Stanislaw Tillich, Ministerpräsident von Sachsen

Auch wenn Katholiken in Sachsen eine verschwindende Minderheit darstellen – alle sächsischen Ministerpräsidenten seit der Wende waren Katholiken. „Das war also für die Sachsen nie ein Hindernis“, meint der aktuelle Amtsinhaber, Stanislaw Tillich. Seine christlichen Überzeugungen, das gibt er unumwunden zu, prägen seine Politik, egal, ob es um den Religionsunterrricht an staatlichen Schulen oder die politische Auseinandersetzung mit Pegida geht. Und natürlich hat Tillich auch hohe Erwartungen an den Katholikentag in Leipzig.

Herr Ministerpräsident, was war Ihre spontane Reaktion, als das Zentralkomitee der deutschen Katholiken sich für Leipzig als Austragungsort des 100. Deutschen Katholikentags entschieden hat?
Stanislaw Tillich: Ich habe mich richtig gefreut – als Katholik aber auch als Ministerpräsident verbinde ich damit für Leipzig und ganz Sachsen eine große Chance.

Gut 70 Prozent der Menschen in Sachsen gehören keiner Glaubensgemeinschaft an. Wie ernst nehmen die Menschen dort ein Glaubensfest wie den Katholikentag?
Stanislaw Tillich: Zunächst einmal hoffe ich sehr, dass es in Leipzig ein Fest des Glaubens wird. Bei ähnlichen religiösen Anlässen waren die Sachsen gute Gastgeber und neugierige, diskussionsfreudige Kirchenfestteilnehmer. Religion und Glaube sind vielen hier unbekannt. Das ist ein Erbe der DDR, die in dieser Hinsicht leider sehr gründlich war. Es gibt viel Unwissen in Sachen Religion, aber unbekannt muss nicht gleich ablehnend bedeuten.

Schon 1994 hat es einen Katholikentag in Sachsen gegeben, damals in Dresden. Sie waren  dabei. Welche Erinnerungen haben Sie?
Stanislaw Tillich: 1994 war ja der erste Katholikentag in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung, in einem Land und einer Stadt im Aufbruch, einer Gesellschaft in Transformation und einer Kirche mit neuer Freiheit und neuen Herausforderungen. Ich erinnere mich aber auch besonders gern an das Katholikentreffen 1987 mit 100.000 Teilnehmern in Dresden. Es war das einzige so große öffentliche Treffen von Katholiken in der DDR. Beide Ereignisse waren für mich eine Demonstration lebendigen Glaubens in diesem Teil Deutschlands. Die deutsch-deutsche Neugier aufeinander war greifbar. 1987 haben aber auch viele erfahren, was Unfreiheit bedeutet.

Wie hat sich Sachsen seit damals verändert?
Stanislaw Tillich: Wir haben gerade gemeinsam 25 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Für uns Sachsen bedeutet dies auch 25 Jahre Freistaat Sachsen. Seither hat sich eigentlich fast alles verändert, vieles wurde vom Kopf auf die Füße gestellt. Fragen Sie die Menschen hier. Das ist eine großartige Leistung, und zwar nicht nur im Hinblick auf neue Autobahnen oder Forschungsinstitute, sondern auch für Politik und Gesellschaft. Ich denke: Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ein Beispiel ist der konfessionelle Religionsunterricht. Er ist heute in Sachsen an öffentlichen Schulen ordentliches Lehrfach mit Verfassungsrang. Die Einführung war nicht selbstverständlich, aber sie war richtig und wichtig.

Was bedeutet das für den Katholikentag in Leipzig?
Stanislaw Tillich: An der Diasporasituation der Katholiken hat sich zahlenmäßig und auch an der Religionsferne nicht viel verändert. Nichtsdestotrotz wird es ein Fest von und für Menschen, die den Glauben leben und für Menschen, die über Fragen von heute und morgen mit uns diskutieren wollen. Ich bin da ganz bei Erzbischof Koch, der ja damals noch Bischof von Dresden-Meißen war, der meinte: „Der Katholikentag muss geprägt sein von den vielen Menschen, die nicht glauben.“

Sie selbst sind Katholik. Wie stark bestimmt Ihr Glaube Ihr politisches Handeln?
Stanislaw Tillich: Mein Glaube gehört zu mir als Person, und deshalb kann ich ihn auch nicht an der Garderobe abgeben. Das gilt auch für die Politik. Es gibt für mich trotzdem keine „christliche“ Politik, sehr wohl aber Politiker, die Christen sind, und deren Grundüberzeugungen für sie selbst und damit auch für ihre Politik eine Rolle spielen. Ich mache daraus kein Geheimnis. Ich bin der dritte sächsische Ministerpräsident, und alle drei sind katholisch. Das war also für die Sachsen nie ein Hindernis. Die Überschrift meines ersten Interviews als Ministerpräsident lautete: Der Glaube ist mein Anker.

„Es gibt für mich trotzdem keine „christliche“ Politik, sehr wohl aber Politiker, die Christen sind, und deren Grundüberzeugungen für sie selbst und damit auch für ihre Politik eine Rolle spielen.“

Und welche Rolle nimmt der Glaube in Ihrem Leben ein?
Stanislaw Tillich: Er ist ein Teil meines Ich. Mein Glaube gehört zu meinem Alltag. Gott begleitet mich bei meinem Denken und Handeln. Der Glaube ist für mich eine Bereicherung.

Sie stammen aus einer sorbischen Familie und sind in der sehr katholisch geprägten Lausitz aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie und was davon geben Sie an Ihre Kinder weiter?
Stanislaw Tillich: Ein Leben in Gemeinschaft, Geborgenheit und starkem Füreinander – das führte zu einer sorgenfreien Kindheit und Jugend für mich und unsere Kinder. Füreinander da sein, den Nächsten zu sehen und ihm zu helfen, wenn nötig – das meinen Kindern mit auf den Weg zu geben, war mir wichtig.

„Wir stehen unter Rechtfertigungsdruck“ beschreibt Propst Gregor Giele die Situation der katholischen Kirche in Leipzig. Müssen auch Sie sich manchmal rechtfertigen, dass Sie einer Kirche angehören?
Stanislaw Tillich: Ich weiß, worauf Propst Giele hinaus will. In Sachsen, wo eine übergroße Mehrheit nicht Teil der christlichen Kirchen ist, ist es für mich nicht überraschend. Aber je deutlicher man sich zu seinem Glauben bekennt, umso weniger wird man dazu hinterfragt. Das ist meine Erfahrung. Also „nein“ zum zweiten Teil der Frage.

Im Programm des Katholikentags spielt der Dialog mit den Nicht-Glaubenden eine entscheidende Rolle. Wie kann die Kirche mit Menschen ins Gespräch kommen, für die Gott keine Bezugsgröße ist?
Stanislaw Tillich: Kirche ist doch nicht nur Kirche, sondern Alltag in der Kranken-, Altenpflege, in der Telefonseelsorge und vielen anderen Bereichen. „Kirche im Leben, lass uns über unseren Alltag sprechen“ könnte das Motto auch heißen.

Wieviel Zeit haben Sie sich persönlich für den Katholikentag reserviert?
Stanislaw Tillich: Ich bin am Eröffnungstag und zum Schlussgottesdienst mit dabei. An den Tagen dazwischen tagt das Plenum des Sächsischen Landtages. Da bin ich qua Amt „dienstverpflichtet“ und bitte um Verständnis…

Welches Signal sollte Ihrer Meinung nach vom Leipziger Katholikentag ausgehen?
Stanislaw Tillich: Ich hoffe, dass der Katholikentag in Leipzig ein Fest der Begegnung wird, zwischen den Religionen, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen und auch noch zwischen West und Ost. Gerade jetzt hoffe ich, dass er die Menschlichkeit unter uns stärkt.

Sie sind Ministerpräsident eines Landes, das mit Pegida in Dresden und Legida in Leipzig immer wieder negativ Schlagzeilen macht. Worüber sind diese Menschen so verärgert?
Stanislaw Tillich: Mittlerweile sind dazu Bücher und Studien verfasst worden. Alle beschäftigen sich mit Ursachen und Motivationssuche und kommen nicht zu der einen Erkenntnis. Es sind wohl viele Gründe und Motive, die die Menschen daran teilnehmen lassen. Mein Eindruck ist, dass es vor allem Ärger über die aktuelle Politik, Angst vor sozialen Veränderungen mit der Befürchtung persönlicher Betroffenheit und bei vielen auch Unsicherheit gegenüber Fremden bis hin zu Ausländerfeindlichkeit sind. Diese Negativschlagzeilen sind nicht gut für Sachsen. Daran gibt es überhaupt nichts herumzudeuteln. Ich halte es da mit der Bundeskanzlerin, die meinte, sie verstehe so manches, habe aber kein Verständnis dafür. Ich sage genauso deutlich: Die überwältigende Mehrheit der Menschen in Sachsen ist nicht so. Im Gegenteil: Sie sind hilfsbereit und weltoffen, und viele gehen zum Beispiel bei der Versorgung von Flüchtlingen und Asylsuchenden an ihre persönlichen Grenzen, um zu helfen.

„Wer hetzt, wer zu Gewalt aufruft oder sie ausübt, der wird die Härte unseres Rechtsstaates zu spüren bekommen.“

Wie reagieren Sie auf diesen Ärger und was haben Sie vor, um die in diesen Demonstrationen teilweise radikal zutage tretende Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen?
Stanislaw Tillich: Wenn es bei den Demonstrationen zu Gewaltaufrufen, zu Fremdenhass und zu körperlicher Gewalt gegenüber Dritten kommt, dann sind für mich eindeutig Grenzen überschritten. Wer hetzt, wer zu Gewalt aufruft oder sie ausübt, der wird die Härte unseres Rechtsstaates zu spüren bekommen. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat und nicht auf der Straße. Auf der anderen Seite müssen wir Demonstrationen aushalten, auch wenn sie uns nicht gefallen, weil das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit im Rahmen bestehender Gesetze ein hohes Gut sind. Das ist ein schmaler Grat, aber sobald die Grenzen des Rechtsstaates überschritten werden, handeln wir auch. Was die aktuellen Sorgen vieler vor Überfremdung angeht, hilft vor allem eines: Begegnung. Ich sage es immer wieder: Wir sollten nicht übereinander, sondern miteinander reden. Umgekehrt gelten für alle, die zu uns kommen, unsere Werte und Gesetze. Da kann es ebenso wenig Abstriche geben.

Gemeinsam mit Bundespräsident Joachim Gauck haben Sie kürzlich in Bautzen an einer Diskussion mit Bürgermeistern aus der Region teilgenommen. Wie stark ist der Druck der Rechtsextremen tatsächlich vor Ort und wie kann die Landespolitik die Kommunen unterstützen?
Stanislaw Tillich: Rechtsextreme sind eine sehr kleine, aber leider sehr aggressive Gruppe, die für die Gesellschaft ein großes Problem darstellt. Die aktuelle Stimmungslage in Teilen der Bevölkerung und die Hetze, die bei zu vielen Veranstaltungen derzeit ausgedrückt wird, scheint die Extremisten zu ermutigen, ihrer Verrohung im Denken auch beschämende Taten folgen zu lassen. Die Staatsregierung wird daher den Kampf gegen den Extremismus verstärken: durch eine starken Staat und eine aktive Bürgergesellschaft. Mit mehr Polizei, einer stärkeren Justiz und neuem Engagement in der politischen Bildung wollen wir hier ansetzen. Zudem sollen die Initiativen vor Ort mehr Geld bekommen – zum Beispiel über das Programm „Weltoffenes Sachsen.“ Damit, mit unseren Vorhaben für eine gelingende Integration und mit anderen Maßnahmen, zum Beispiel dem 800-Millionen-Investitionsprogramm „Brücken in die Zukunft“, helfen wir den Kommunen, ein gutes Lebensumfeld zu schaffen und damit hoffentlich auch eine Zustimmung zu unserem demokratischen System und einen respektvollen Umgang miteinander. Denn darin sehe ich die noch größere Aufgabe: Das Bekenntnis zur Demokratie und das gesellschaftliche Engagement zu verbessern, denn damit stärken wir insgesamt die Abwehrkräfte gegen alles Extreme und Radikale. Das war auch das Thema mit dem Bundespräsidenten in Bautzen.

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