Michael Brinkschröder, Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche

„Oh, das weiß ich jetzt gar nicht so genau“, antwortet Michael Brinkschröder auf die Frage, an wie vielen Katholikentagen er schon teilgenommen hat. Kurze Denkpause. Dann sagt er: „Es müssten sechs gewesen sein. Als Schüler war ich 1982 in Düsseldorf und 1984 in München dabei. Dann gab es eine lange Pause. Und dann war ich auf jeden Fall in Ulm, Regensburg, Osnabrück und Hamburg. Aber ehrlich gesagt weiß ich gar nicht mehr genau, was bei all den Veranstaltungen Katholikentage und was Kirchentage waren.“ Das liegt nicht etwa daran, dass Brinkschröder ein schlechtes Gedächtnis hätte – sondern daran, dass er als engagierter Delegierter der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) e.V. national wie international soviel unterwegs ist.

Der Theologe und Soziologe ist bei der HuK Projektmanager und darüber hinaus im Komitee der katholischen LSBT-Gruppen. LSBT steht für „Lesbisch – Schwul – Bisexuell – Transgender“. „Mit dem Katholikentag haben wir mittlerweile eine eingespielte Kooperation, die soweit geht, dass der Katholikentag uns klar ins Programm nimmt“, erzählt Brinkschröder. Aber es ist ihm wichtig, dass es daneben immer auch das eigenständige Zentrum Regenbogen für Lesben, Schwule und andere Identitäten gibt. „Für das Katholikentagsprogramm gibt es immer einen langen organisatorischen Vorlauf“, sagt er, „das ist für uns als ökumenische Gruppe manchmal schwierig, weil wir jedes Jahr ein Programm auf die Beine stellen.“ Im Regenbogen-Zentrum können die HuK und die anderen Träger dagegen stärker auf aktuelle Entwicklungen reagieren und die Akzente setzen, die ihnen wichtig sind.

„Unsere Themen sind oft noch zu wenig im Bewusstsein.“

Beim 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig sind es besonders drei Themen, die Brinkschröder pushen will: das Genderthema – die Frage nach Geschlechteridentität, -rollen und -gerechtigkeit –, Partnerschaftssegnung und Transsexuelle. „Das ist oft noch zu wenig im Bewusstsein“, findet Brinkschröder. „Betroffene werden erzählen: Wie lebe ich? Welche Reaktionen habe ich in der Kirche erfahren? Was hat das für meinen Glauben bedeutet?“ Beim Thema Transgender geht es zum Beispiel auch um ganz praktische Fragen: „Kann man  nachträglich den Namen im Taufregister ändern? “

Vor allem das Thema Partnerschaftssegnung ist aktuell und wichtig, betont der 49-Jährige. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) hatte im vergangenen Jahr unter anderem die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare gefordert – und wurde vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, dafür gerügt.

„Viele Priester praktizieren die Segnung – aber nach dem Motto: don’t ask, don’t tell“, sagt Michael Brinkschröder – frag nicht (offziell) und erzähl es nicht (weiter). Und so läuft es in der Praxis so, dass es bei Anfragen heißt, die entsprechende Kirche ist geschlossen – „und dann ist eine andere Kirche offen“, erzählt Brinkschröder, der sich – nach langem Ringen – mit Anfang 20 outete und dann auch bald in der Arbeitsgemeinschaft Schwule Theologie engagierte. Wie die Kirche mit der Partnerschaftssegnung für homosexuelle Menschen umgehe, sei keine moraltheologische, sondern eine pastorale Frage, befindet der Theologe – und dies müsse dringend geklärt werden.

logo-galc-copiaWar er enttäuscht, was mit Blick auf das Thema Homosexuelle und Kirche bei der Weltbischofssynode im vergangenen Jahr herausgekommen ist – oder eben nicht herausgekommen ist? Brinkschröder, der auch Mitglied der Steuerungsgruppe des noch jungen „Global Network of Rainbow Catholics“ ist, kennt zwar den Frust, aber er ist auch Realist. „Es hat sich erneut gezeigt, dass es zwischen den Ländern einen großen Dissens gibt. Es besteht ein Riesenkonflikt zwischen zwei unversöhnlichen Lagern. Die Bischöfe ringen darum – aber zumeist hinter den Kulissen.“

Froh sei er aber, dass Papst Franziskus das Thema auf die pastorale Ebene gehoben hat. „Das ist schon ein großer Schritt nach vorne.“ Denn hier geht es um die Würde des Menschen. Sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft geht es um Respekt und Gleichberechtigung. Das ist nicht nur eine soziale Frage, sondern auch eine politische, betont Brinkschröder. Und es ist eine Frage, mit der sich die weltkirchlich auf Einmütigkeit bedachte katholische Kirche wohl noch lange schwertun wird: „Die Bischofskonferenzen in Kamerun und Malawi etwa haben sich jüngst dafür ausgesprochen, die Gesetze, die Homosexualität unter Strafe stellen, beizubehalten“, berichtet Brinkschröder.

Wünscht er sich nicht eine Welt und eine Kirche, in der man endlich ohne Etiketten wie „schwul“, „lesbisch“, „heterosexuell“, „transgender“, „bi“ oder anderes auskommt? Der Mann mit der jungen Stimme lacht erst einmal, wie so oft in diesem Gespräch. Als Endvierziger ist man vor allem mit Blick auf die Institution Kirche Realist. Brinkschröders Antworten sind dann natürlich wieder ernst: „Als Soziologe bin ich es gewohnt, in sozialen Kategorien zu denken. Mir ist es wichtiger, dass die Kirche lernt, mit uns gescheit umzugehen, als die Hoffnung zu hegen, dass es uns bald nicht mehr geben wird.“

„Mir ist es wichtiger, dass die Kirche lernt, mit uns gescheit umzugehen, als die Hoffnung zu hegen, dass es uns bald nicht mehr geben wird.“

Hoffnung, dass sich etwas verändern wird, auch in der Weltkirche, habe er immer – aber Brinkschröder weiß eben um die Probleme in der weltkirchlichen Debatte. Kopfzerbrechen bereitet ihm im Moment vor allem „eine massive Kampagne zur ,Gender-Ideologie‘ aus der rechtskonservativen katholischen Ecke“.

Welche Impulse für „sein“ Thema erhofft sich Michael Brinkschröder vom Leipziger Katholikentag? „Ich glaube schon, dass der Katholikentag einige Impulse setzen kann“, sagt Michael Brinkschröder, „aber ehrlich gesagt: wodurch das gelingt, ist mir ein Rätsel. Man weiß auch nie, worauf die Medien anspringen.“ Für die HuK wünscht sich der Münchener künftig eine stärkere Zusammenarbeit mit den kirchlichen Verbänden. In Ansätzen gibt es das schon mit Jugendverbänden, aber auch hier sei noch mehr möglich. „Und ich wünsche mir mehr Kooperation mit den Frauenverbänden“, sagt Brinkschröder mit Blick auf die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) und den Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB). „Mit dem Thema Gender und Theologie müssen sie sich schließlich auch auseinandersetzen.“

Text und Bild sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.

0 Kommentare