Tewodros Debebe, Doktorand und Mitglied der Studentengemeinde, Leipzig

Darm mit Charme? Wer in einer Suchmaschine das Wort „Darmmikroben“ eingibt, dem werden unzählige Bilder und mikroskopische Aufnahmen gezeigt. Die meisten Betrachter werden wohl nicht sofort an das Attribut „charmant“ denken – selbst wenn sie den Bestseller der Medizinerin Giulia Enders gelesen haben sollten. Auch der 29-Jährige Tewodros Debebe schreibt über medizinische Darmmikroben – konkret geht er der Frage nach, wie diese sich auf die Immunität auswirken. Doch ein großes Publikum hat der Äthiopier nicht im Blick: Debebe schreibt für den kleinen Kreis seiner Fachwelt. An der Universität Leipzig arbeitet er an seiner Doktorarbeit.

Nach einem Masterstudium in Äthiopien entschied sich Debebe, seine Forschungen in Europa fortzuführen. In Paris beschäftigte er sich mit dem Impfwesen, in Bonn lernte er fünf Monate lang Deutsch. Seit etwa drei Jahren lebt er nun in Leipzig. „Ich fühle mich sehr wohl“, sagt der Doktorand. Wenn er nicht in seinem Labor sitzt, sucht er die Nähe zur Katholischen Studentengemeinde – dort hat er eine geistige Heimat gefunden. Und wie viele andere engagierte Kommilitonen will er sich beim bevorstehenden Großevent einbringen – dem 100. Deutschen Katholikentag. Debebe spricht vom „katholischen Tag“ – es ist eine der wenigen sprachlichen Besonderheiten des Afrikaners, der ein fließendes Deutsch gelernt hat.

Die Katholische Studentengemeinde, das ist für den Äthiopier eine wichtige Anlaufstelle geworden. Denn von zu Hause ist der Äthiopier, der nicht nur jedes Wochenende, sondern gern auch werktags zur Messe geht, ein lebendiges kirchliches Umfeld gewöhnt. In Leipzig hingegen gehören gerade einmal 20 Prozent der Einwohner einer Religionsgemeinschaft an; auf dem Campus, im Umfeld Debebes spiele Religion keine Rolle, sagt er. „Ohne die Studentengemeinde wäre es schwierig für mich, meinen Glauben zu leben“, sagt er. Regelmäßig nimmt er an ihren Gottesdiensten und sonstigen Aktivitäten teil.

„Ohne die Studentengemeinde wäre es schwierig für mich, meinen Glauben zu leben.“

Zu diesen Aktivitäten gehört auch die Vorbereitung des Katholikentags. „Wir wollen Hilfen für die Besucher anbieten“, erzählt er; auch bei der Schlafplatzvermittlung für die Gäste ist die Gemeinde aktiv. Debebe, der noch nie bei einem solchen kirchlichen Großereignis dabei war, freut sich auf die vielen Besucher: „Ich erwarte fruchtbare Diskussionen und will auch andere Leute kennenlernen“, sagt er. Doch er macht sich keine Illusionen: „Wenn man in die Stadt geht, redet niemand darüber.“ Aber der Doktorand hofft auf einen Sinneswandel. Bei den vielen Veranstaltungen, interessanten Mitwirkenden und Themen könnten sich die Leipziger von der Begeisterung ein Stück weit anstecken lassen: „Vielleicht wird sich die Meinung der Leute ändern.“

Eines ist dem Afrikaner in vielen deutschen Städten aufgefallen: „Ich bemerke, dass man viele schöne Kirchen hier findet. Viele Touristen besuchen die Kirchen; das ist schön. Aber man sieht wenige, die auch beten. Das ist schade.“ Und vor allem seien die Kirchgänger hier im Durchschnitt sehr alt. „Bei uns ist die Kirche viel jünger. Ich glaube, dass die jungen Leute nicht nur das Land übernehmen werden, sondern auch die Kirche“, sagt Debebe. Seine 300.000-Einwohner-Heimatstadt Bahir Dar liegt auf fast 1.800 Metern Höhe. Dort, berichtet der Doktorand, dauern Messen meist zwei bis drei Stunden, in Deutschland selten länger als 60 Minuten. Die katholische Kirche empfindet er hierzulande als liberal; „es gibt viele Freiheiten“, sagt er. In seiner Heimat hätten die Priester größeres Ansehen, auch größeren Einfluss auf die Gesellschaft.

„Ich bemerke, dass man viele schöne Kirchen hier findet. Viele Touristen besuchen die Kirchen; das ist schön. Aber man sieht wenige, die auch beten. Das ist schade.“

Die Gesellschaft – das ist ein Stichwort, bei dem Debebe automatisch an Gruppen wie den Leipziger Pegida-Ableger Legida denken muss. „Es gibt hier fast jede Woche Demos“, sagt er, doch zugleich ergänzt er, dass ihm Fremdenfeindlichkeit persönlich noch nicht begegnet sei: „Bis jetzt habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Er hofft, dass es zu einer Lösung dieser gesellschaftlichen Konflikte kommen wird, dass die Gegner miteinander diskutieren werden. Das müsse eigentlich möglich sein in einem Land, in dem alles so gut organisiert sei. „In Deutschland werden die Dinge ordentlich geplant. Das mag ich sehr, auch den Fleiß der Menschen.“ Er habe, so versichert er dankbar, in diesem Land viel gelernt.

In acht Monaten will Tewodros Debebe seine Doktorarbeit abschließen. „Wenn alles wie geplant läuft, gehe ich danach wieder nach Hause“, sagt er. In Bahir Dar will er eine Stelle an der Universität antreten und in der Forschung arbeiten. Doch zunächst einmal freut er sich auf den „katholischen Tag“ im Mai, der ihm eine willkommene Abwechslung zum Schreibtisch sein wird.

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