Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln

Sich in wolkig-nebulöse Formulierung zu verlieren, ist seine Sache nicht. Im Gegenteil: Der Kölner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, ist ein Mann klarer Worte. Katholische Hochburgen, sagt er, gibt es längst nicht mehr, und das mit den Flüchtlingen, das müssen wir schaffen.

Herr Kardinal, werden Sie das Geschehen auf dem Leipziger Katholikentag verfolgen und wenn ja wie?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Zeitweise bin ich in Leipzig dabei. Am Donnerstag, dem Fronleichnamsfest, kann ich zum Gottesdienst natürlich nur in Köln sein – schließlich wurde die Fronleichnamsprozession in Köln erfunden (lacht). Am Freitag und Samstag bin ich dann in Leipzig und dort auch im Programm eingebunden. Ansonsten werde ich natürlich die Berichterstattung über das Ereignis verfolgen.

Welche Katholikentage haben Sie schon besucht?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Eine ganze Reihe, zuletzt war ich in Regensburg, Mannheim und Osnabrück.

 

In einem Interview beim Katholikentag 2012 in Mannheim spricht Kardinal Rainer Maria Woelki mit dem inzwischen verstorbenen Pfarrer Dietmar Heeg u.a. über seine Ernennung zum Kardinal.

Welche Eindrücke haben Sie von diesen Katholikentagen mitgenommen?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Bei diesen großen Veranstaltungen zeigt sich zum einen die ganze bunte katholische Vielfalt mit allem, was dazugehört. Dazu trägt auch die Struktur mit dem Zentralkomitee als Veranstalter und einem Bistum als Gastgeber bei. Zum anderen machen die Katholikentage erlebbar, dass wir als Christen nicht in Wolkenkuckucksheimen leben, sondern auf dem Boden der jeweiligen gesellschaftlichen Realitäten stehen und uns dort aus unserem Glauben heraus beteiligen und einmischen. Das zeigt ja auch das jeweilige Katholikentagsmotto an, diesmal „Seht, da ist der Mensch“. Ein Katholikentag kann also sozusagen die ganze Spannweite eines weit gefassten „ora et labora“ abbilden, wenn „ora“ die Gebetszeiten, Gottesdienste und spirituellen Angebote meint und „labora“ auch den Austausch, die Diskussionen und Aktionen umfasst, die am Ende ja zu der genannten Beteiligung aus dem Glauben heraus führen wollen.

Ein wichtiges Thema auf dem Katholikentag wird der Dialog mit Nicht-Glaubenden sein. Als früherer Erzbischof von Berlin haben Sie Erfahrungen mit einem säkularen Umfeld. Wie kann dieser Dialog gelingen?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Vor allem mit Respekt und Informiertheit. Der Respekt sollte dabei mehr sein als bloß eine Form von Toleranz, bei der man einander gewähren lässt, sich aber nicht sonderlich füreinander interessiert, sondern wir müssen schon miteinander ins Gespräch kommen über Gott und die Welt und über das, was wir an Sinn- und Glaubensüberzeugungen in diese Gesellschaft einbringen, und uns dabei mit Argumenten auseinandersetzen. Beim Menschenbild gibt es beispielsweise viele Berührungspunkte mit dem Islam. In diesem Dialog muss es immer zuerst darum gehen, den anderen als Menschen mit seiner Überzeugung und in der Freiheit seiner Entscheidung für diese oder jene Position wahrzunehmen. Ich möchte in diesem Dialog werben für das, was ich als katholischer Christ glaube und was das Evangelium an Lebensmöglichkeiten anbietet. Dazu braucht es die Informiertheit zunächst mal über den eigenen Glauben. Und da glaube ich durchaus, dass es bei uns selbst einiges zu tun gibt.

Viele Menschen in Ostdeutschland sind kirchenfern, weil sie ganz selbstverständlich ohne Glauben aufgewachsen sind. In den katholischen Hochburgen hingegen kehren immer mehr Menschen ganz bewusst der Kirche den Rücken. Wie schmerzlich erleben Sie das?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Ich glaube nicht, dass es heute in Deutschland noch katholische Hochburgen gibt. Wir sind lange keine Volkskirche mehr, von solchen Vorstellungen müssen wir uns verabschieden und uns der Realität stellen. Dennoch, jeder Kirchenaustritt ist einer zu viel, und wir dürfen nicht so tun, als sei diese Entwicklung schicksalsergeben zu ertragen. Das widerspricht nicht zuletzt fundamental unserem christlichen Grundauftrag. Aber in Berlin habe ich auch gelernt, wie stark eine Kirche in der Diaspora sein kann. Wer sein Christsein in der Diaspora lebt, ist viel häufiger in Situationen, sich dazu auch bekennen zu müssen. Als einziger Schüler der Klasse zur Erstkommunion zu gehen, sich als Einzige im Betrieb frei zu nehmen, weil man Fronleichnam feiern will, oder als einziger im Freundeskreis erklären zu können, warum an Pfingsten zwei Tage frei sind: davor habe ich großen Respekt, und davon können wir einiges lernen. Nach Jesu Wort sollen wir immer eine Kirche sein, die ihrer Berufung folgt und hinausgeht zu den Menschen, um das Wort Gottes unter die Menschen zu bringen. Das ist keine Aufgabe nur für so genannte Hauptamtliche, und das setzt natürlich die eben erwähnte Informiertheit über den eigenen Glauben voraus.

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Suchen Sie auch zu diesen Menschen den Dialog?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Aber selbstverständlich, das habe ich schon in meinem Fastenhirtenbrief 2015 gesagt: Es darf uns doch nicht nur um die zehn oder zwölf Prozent derer gehen, die sonntags die Messe mitfeiern oder gar nur um die in der Regel noch kleinere Gruppe der sogenannten Kerngemeinde. Wir müssen vielmehr auch die anderen 85 bis 90 Prozent im Blick behalten, und zwar so, dass sie innerlich beteiligt sind, mit Christus in Verbindung kommen und sich selbst als einen lebendigen Teil von Kirche erfahren. Wir müssen also den Blick weiten und auch die Menschen wahrnehmen, die am Rande der Kirche stehen oder die Gott gar nicht kennen. Wie Abraham mutet Gott uns zu, dass wir uns dabei auf neue, unbekannte Wege wagen. Das kann nur ein geistlicher Prozess sein, indem wir neu und intensiv auf das Wort Gottes hören und unser Handeln dann davon leiten und bestimmen lassen. Gemeinden etwa müssen Orte sein, an denen man erfahrbar gemeinsam glaubt, lebt und hofft. Ein wesentlicher Teil davon ist Caritas: Wo Caritas handelt, handelt Kirche. Caritas ist auch Verkündigung. Auch unsere caritativen Einrichtungen müssen daher solche Orte erfahrbaren Glaubens und Lebens sein, und umgekehrt müssen unsere Gemeinden diakonischer werden.

„Natürlich haben uns in den letzten Jahren diverse Krisen durchgeschüttelt, und die schlimmsten waren selbstverschuldet.“

Wenn man die kirchlichen Debatten der vergangenen Jahre verfolgt, ist allerorten Krisenstimmung zu spüren. Schlägt Ihnen das manchmal auf die Stimmung?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Nein, und zwar schon deshalb nicht, weil ich einen solchen einseitigen Pessimismus nicht teile. Natürlich haben uns in den letzten Jahren diverse Krisen durchgeschüttelt, und die schlimmsten waren selbstverschuldet. Aber so wie wir uns von einer Zeit eines für viele als beinahe selbstverständlich empfundenen Volkskirchentums verabschieden müssen – das übrigens in weltkirchlicher wie historischer Perspektive eher die Ausnahme als die Regel ist –, so müssen wir mit den neuen Herausforderungen und Fragestellungen neu umgehen lernen. Das bedeutet vor allem, darin den Anruf Gottes zu erkennen, der uns hier, heute und jetzt in diese konkrete Situation sendet mit dem Auftrag, seine Kirche zu sein.

Was tun Sie, um in sich das Feuer des Glaubens zu erhalten?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Ich setze mich jeden Tag dem Wort Gottes aus und suche es gemeinsam mit den Mitglaubenden konkret in die Tat umzusetzen.

Die wohl größte gesellschaftliche Herausforderung ist aktuell die Flüchtlingskrise. Das Erzbistum Köln hat schon sehr früh reagiert und die „Aktion neue Nachbarn“ ins Leben gerufen. Was konnte sie bislang bewegen?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Die „Aktion Neue Nachbarn“ ist vor allem ein Netzwerk, in dem sich die Menschen vor Ort zusammenfinden, um konkrete Hilfe zu leisten. Nur ein paar Zahlen: Wir bieten flächendeckend kostenlose Sprachförderung auf allen Levels an. 2015 waren das über 390 Deutschkurse mit etwa 7.400 Teilnehmenden. Kirchliche Organisationen im Erzbistum Köln sind Träger von rund 30 Flüchtlingsheimen. Pfarrgemeinden, kirchennahe Wohnungsgesellschaften und sonstige Träger haben für Flüchtlinge mehrere hundert Wohnungen im Erzbistum bereitgestellt. In der Facebook-Gruppe „NeueNachbarnNetzwerk“ tauschen sich mehrere tausend Engagierte nicht nur über alle Fragen der Flüchtlingshilfe aus, sondern miteinander auch alles Notwendige vom Kühlschrank bis zum Wintermantel. In den Jahren 2015 und 2016 stellt das Erzbistum für Flüchtlingshilfe insgesamt 27,5 Millionen Euro bereit. Flüchtlingskinder besuchen unsere Kitas und Schulen, und so weiter. Flüchtlingshilfe ist in vielen unserer Arbeitsbereiche inzwischen Teil des Alltags geworden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Die Euphorie des Anfangs ist mittlerweile aber etwas verflogen. Immer mehr Menschen setzen hinter das berühmte „Wir schaffen das“ gleich mehrere Fragezeichen. Wie erleben Sie die Stimmung?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Vielen ist bewusst geworden, dass uns das Flüchtlingsthema für viele Jahre beschäftigen wird. Umso wichtiger ist, dass vor allem unsere Politiker zügig tragfähige und vor allem europaweite Lösungen entwickeln, damit wir diese Herausforderung bewältigen. Vor allem die Ereignisse der Silvesternacht in Köln haben viele Menschen verunsichert. Hier gilt es zunächst klar zu unterscheiden, wer wofür verantwortlich ist. Es darf nicht passieren, solche Ausfälle pauschal „den Flüchtlingen“ unterzuschieben. Deshalb habe ich auch die „Kölner Botschaft“ von Navid Kermani mit unterschrieben. Wir müssen uns aber auch darüber im Klaren sein, dass wir viele Jahre und Jahrzehnte meistens mit dem Rücken zu den Krisenherden und Problemen in der Welt gelebt haben. Die Globalisierung der Wirtschaft zum Beispiel ging einher mit einer Globalisierung der Gleichgültigkeit. Deshalb haben wir heute so viel Nachholbedarf bei der Globalisierung der Nächstenliebe. Dazu gehört nicht nur akute Flüchtlingshilfe, sondern zum Beispiel, dass wir verantwortlich mit dem umgehen, was an Ressourcen in der Welt da ist. Was diese Zusammenhänge betrifft, stehen wir an einer Zeitenwende.

Was denken Sie: Schaffen wir das?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Wenn man die Zusammenhänge so sieht, haben wir kaum eine andere Wahl. Zunächst mal sind wir eines der reichsten Länder der Erde. Zu uns kommt nur ein Bruchteil der weltweit flüchtenden Menschen; die meisten, die ihre Heimat verlassen müssen, bleiben im eigenen Land oder in den Nachbarländern. In Syrien etwa sind das Länder wie Jordanien oder der Libanon, die vor allem im Verhältnis zur eigenen Bevölkerungszahl ein Mehrfaches an Flüchtlingen aufgenommen haben. Wichtig ist dann, dass wir an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen: bei uns eine Integrationskultur schaffen, den Flüchtlingen in ihren Herkunftsländern und den Nachbarstaaten helfen und die Fluchtursachen bekämpfen, unter anderem durch einen nachhaltigen Konsum. Da ist viel zu tun, aber vor allem zusammen mit den anderen europäischen Staaten und den wirtschaftlich führenden Nationen können wir es schaffen.

woelki_mannheim_02Ein Großteil der Flüchtlinge kommt aus muslimisch geprägten Ländern. Stellt deren Glaube auch eine Anfrage an uns Christen?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Das erlebe ich bei vielen Ehrenamtlichen aus unseren Gemeinden, die sich für die Flüchtlinge engagieren. Wenn sie dann von den Flüchtlingen gefragt werden: Warum macht ihr das? Warum helft ihr uns? – dann ist das für manche ein Anstoß, neu über den eigenen Glauben nachzudenken und sich tiefer damit auseinanderzusetzen, was sie zu diesem Handeln motiviert. Man könnte sagen, dass die Flüchtlinge uns in diesem Sinne missionieren.

Wird der Katholikentag zu diesem Thema Impulse setzen?
Kardinal Rainer Maria Woelki: Ich hoffe doch sehr!

Text und Bilder sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.
Foto (Header): © Jochen Rolfes (Porträt; vor Verwendung bitte anfragen)

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