Zsolt Balla, Rabbiner in Leipzig

„Wie stellen Sie sich einen orthodoxen Juden vor?“, fragt Zsolt Balla.
„Keine Ahnung.“
Er hebt die Augenbrauen, zögert, atmet schwer. „Vielleicht sind Sie ja eine Ausnahme“, sagt er dann. „Die meisten aber haben ein bestimmtes Bild. Und das ist falsch.“

Langer Bart, schwarzer Hut und Schläfenlocken: Das ist die Antwort, die Zsolt Balla, 37, meistens bekommt, sagt er. Der Rabbiner leitet die jüdische Gemeinde in Leipzig. Deren Synagoge liegt nah an der Innenstadt, zwischen Einkaufszentrum und Zoo. Unauffällig fügt sie sich eine Altbau-Reihe ein. Nur die Fenster sind andere – rund statt viereckig –, und der Eingang besteht aus einem Eisenverschlag. Zsolt Balla aber ist niemand, der sich verschanzt. Im Gegenteil. Er sucht den Kontakt, zu allen. Der Dialog zwischen den Religionen, aber auch mit Atheisten und Agnostikern, ist ihm ein Anliegen. Regelmäßig führt er Schulklassen durch die Synagoge. In VHS-Kursen teilt er sein Wissen über das Judentum. Und zu jüdischen Feiertagen wie dem Chanukka lädt er alle ein, die sich dafür interessieren. Für ihn ist das die Möglichkeit, diese eine Frage zu stellen – um dann zu zeigen, wie ein orthodoxer Rabbiner eben auch aussehen kann. So wie er: Anzugsjacke, rote Krawatte, schwarze Kippa.

Kippa und Rock’n’Roll

„Wir müssen wahre, echte Toleranz schaffen“, sagt Zsolt Balla.  Auch deshalb arbeitet der Rabbiner eng mit den christlichen Gemeinden in Leipzig zusammen. Beim Katholikentag wird es für ihn ebenfalls um interreligiösen Dialog gehen. Dort wird Zsolt Balla an verschiedenen Podiumsdiskussionen teilnehmen. „Es ist wichtig, zu sehen: Wir sind unterschiedlich, aber wir schätzen genau diese Unterschiede.“

rabbiner_07Seit 2010 lebt Zsolt Balla in Leipzig. Mehr als 1.300 Mitglieder zählt seine Gemeinde. Zwei Mal am Tag hält er einen Gottesdienst, morgens und nachmittags, hinter Eisentüren, nah am Innenstadtring. Er ist nicht irgendein Rabbiner: Seine Ordination war die erste nach 1938 in Deutschland. Das Besondere in ihm aber sehen viele nicht unbedingt in diesem Umstand. Wer seinen Namen googelt, findet einige Artikel über ihn: Darin ist die Rede vom Rabbiner, mit dem „modern gestutzten Bart“ und dem Smartphone in der Tasche. Dem Rabbiner, der in einer Rockband namens The Holy Smokes spielt. Es klingt manchmal wie die Geschichte von einem, der das ach-so-Unvereinbare zusammenbringt: Gebetsmantel und Smartphone; Kippa und Rock ’n’Roll.

„Ich konnte mir selbst lange nicht vorstellen, wie ein orthodoxer Jude ein normales Leben in dieser modernen Welt führen kann“, sagt Balla. Geboren und aufgewachsen ist er in Budapest, Ungarn, in einer „unreligiösen Familie“. Dennoch kam der neunjährige Zsolt mit den Geschichten der Bibel in Berührung und begann, sich für Religion zu interessieren. Das war der Zeitpunkt, als seine Mutter ihm erklärte, dass er jüdische Wurzeln hat. Seitdem geht Zsolt Balla in die Synagoge. Streng gläubig lebte er aber lange nicht. „Die orthodoxe Welt war mir damals verschlossen“, sagt er. Als Beispiel nennt er die religiöse Pflicht eines Juden, nur koschere Produkte zu essen. Das heißt etwa: Fleisch muss geschächtet sein. Und darf außerdem nur klar getrennt von Milchprodukten zubereitet und verspeist werden. In den meisten Ländern sind koschere Lebensmittel und Restaurants aber die Ausnahme. „Damals habe ich mich gefragt: Wie kann man ein normales Leben führen, wenn man nicht überall essen kann?“ Für Zsolt Balla erschien das unvereinbar mit dem Leben, das er damals geführt hat. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es für ihn wertvoll sein könnte, bestimmte Dinge aufzugeben.

„Die orthodoxe Welt war mir damals verschlossen.“

Das änderte sich erst 2002. Zsolt Balla hatte im Jahr zuvor sein Ingenieursstudium beendet. „Ich wollte ein bisschen Pause machen. Und etwas Zeit mit jüdischen Studien verbringen“, sagt er. Israel war aber keine Option für ihn. Seine Eltern hätten eine Reise dorthin nicht unterstützt, glaubt er. Deshalb entschied er sich für einen anderen Ort: Berlin. Ein Freund von ihm empfahl eine Talmud-Schule. Dort lernen die Schüler, mit den klassischen Texten des Judentums zu arbeiten, sie zu übersetzen und zu verstehen. Zsolt Balla reichte eine Woche, um zu beschließen, dass er den Rest seines Lebens anders verbringen wollte als bisher geplant. „Das war einfach eine wunderbare Sache zu sehen, dass offene, glückliche junge Männer sehr beschäftigt sind mit der klassischen traditionellen Quelle. Und dass sie gleichzeitig sehr weltoffen sind.“

Seitdem lebt Zsolt Balla ein „orthodoxes, gegenwärtiges Leben“, wie er sagt. E-Mails beantwortet er innerhalb weniger Minuten über sein Smartphone. Am Schabat allerdings kann er das nicht. Er muss es abschalten. Genauso darf er kein Auto fahren. Und auch keine Tram benutzen. „Denken Sie, das ist normal, dass man sein Handy für 25 Stunden abschaltet?“, fragt er.

Das Wort orthodox heißt „geradliniger Glaube“ in der Übersetzung. „Das heißt, wir glauben den gleichen Glauben wie unsere Vorfahren vor 1000 Jahren“, erklärt der Rabbiner. Das bedeute allerdings nicht, dass Orthodoxie etwas Archaisches sei. „Nein, das heißt: Ich lebe heute 2016, in einer modernen Demokratie und trotzdem erlebe ich meine religiösen Werte, genau wie die Menschen vor 1000 Jahren.“ Orthodoxer Jude zu sein, sei kein Widerspruch zum modernen Leben. Seine religiösen Pflichten und seine Pflicht als Bürger in einem demokratischen Deutschland könne er gleichzeitig wahrnehmen.

Seine Frau schiebt den Kinderwagen in die Synagoge. Sie geht einkaufen. „Brauchst du noch irgendetwas?“, fragt sie ihren Mann. Der schüttelt den Kopf, gähnt. Bis gestern waren er und seine Familie noch in Budapest, um seine Mutter zu besuchen. Die hat mittlerweile kein Problem mehr damit, dass der Sohn einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat – und nun religiös lebt. Nach Budapest zurückzukehren, kommt für Zsolt Balla allerdings nicht mehr in Frage: Seine Frau ist in Leipzig großgeworden und beide fühlen sich dort zuhause.

Echte Toleranz

Vor drei Jahren jedoch hatte der Rabbiner Angst. Angst, dass er seine religiösen Werte in Deutschland nicht mehr leben dürfe. Das Landgericht in Köln hatte die Beschneidung eines muslimischen Jungen als Straftat bewertet. Eine Debatte entstand um die Beschneidung, die Rabbiner Zsolt Balla als „religiöse Pflicht“ bezeichnet. Zum Glück, sagt er, habe der Bundestag damals ein Gesetz verabschiedet, dass die Beschneidung als legal betrachtet. Sein kleiner Sohn soll auch beschnitten werden. „Es hätte mich schockiert, wenn ein demokratisches, pluralistisches Land wie Deutschland die religiöse Freiheit eingeschränkt hätte.“ Gleichzeitig, das gibt er zu, bedeutet das aber auch: Seine Pflicht als gläubiger Jude hätte sich mit seiner Bürgerpflicht, das Gesetz zu befolgen, nicht vereinbaren lassen. „In letzter Konsequenz hätte ich wahrscheinlich Deutschland verlassen müssen“, sagt er.

Auch deshalb bleibt „die echte Toleranz“ für den Rabbiner ein wichtiges Projekt. „Es ist absolut okay, nicht dieselbe Meinung zu haben“, sagt Zsolt Balla, „Aber man darf ihn auch zu nichts zwingen – nur weil man selbst es für richtig hält.“

Hinweis: Text und Bilder dürfen nicht weiterverbreitet werden.
Fotos: © Christina Schmitt

0 Kommentare