Prof. Dr. Hans Maier, langjähriger Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Katholikentage, sagt Hans Maier, „sind ein wichtiges Stück meines Lebens“. Als junger Student hat er seinen ersten Katholikentag erlebt, später war er selbst mehrfach Präsident der Veranstaltung. Und natürlich wird er auch in Leipzig mit von der Partie sein. Was er sich vom Jubiläumskatholikentag erwartet und wie sich die Veranstaltung im Lauf der Jahrzehnte verändert hat, erzählt der emeritierte Politikwissenschaftler im Interview.

Herr Professor Maier, wann hatten Sie das erste Mal Kontakt zu einem Katholikentag?
Hans Maier: Das war 1952 in Berlin. Ich habe damals in Freiburg studiert und mich mit einer Gruppe von Kommilitonen auf den Weg gemacht. Wir haben einen kleinen Bus gemietet und sind „durch die Zone“, wie man damals sagte, nach Berlin gefahren. Nur einmal durften wir kurz unterbrechen, in Magdeburg, was mir die Gelegenheit gab, zum ersten Mal den Magdeburger Dom zu sehen.

In welcher Erinnerung haben Sie die Veranstaltung?
Hans Maier: Was das eigentliche Programm betrifft, ist mir vor allem die Rede des großen Theologen Romano Guardini in Erinnerung. Es war damals sein erster Auftritt bei einem Katholikentag. Er sprach zum Thema „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“, eine zentrale theologische Überlegung. Guardini sprach lange, mehr als 45 Minuten lang, und wie gewohnt langsam und leise. Und doch hörten ihm alle gebannt zu. So etwas wäre heute kaum noch vorstellbar. Darüber hinaus erinnere ich mich an eine Bootsfahrt auf Spree und Havel, die wir gemeinsam mit Studenten aus Ostberlin gemacht haben. Das war sehr bewegend. Wir sind uns regelrecht in den Armen gelegen und haben uns geschworen, dass wir – der deutschen Teilung zum Trotz –  ein Volk bleiben.

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Sind Sie von da an regelmäßig zu Katholikentagen gefahren?
Hans Maier: Ich war nicht bei allen, aber doch bei vielen. In meiner Bibliothek stehen die Berichtsbände sämtlicher Katholikentage, die ich besucht habe. Das ist ein Stück Geschichte, aber auch ein wichtiges Stück meines Lebens.

In Ihrer Eigenschaft als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (1976-1988) waren Sie später selbst Präsident von fünf Katholikentagen. Wie haben Sie den Wechsel von der Teilnehmer- auf die Veranstalterseite erlebt?
Hans Maier: Für mich hat das keinen großen Unterschied bedeutet. Ich hatte schon in den Jahren zuvor meist als Referent oder Diskussionsteilnehmer an den Katholikentagen teilgenommen, saß also damals schon auf dem oberen Teil des Treppchens. Das Neue war vor allem, dass ich nun eine Eröffnungs- und eine Schlussrede vorbereiten musste. In der Verwaltung des Zentralkomitees kursierte damals der Spruch „Wir reden nicht, wir lassen reden“, aber mir war es doch wichtig, in meinen Reden eigene Töne anzuschlagen und etwas Persönliches einfließen zu lassen.

Vor welchen Herausforderungen standen die Katholikentage jener Jahre?
Hans Maier: Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich der deutsche Katholizismus pluralisiert und bis zu einem gewissen Grad auch polarisiert. Es gab da etwa den „Katholikentag von unten“, organisiert von Gruppen, die zwischen den Katholikentagen kaum eine Rolle spielten, dann aber die Öffentlichkeit der Veranstaltung nutzten, um ihr Gegenprogramm deutlich in den Vordergrund zu spielen. Ich hingegen habe immer betont, dass es einen Katholikentag von unten ebenso wenig gibt wie einen Katholikentag von oben. Es gibt nur einen Katholikentag auf dem Weg. Eine Herausforderung stellte auch die Pluralisierung dar. Die ersten Katholikentage nach dem Krieg hatten eine klare, oft politische Botschaft. Das war in den 1970er und 80er Jahren nicht mehr der Fall. Mehr und mehr wurde der Katholikentag selbst zur Botschaft, weil er die Vielfalt katholischen Lebens darstellte. Gerade von evangelischer Seite wurde den Katholiken früher gerne ein blockhaftes Denken unterstellt, so dass man sich von Katholikentagen eine geradezu dogmenähnliche Botschaft erwartete. Dass diese Vorstellung nicht mehr der Realität entsprach, haben die Katholikentage jener Jahre deutlich gezeigt.

Wie intensiv haben Sie die Katholikentage der folgenden Jahrzehnte verfolgt?
Hans Maier: Auch da habe ich nur wenige ausgelassen. Besonders intensiv erinnere ich mich an Berlin 1990, an Karlsruhe 1992 und an Mannheim 2012. Selbstverständlich werde ich auch nach Leipzig fahren. Den 100. Katholikentag kann ich mir nicht entgehen lassen. Den werde ich von Anfang bis Ende mitmachen.

„Die Kirche muss den Glauben in einer anderen Weise verkünden, sie muss neue Formulierungen finden, ja sie muss von Grund auf neu denken.“

Was wünschen Sie sich von der Veranstaltung?
Hans Maier: Ich hoffe, dass dieser Katholikentag ein Zeichen aussendet, wie Glaube und Hoffnung auf die Zukunft in einer nachreligiösen Gesellschaft noch möglich sind. In Leipzig und im gesamten Gebiet der ehemaligen DDR haben die Christen ja die Mehrheit verloren. Die gehört dort den Nicht-Getauften. Aber gerade das ist interessant und herausfordernd für die Kirche. Sie muss dort den Glauben in einer anderen Weise verkünden, sie muss neue Formulierungen finden, ja sie muss von Grund auf neu denken. Wie das funktionieren kann, dazu sollten Anstöße von Leipzig ausgehen.

Wie haben sich die Katholikentage im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gewandelt?
Hans Maier: Als der Katholikentag im 19. Jahrhundert begann, war er so etwas wie die öffentliche Heerschau der Katholiken. Im Bismarck-Reich waren die katholischen Gläubigen in die Minderheit geraten, die Kirche wurde im Kulturkampf angefochten, ja verfolgt. Die Katholiken mussten sich also wehren, so dass die Katholikentage schon von daher stark politisch geprägt waren. Das war auch noch in der Weimarer Zeit so. Die liturgische Bewegung etwa, die sich für eine Erneuerung und Vertiefung des liturgischen Verständnisses unter den Gläubigen einsetzte, entwickelte sich parallel zu den Katholikentagen und spielte bei den Veranstaltungen nahezu keine Rolle. Das änderte sich erst mit der bereits erwähnten Guardini-Rede 1952 in Berlin. Den zentralen Wendepunkt in dieser Hinsicht aber markiert erst der Katholikentag 1978 in Freiburg. Zum ersten Mal gab es da einen Raum der Besinnung. Zwei große Ordensstifter traten auf den Plan – Mutter Teresa und Roger Schütz von Taizé –, das Gebet, die Liturgie und die Stille traten gleichwertig neben die Debatten über soziale, politische und kirchenpolitische Themen. Auch waren die Katholikentage vom Ursprung her viel stärker eine Laienbewegung. Was heute selbstverständlich ist, nämlich dass fast alle deutschen Bischöfe zu den Katholikentagen anreisen, begann zaghaft in der Weimarer Republik und setzte sich erst in der Nachkriegszeit wirklich durch.

Sie haben vorhin den Begriff „nachreligiöse Gesellschaft“ verwendet. Wie beurteilen Sie die Lage der Kirche in diesem Umfeld?
Hans Maier: Gesamtdeutsch gesehen umfassen die beiden großen christlichen Kirchen zwar noch eine Mehrheit der Bevölkerung, aber das wird sich bald ändern. Schon heute wird nur noch ein Drittel aller Neugeborenen getauft. Zwar entwickelt sich aus dieser Situation kein kämpferischer Laizismus, wie man ihn etwas aus der französischen Geschichte kennt, aber eine Haltung der Gleichgültigkeit und des Wegsehens. Vor diesem Hintergrund wird sich vermehrt die Frage stellen, aus welcher Haltung heraus, auf welcher Wertebasis Menschen handeln. Das erleben wir ja schon jetzt in der Flüchtlingsfrage. Hier müssen die Kirchen Antworten finden, gerade wenn sie zukünftig in eine Minderheitenposition geraten werden.

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Sie waren stets ein sehr aktiver Mensch. Sie waren Professor, viele Jahre bayerischer Kultusminister, ZdK-Präsident und Vater von sechs Kindern. Wie haben Sie das alles unter einen Hut gebracht?
Hans Maier: Mit Ruhe, Vorausschau und guter Planung. Meine Frau spottet manchmal, dass ich ein richtiger Logistiker bin. Aber sie plant auf ihre Weise genauso. Und so war unser Leben immer gefüllt bis an den Rand, aber doch meist entspannt.

Welche Rolle hat Ihr Glaube in all dem gespielt?
Hans Maier: Er war eine fast unbewusste Konstante in meinem Leben, etwas, das mir Sicherheit gerade auch in kritischen Momenten gegeben hat. Übrigens hat sich mein Glaube in der Nazi-Zeit gefestigt. Meine beiden Religionslehrer in diesen Jahren waren überzeugte Regimegegner, mit ihnen haben wir etwa im Krieg ausländische Sender gehört. Der Glaube wächst ja auch durch glaubwürdige Verkünder, insofern bin ich diesen beiden Lehrern bis heute dankbar, dass sie ihren Glauben in dieser überzeugenden Weise gelebt und weitergegeben haben.

Sie werden in wenigen Monaten 85 Jahre alt. Aber ihr Terminkalender ist noch immer gut gefüllt, Sie halten Vorträge und Festreden. Was gibt Ihnen die Kraft dazu?
Hans Maier: Na ja, etwas weniger ist es schon geworden. Aber man muss ja etwas tun. Es wäre doch langweilig, wenn man den ganzen Tag lang nur Zeitung lesen und fernsehen, also gewissermaßen passiv in den Tag hinein leben würde. Die alte Humanisten hatten den Spruch „Nulla dies sine linea“, kein Tag ohne eine Zeile. An dieses Motto halte ich mich, so lange es mir möglich ist, und ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich es noch kann.

Sie können auf ein ereignisreiches, langes Leben zurückblicken. Gibt es dennoch unerfüllte Träume?
Hans Maier: Nein. Ich habe wirklich sehr viel erreicht in meinem Leben. Ich hatte in meinem Beruf Anteil an der wissenschaftlichen Entwicklung, noch dazu in einem neuen Fach, der Politikwissenschaft. Ich habe 16 Jahre lang in die Politik hineingeschaut, war also stets präsent im öffentlichen Leben. Auf der anderen Seite hatte ich ein erfülltes Familienleben und einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Ich stamme aus eher einfachen Verhältnissen. Meine Mutter kommt aus einer bäuerlichen Familie, mein Vater war kaufmännischer Angestellter. Dieser Wurzeln war ich mir stets bewusst, auf ihnen habe ich mein Leben in Ruhe Schritt für Schritt aufgebaut. Wenn ich heute zurückblicke, kann ich mit Überzeugung sagen, dass es ein glückliches Leben war. Natürlich gab es dramatische Momente. Vor allem die Kriegsjahre waren ein schwerer Einschnitt. In einer Bombennacht Ende 1944 war ich mit meiner Schwester zusammen eine Stunde lang verschüttet, ohne zu wissen, ob ich jemals wieder herauskommen würde. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ich mein Leben lang geführt wurde. Das macht mich froh und zuversichtlich auch für die kommenden Tage.

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