren festen Platz. Gesamtgesellschaftlich steht und fällt die Haltung uns gegenüber mit der Anerkennung der Bundeswehr und mit der Anteilnahme, die wir als Bevölkerung für Soldaten im Einsatz zeigen.“ Dabei werden die Herausforderungen für die Katholische Militärseelsorge angesichts der weltpolitischen Lage nicht geringer. Wurmb bringt es so auf den Punkt: „Egal, wohin unsere Regierung die Bundeswehr schickt, die Militärseelsorge stellt sich immer darauf ein, die Soldaten vor Ort zu begleiten.“

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