Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen,Berlin

Mit Glaubenstreffen kennt die Bündnis 90/Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt sich aus: Seit vielen Jahren engagiert sie sich im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags und hat in dieser Position auch zahlreiche Katholikentage besucht. Ökumene ist für sie aber nicht nur deswegen eine Herzensangelegenheit. Im Interview spricht die Fraktionsvorsitzende außerdem über die Flüchtlingskrise – und die Ausladung der AfD durch den Katholikentag.

Frau Göring-Eckardt, der Katholikentag hat die AfD von seinen Podien und Diskussionen ausgeladen. Finden Sie das richtig?
Katrin Göring-Eckardt: Das ist ein starkes Zeichen, dass Hetzer keinen Platz auf dem Katholikentag haben. Zugleich macht der Katholikentag klar, dass ihm der gesellschaftliche Zusammenhalt am Herzen liegt. Da ist es sehr nachvollziehbar, dass er Personen auslädt, die die Gesellschaft eben nicht zusammenhalten, sondern ganz offensichtlich spalten wollen. Die AfD mutiert immer mehr zur rechtsnationalen Partei. Ihre Vorsitzende Frauke Petry will an den Grenzen auf Flüchtlinge schießen lassen. Außerdem versucht sie Christen und Muslime gegeneinaner auszuspielen. Alexander Gauland, ihr brandenburgischer Fraktionsvorsitzender, redet von Lügenpresse und lässt sich vom Sender „Russia Today“ interviewen, der als Putins Sprachrohr gilt.

Aber Sie selber diskutieren mit AfD-Politikern.
Katrin Göring-Eckardt: Ja, das tue ich in Talkshows. Ich sehe es als meine Aufgabe, in der politischen Auseinandersetzung die AfD zu stellen und ihren rassistischen und unchristlichen Kern offenzulegen, der sich hinter einer scheinbar bürgerlich-konservativen Fassade verbirgt.

Was unterscheidet den Katholikentag von einer Talkshow?
Katrin Göring-Eckardt: Der Katholikentag ist kein öffentlich-rechtliches Medium. Der Katholikentag ist frei, zu tun und zu lassen, was ihm richtig scheint. Seine Entscheidung zeugt von Selbstbewusstsein. Er zeigt Haltung und macht deutlich, dass Hetze, Rechtspopulismus und Rassismus nicht mit seinen Werten vereinbar sind und keinen Platz auf dem Katholikentag haben. Nach den Angriffen von  Frauke Petry gegen die Deutsche Bischofskonferenz bestätigt sich das noch einmal.

„Der Katholikentag zeigt Haltung und macht deutlich, dass Hetze, Rechtspopulismus und Rassismus nicht mit seinen Werten vereinbar sind.“

Barbara John, die langjährige Flüchtlingsbeauftragte des Berliner Senats, findet das falsch, und sie hat auch die Entscheidung kritisiert, das Licht auf die Dome in Erfurt und Köln auszuschalten, wenn Pegida auf den Plätzen davor demonstriert. Widersprechen Sie ihr?
Katrin Göring-Eckardt: Ich finde das klare Statement der Kirchen richtig und auch notwendig. Gerade wenn die Stimmung aufgeheizt wird, ist es gut, wenn wichtige gesellschaftliche Anker Haltung haben und diese auch offen zeigen. Damit geben sie Halt. Wenn vor dem Erfurter Dom gehetzt wird, dann sagt Bischof Neymeyr zu Recht: Dafür schafft die Kirche keine Kulisse, dann stehen sie im Dunklen. Das unterstütze ich. Kirche muss nicht neutral sein, Kirche muss Haltung zeigen. Das hat sie in Köln und Erfurt und an vielen anderen Stellen getan.

Gilt das Nein für Randparteien insgesamt? Sollten die Kirchen auch die Linke ausschließen?
Katrin Göring-Eckardt: Nein. Es geht nicht darum,  Parteien auszuschließen. Die Entscheidung bezieht sich auf die aktuelle Situation: Die AfD macht mit Flüchtlingen ein politisches Geschäft am rechten Rand der Gesellschaft und sie spaltet die Gesellschaft. Als Katholikentag dafür die Bühne zu verweigern, finde ich unterstützenswert.

Sie sitzen auch im Präsidium des Evangelischen Kirchentags. Wie geht der Kirchentag mit Parteien am rechten Rand um?
Katrin Göring-Eckardt: Beim Kirchentag entscheiden die Projektgruppen. Meines Wissens hat es dazu noch keine Grundsatzentscheidung gegeben. Aber etwa die Evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz hat beschlossen, dass AfD-Mitglieder nicht für die Gemeindekirchenräte kandidieren können. Auch das finde ich richtig.

Länder und Kommunen geben für Kirchen- und Katholikentage nicht mehr so selbstverständlich Zuschüsse wie früher. Landes- und Stadtparlamente debattieren darüber. Was bedeuten die kirchlichen Großveranstaltungen für die Gesellschaft?
Katrin Göring-Eckardt: Sie sind eine Zeitansage. Sie debattieren darüber, welche Situation wir in der Gesellschaft vorfinden und wie wir darauf reagieren. Es sind keine innerkirchlichen Debatten, sondern daran sind viele Menschen aus der Gesellschaft beteiligt. Das muss so bleiben. Für diese Treffen muss es öffentliche Unterstützung geben. Viele andere Projekte bekommen sie ja auch: Der Staat unterstützt Kulturprojekte, es gibt Filmförderung.

„Es sind keine innerkirchlichen Debatten, sondern daran sind viele Menschen aus der Gesellschaft beteiligt.“

Aber Kirchen- und Katholikentage sind auch Glaubenstreffen.
Katrin Göring-Eckardt: Das spricht nicht gegen eine Förderung. Denn das jeweilige Bistum oder die Kirchen beteiligen sich ja ebenfalls an der Finanzierung. Doch Kirchentage sind wohl die größten zivilgesellschaftlichen Veranstaltungen. Auch Katholikentage können beachtliche Zahlen vorweisen. Darauf können die Kirchen im Übrigen stolz sein.

Barbara John hat auch das Motto des Katholikentages „Seht, da ist der Mensch“ kritisiert. Sie sagte, die hochgestochene theologische Sprache mache das Gesagte unangreifbar. Es klinge so, als seien offene Grenzen von Gott gewollt. Stimmt das mit der Sprache?
Katrin Göring-Eckardt: Natürlich ist das ein theologischer Satz. Ich finde ihn im Übrigen gut verständlich und auch so, dass jede und jeder sich darin wieder findet, besonders dann, wenn die Angst zunimmt.

Sind offenKatrin Göring-Eckhardte Grenzen von Gott gewollt?
Katrin Göring-Eckardt: Ich tue mich schwer damit zu sagen, Gott habe dieses oder jenes gewollt. Aber wenn man die christliche Botschaft mit der Flüchtlingsfrage verbindet, dann verweist sie auf die Aussagen der Bibel, dass man mit Flüchtlingen barmherzig, zuvorkommend und freundlich umgehen soll. Ernst zu nehmen, dass jeder Mensch mit seinem Namen und seiner Biografie ein eigenes, ein wertvolles Wesen ist, mit einem eigenen Weg, mit eigenen Gedanken, mit eigenem Empfinden und seiner Seele, das ist das Eigentliche in einer Zeit, in der wir über Flüchtlingsströme und -wellen reden und Flüchtlinge zu einer Gruppe anonymisiert werden, die sie nicht sind. Auch insofern finde ich das Katholikentagsmotto absolut passend.

Kann man mit theologischen Argumenten Flüchtlingspolitik machen, so wie es die Kirchen tun?
Katrin Göring-Eckardt: Man kann das. Wir können zwar nicht mit der Bibel in der Hand sagen: So und nicht anders muss ein Gesetz lauten. Christinnen und Christen in unterschiedlichen Parteien legen die Bibel unterschiedlich aus. Aber wir können die Bibel deshalb nicht einfach beiseite legen. Wir Christinnen und Christen fragen uns zum Beispiel, welchen politischen Ausdruck in diesen schwierigen Tagen Nächstenliebe finden muss.

Die Kirchen haben zusammen mit Gewerkschaften, Arbeitgebern, Juden, Muslimen und dem Sportbund eine „Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt“ gegründet. Machen sie da nicht doch Politik mit der Bibel in der Hand?
Katrin Göring-Eckardt: Nein. Es ist richtig, dass sich Kirchen Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Gruppen zusammengetan haben. Denn da zeigt sich auch, dass sich nicht nur Kirchengemeinden für Flüchtlinge engagieren. Sie stehen vielmehr in einer gesellschaftlichen Solidarität. Darüber freue ich mich, und ich bin stolz darauf. Hier zeigen die Kirchen, was gesellschaftliche Relevanz bedeutet.

„In der Flüchtlingsfrage zeigen die Kirchen, was gesellschaftliche Relevanz bedeutet.“

Papst Franziskus und der russische Patriarch Kyrill haben sich bei ihrem Treffen am 12. Februar für verfolgte Christen in Syrien und im Irak eingesetzt. Sie selber haben gesagt, wir sollten uns für bedrängte Menschen einsetzen unabhängig von Religion und Kultur. Verengen die beiden das Thema?
Katrin Göring-Eckardt: Nein. Sie haben sich ja auch für Flüchtlinge insgesamt eingesetzt. Ich nehme es ernst, wenn Menschen verfolgt werden, weil sie Christen sind. Ich kritisiere nur, wenn Menschen sich vor allem für verfolgte Christen einsetzen und andere Verfolgte nicht wahrnehmen.

Die beiden haben auch anklingen lassen, dass sie fürchten, dass nach zweitausend Jahren eine ganze christliche Kultur verschwindet. Kann das auch ein politisches Thema sein?
Katrin Göring-Eckardt: Ja, natürlich. Es ist furchtbar, wenn in Syrien eine christliche Kultur mit unvorstellbarer Gewalt vernichtet zu werden droht. Ich bin allen dankbar, die sich politisch und gesellschaftlich einsetzen, dass die Gewalt eingedämmt wird und dass die Christen von dort eine Möglichkeit zur Rückkehr und zum Wiederaufbau in gesicherten Verhältnissen bekommen.

Müssen sich nicht Gläubige über Religionsgrenzen hinweg stärker gemeinsam gegen die Diskriminierung wenden?
Katrin Göring-Eckardt: Alle Menschen sollten sich gleichermaßen gegen Diskriminierung jeder Art wenden und sich für alle Verfolgten und Geflüchteten gleichermaßen einsetzen. Wir erleben derzeit bei uns ein ganz breites gesellschaftliches Engagement von so vielen Ehrenamtlichen. Dafür bin ich dankbar.

Stört es Sie nicht, dass das Engagement für Bedrängte oft etwas verspartet daherkommt? Muslime setzen sich für Muslime und Christen für Christen ein. Bräuchten wir nicht mehr Initiativen, die sich über Religionen und Kulturen hinweg zusammenschließen, um für Diskriminierte einzutreten?
Katrin Göring-Eckardt: Auf jeden Fall. Und wir erleben dies ja bereits. Etwa im House of One, einem gemeinsamen Projekt von Juden, Christen und Muslimen in Berlin. Sie wollen unterschiedliche Gotteshäuser unter einem Dach errichten, aber sehen, was sie im gemeinsamen Glauben an Gott gemeinsam tun können.

Das House of One vermischt die Religion, lautet eine Kritik. Teilen Sie sie?
Katrin Göring-Eckardt: Man kann auf die Gefahren sehen. Man kann aber auch auf die Stärken und Möglichkeiten schauen. Die Initiatoren haben klar gesagt, dass es ihnen nicht um Vermischung geht, sondern dass man einander begegnen kann.

Die „Welt“ hat über Sie berichtet, Sie könnten mit Evangelikalen nicht so viel anfangen, aber Sie seien fromm. Wie sind Sie fromm?
Katrin Göring-Eckardt: (lacht) Das ist eine lustige Frage. Ich bete morgens und abends, ich lese die Losung der Herrnhuter Brüdergemeine, und ich besinne mich auch tagsüber auf das, was mir als Christin wichtig ist. Und ich gehe in den Sonntagsgottesdienst. Das sind nun alles Äußerlichkeiten, Ich weiß zudem, dass die Geborgenheit in Gott mir gerade in schwierigsten Zeiten Sicherheit gibt.

„Ich glaube, dass uns in den Konfessionen viel mehr verbindet als uns trennt.“

Sie haben Papst Benedikt XVI. als „lieben Bruder Benedikt“ angeredet, als er 2013 in Erfurt mit der Spitze der evangelischen Kirche zusammenkam. Was bedeuten Katholiken für Sie?
Katrin Göring-Eckardt: Katholiken sind Schwestern und Brüder, auch der Papst. Der Anrede ging eine lange Diskussion voraus, ob ich ihn nicht als „Eure Heiligkeit“ anreden müsse. Aber ich bin überzeugte Protestantin – und damit eine Freundin der Katholiken, wenn ich auch so manches nicht teile, was die katholische Kirche denkt und tut. Aber ich glaube, dass uns in den Konfessionen viel mehr verbindet als uns trennt. Und dass wir einander kritisieren, wie es Freunde untereinander tun, das bringt uns gemeinsam vorwärts. Insofern bleibe ich bei den Schwestern und Brüdern im Herrn.

Hinweis: Dieses Interview ist bereits – leicht gekürzt – als exklusiver Vorabdruck bei Christ & Welt erschienen, den Glaubensseiten der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit.

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