Joachim Frank, Chefkorrespondent der Mediengruppe DuMont, Vorsitzender der GKP, Köln

Die Perioden der Kirchengeschichte, in denen missliebige Meinungen durch Maulkörbe, Publikationsverbote oder gar einen Index librorum prohibitorum, eine Liste der verbotenen Bücher, mehr oder weniger wirkungsvoll unterdrückt werden konnten – diese Zeiten liegen ungefähr so lang zurück wie die „alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat“. Das ist bekanntlich ein beliebter Anfang in den Märchen der Brüder Grimm. 1850 erschien ihre Sammlung schon in der sechsten Auflage. Die Liste der Katholikentage umfasste zu diesem Zeitpunkt ganze vier Einträge. Von Anfang an wollten die Laientreffen eines nicht sein: Märchenstunden; die Vorspiegelung paradiesischer Zustände in Kirche und Gesellschaft. Vielmehr ging es den Initiatoren um das, was man heute – eingeübt in die Terminologie des Zweiten Vatikanischen Konzils – „Weltverantwortung“ zu nennen pflegt. Dazu gehören das offene Wort, die Auseinandersetzung mit unbequemen, widerständigen und manchmal sogar mit widerwärtigen Positionen anderer.

Damit hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) als Veranstalter der Katholikentage reichlich Erfahrungen und eine lange (Leidens-)Geschichte. Was ist möglich auf dem „Markt der Möglichkeiten“ – und was nicht? Wer darf auf einem Katholikentag sprechen – und wessen Name sollte tunlichst nicht im Programmheft auftauchen? Die Ausschließeritis war für Journalisten auf jeder Pressekonferenz vor Beginn eines Katholikentags eine höchst dankbare Angelegenheit, anhand derer sie treffsicher und punktgenau die langfristig schwelenden oder die aktuell lodernden Konflikte ausmachen konnten. Und die Basisinitiativen mit ihrem „Katholikentag von unten“ konnten die eigene Daseinsberechtigung und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit am besten daraus ziehen, dass sie all die Abweichler, Abtrünnigen und kanonisch oder kommunikativ vom Katholikentag Exkommunizierten in ihr Alternativprogramm aufnahmen. Man muss dafür in den Katholikentagsannalen gar nicht so weit zurückblättern, wie es die Vergangenheitsform sprachlich vielleicht vermuten lässt. Der ehemalige Wiener Generalvikar Helmut Schüller zum Beispiel, Protagonist eines „Aufrufs zum Ungehorsams“, konnte noch 2012 in Mannheim nur außerhalb des offiziellen Katholikentags auftreten.

Gewagte Umarmungen

Aber das ist, zugegeben, inzwischen eher die Ausnahme. Manchmal denke ich, ein paar kluge Leute beim ZdK waren es Leid, die Weite des programmatischen Spektrums auf einem Katholikentag immer von den Rändern her definiert zu bekommen, um den Lieblingsbegriff des Papstes hier einmal in eindeutig negativer Konnotation zu verwenden. Und ein paar Clevere erkannten außerdem, dass sich Rebellen- und Renegaten-Attitüde des „Katholikentags von unten“ doch am besten durch Eingemeindung entschärfen ließen. Die Aufnahme ins offizielle Katholikentagsprogramm war für die Basisinitiativen auch eine Art Umarmung mit anschließender Atemnot. Das ist jedenfalls recht unumwunden in einschlägigen Publikationen nachlesbar.

Die eigentliche Schwierigkeit mit Stühlen, die der Katholikentag anderen vor die Tür stellt, besteht aber darin, sie irgendwann wieder hereinholen zu müssen. Es war Hans Maier, der in den 1980er Jahren vom „zerschnittenen Tischtuch“ zwischen der katholischen Kirche und den Grünen sprach. Daran wurde gerade in diesen Tagen mit einem gewissen Feixen erinnert, als in Baden-Württemberg der mutmaßlich katholischste aller deutschen Ministerpräsidenten, Winfried Kretschmann, in Baden-Württemerg seinen historischen Wahlsieg für die Grünen einfuhr. Im ZdK sitzt er seit Jahren wie selbstverständlich an jedem Tisch – ob mit oder ohne Tischtuch.

Es hat lange gebraucht, bis nicht nur die SPD, sondern auch die Kirche die Grünen als „Bein von unserem Bein und Fleisch von unserem Fleisch“ (an-)erkannt hat. Und natürlich bedurfte (und bedarf) es auch innerparteilich erheblicher Anstrengungen, um zentrale Elemente grüner Programmatik als die säkulare Variante christlicher Überzeugungen verstehen zu können. Das unterscheidet die Grünen nicht nur aktuell, sondern auch à la longue von der AfD. Hier gilt, was die „Gesellschaft Katholischer Publizisten“ in Übereinstimmung mit Bischofskonferenz und ZdK auf ihrer Mitgliederversammlung Mitte März formuliert hat: Menschenverachtende, demokratiefeindliche Positionen der AfD dürfen in der Kirche keinen Raum haben. „Die Infragestellung elementarer Freiheitsrechte ist eine Bedrohung für unsere Gesellschaft. Zwischen AfD und Christentum verläuft hier ein unüberbrückbarer Graben.“

Trotzdem frage ich mich, ob es richtig war, die AfD vom Leipziger Katholikentag auszuschließen. Ich verstehe das Bedenken, den Populisten eine Plattform zu bieten und sie – wenn nicht zu taufen, so doch zumindest in die Nähe des Weihwasserbeckens zu bringen. Aber das katholikentagsamtliche Verdikt in Richtung AfD, „Sie müssen leider draußen bleiben“, hat doch auch etwas von der eingangs erwähnten „alten Denke“, dass sich die Reichweite einer Wortmeldung durch die Beschränkung der Verbreitungswege kanalisieren ließe. Eine gleichberechtigte Teilnahme von – sagen wir – Frauke Petry an einem Podium über den Umgang mit Flüchtlingen oder von – sagen wir – Beatrix von Storch an einer Diskussion über Pressefreiheit hätte ich weder für zwingend noch für geboten oder gar wünschenswert gehalten. Es war in den einschlägigen TV-Talkshows vielfach zu besichtigen, mit welch plumpen, aber umso wirkungsvolleren rhetorischen Taschenspielertricks sich derartige Formate instrumentalisieren lassen. Dass der Katholikentag aber über die alarmierenden Erfolge der AfD, speziell in Sachsen-Anhalt, reden muss, steht für mich außer Frage. Was sonst wäre innenpolitisch die Gefährdung, der sich die deutschen Katholiken in ihrer „Weltverantwortung“ dringender zu stellen hätten? Und wenn sie es denn tun, wie sollte es dann möglich sein, in der direkten Konfrontation mit der AfD nicht wenigstens einen ihrer Vertreter zu Wort kommen zu lassen?

Gesellschaftliche Zeitansagen

Gewisse Sprachspiele haben für Institutionen einen ähnlichen Wiedererkennungswert wie Stilformen für eine bestimmte Epoche der Kunstgeschichte. So darf kein evangelischer Kirchentag vergehen ohne die Betonung der „Zeitansage“, die von ihm ausgehe. Von der Funktion als „Seismograph“, „Plattform des Diskurses“ und ähnlichem ist auch gern die Rede. Seit ich Katholikentage bewusst nicht mehr vornehmlich – wie in meiner Jugend – als bunte, lebendige und fromme Großevents zur Stärkung des katholischen Gemeinschaftsgefühls besuche, sondern auch als Austragungsorte für politischen Meinungsstreit, sind mir die katholischen Variationen des Zeitansage-Motivs vertraut – vor allem aus dem Mund Hans Joachim Meyers. Das hat vermutlich nichts damit zu tun, dass der ehemalige sächsische Wissenschaftsminister die Rolle der Christen in der säkularen Gesellschaft so viel stärker betont hätte als seine Vorgänger und Nachfolger im Amt des ZdK-Präsidenten. Vielmehr liegt es bestimmt daran, dass die Ära Meyer mehr oder weniger genau mit meiner eigenen Katholikentagssozialisation zusammengefallen ist.

Weltverantwortung, Zeitansage – das kann und muss 2016 in Leipzig neben der klaren Positionierung zur Flüchtlingspolitik eben auch die Konfrontation der katholischen Laien mit der AfD sein. Ich wünsche mir, dass Katholiken ihren erklärten Abstand auch erklären können, wenn sie sich die AfD ins Haus holen. Einerseits gilt: Man darf sich nicht abschotten und sich auf dem bequemen Stuhl in der guten Stube räkeln. Schwierig und ungemütlich wird es doch erst, wenn der Störenfried ins gesittete Ambiente vordringt. Andererseits darf man sich auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass  auch der Stuhl, den man vor die Tür gestellt, gemütlich sein kann; dass er sich obendrein eignet, darauf zu klettern und wie an „Speakers‘ Corner“ Parolen unter die Leute zu bringen.

Katholikentage dürfen nicht gemütlich sein. Ich wünsche mir einen ungemütlichen Leipziger Katholikentag.

Hinweis: Gemeinsam mit dem Katholischen Medienverband richtet die Gesellschaft katholischer Publizisten beim 100. Katholikentag ein Podium zum Thema „Menschenbild und Medienwirkung“ aus. Joachim Frank ist Co-Moderator der Veranstaltung.

Text und Bild sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.
Foto: © Neumann/KStA

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