Ruth Schmidt, geistliche Leiterin der Kolping-Familie St. Andreas in Wesseling

Die Begegnung, die ihr Leben entscheidend beeinflussen sollte, liegt schon lange zurück. „Ende der 1980er Jahre“, erzählt Ruth Schmidt, „haben wir bei den Elternabenden in der Grundschule unseres ältesten Sohns zum ersten Mal einen Kontakt zu Kolping bekommen. Damals gab es hier in Wesseling eine ganz junge Kolping-Familie, die sehr aktiv war. Und da sind wir dann eingetreten.“ Seit dieser Zeit ist Kolping ein ständiger Begleiter im Leben der zierlichen Rechtsanwältin und ihres Mannes, der selbst lange Zeit Vorsitzender der Wesselinger Kolping-Familie war. Inzwischen lebt sie in gewisser Weise in zwei Familien. Denn „Kolping“ ist nicht nur ein Verband sozial engagierter Christen, für die Nächstenliebe mehr als ein Wort ist, sondern zugleich ein Familienverbund, in dem man sich gegenseitig beisteht und darüber hinaus die schwachen und in Not geratenen Menschen in der Gemeinde unterstützt. Ruth Schmidt gehört somit zu einer gut 250.000 Menschen umfassenden Gemeinschaft, die sich in Deutschland in 2.700 Familien aufteilt. Weltweit sind es rund 4.000.

Keine Männer-Domäne

Vor zweieinhalb Jahren ist sie zur geistlichen Leiterin der Kolping-Familie Wesseling St. Andreas gewählt worden und damit, nach einer entsprechenden Ausbildung, für den spirituellen und religiösen Part im Vorstand verantwortlich. Mit „frischen Ideen“ will sie „das Leben der Gemeinschaft bereichern“. Das bedeutet konkret die Vorbereitung von Messen, Kreuzwegen, Andachten, aber auch die Betreuung von Kranken und Hinterbliebenen und die thematische Gestaltung der regelmäßigen Treffen, auf denen sich die Mitglieder austauschen und Bildungsangebote wahrnehmen. Ruth Schmidt ist gleichzeitig der lebende Widerspruch zum überkommenen Vorurteil über das Kolpingwerk, das den 1849 in Köln gegründeten Gesellenverein als katholische Männer-Domäne darstellt. „Das entspricht überhaupt nicht der Wirklichkeit“, erklärt sie, und ihre Augen blitzen dabei auf. „Schon seit ziemlich genau 50 Jahren können Frauen Mitglied werden.“ Auch bei den geistlichen Ämtern ist „Kolping“, so Ruth Schmidt, „der Amtskirche vorausgegangen“ und hat Frauen entsprechende Aufgaben übertragen. Zugleich hat der Verband auch die Grenzen des Gesellenvereins hinter sich gelassen, sich allen Berufsgruppen geöffnet und ist zudem ökumenisch ausgerichtet.

Keine Frage, Ruth Schmidt lebt den Familiengedanken, Basis des Kolpingwerks, in ihrem Alltag. „Ich fühle mich da aufgehoben und ich genieße die Gemeinschaft“, beschreibt sie ihr Verhältnis zu dem Verband, der im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die miserablen Lebensbedingungen der Handwerksgesellen von Adolph Kolping gegründet wurde. Zwar herrscht heute nicht mehr die blanke Not wie zu Kolpings Zeiten, doch gibt es eben noch immer Schwache und Arme, die Hilfe benötigen, um sich im Alltag zurechtzufinden. „Die Schere geht schon weiter auf“, meint Ruth Schmidt. In diesem Sinn hilft die Wesselinger Kolpingfamilie heute Flüchtlingen, unterstützt Hauptschüler bei Bewerbungen und Hartz-IV-Empfänger bei der Bewältigung der bürokratischen Hürden.

„Eigentlich ist jeden Tag etwas vorzubereiten oder müssen Probleme gelöst werden.“

Die Kolping-Familie ist durchaus zeitraubend, denn für Ruth Schmidt war von Anfang an klar, dass „ich viel anbieten wollte, damit sich jeder angesprochen fühlen kann.“ Und das ist nicht leicht: „Die einen gehen lieber in die Messen, die anderen laufen lieber auf einem Pilgerweg.“ All die Angebote wollen vorbereitet sein, sodass an den Wochenenden ein Tag für Kolping reserviert ist. „Doch eigentlich ist an jedem Tag etwas vorzubereiten oder müssen Probleme gelöst werden“, beschreibt die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen lächelnd ihr umfangreiches Pensum.

Nächstenliebe ist eine Selbstverständlichkeit

Für Ruth Schmidt gehören die christliche Nächstenliebe und ihr Vertrauen auf Gott zu den selbstverständlichen Inhalten ihres Lebens. „Ich versuche auf Menschen zuzugehen und ihnen in Notsituationen zu helfen. Das muss nicht unbedingt finanzielle Not sein. Das können zum Beispiel auch Besuche bei Alleinstehenden oder Kranken und Gefangenen sein. Wobei ich gefangen auch im übertragenen Sinne verstehe.“ Die Juristin zeigt, wenn sie erzählt, einen Optimismus, der angesichts aller Probleme in der Gesellschaft selten geworden ist. Bei ihr, das strahlt sie wie selbstverständlich aus, ist das Glas immer halbvoll und ein Problem kein Problem, weil es für alles eine Lösung gibt. „Verzagtheit ist nicht mein Ding. Ich bin eine Kämpfernatur. Wenn man gar nichts macht, geht das Schiff einfach unter,“ beschreibt sie ihre Einstellung.

Dem Katholikentag nähert sich Ruth Schmidt ohne vorgefasste Erwartungen. „Konkrete Erwartungen werden oft enttäuscht.“ In Leipzig sucht Ruth Schmidt eher die kleineren Veranstaltungen und Seminare auf. „Da kann ich mich weiterbilden und Anregungen für neue Angebote auf- und mitnehmen. Die großen Podiumsdiskussionen, wo sich die Politiker präsentieren, brauche ich nicht unbedingt.“ Wichtiger ist da schon der Blick über den Tellerrand, wenn man Menschen aus anderen Teilen der Republik trifft, mit denen man sich austauschen kann. „Dieses Gemeinschaftsgefühl, das dort entsteht, das trägt auch für längere Zeit.“ Nach Leipzig geht Ruth Schmidt als „einfache Katholikin“ und weniger als Kolping-Mitglied. Aber: „Natürlich werde ich auch die Kolping-Veranstaltungen besuchen.“ Schließlich gehört sie seit mehr als 25 Jahren zur Familie.

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