Siegfried Fergin, Kioskverkäufer, Leipzig

„Ja klar“, antwortet Siegfried Fergin auf die Frage, ob er schon gehört hat, dass der Katholikentag 2016 in Leipzig stattfindet. Aber was das eigentlich ist, das weiß er nicht so genau. „Beim Papst gibt es doch auch immer so Treffen“, versucht sich der Leipziger an einem Vergleich. Oder damals, in der DDR, da gab es immer so Studententage. „So ähnlich stelle ich mir das vor.“ Für Fergin wird die Großveranstaltung vor allem eines bedeuten: mehr Arbeit. Seit drei Jahren arbeitet der 58-Jährige in einem Kiosk am Rande der Innenstadt. „Wir haben ja den ganzen Abend auf, da werden sicher viele Besucher zu uns kommen.“

Arbeit bis tief in die Nacht hinein ist Siegfried Fergin gewöhnt. Lange Jahre war er in der Gastronomie beschäftigt. In seinem Leben, das lässt der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und dem grauen Dreitagesbart durchblicken, ist nicht immer alles nach Plan gelaufen. Doch Fergin jammert nicht. Im Gegenteil: Er mag seinen Job. In unmittelbarer Nähe zur Uni und zu den Kneipen der Moritzbastei gelegen, wird der „Späti“, wie man in Leipzig liebevoll sagt, vor allem von Studenten frequentiert. Und weil die Uni immer mehr Ausländer anzieht, kommen seine Kunden aus aller Herren Länder. „Marokkaner, Afghanen, Südamerikaner – das finde ich richtig Klasse.“ Als hätte Fergin ihn bestellt, betritt in diesem Moment ein südländisch aussehender junger Mann den kleinen Laden. Auf Englisch weist er den Verkäufer darauf hin, dass das „Open“-Schild im Fenster nicht leuchtet. Fergin versteht nicht. Erst als der junge Mann ihn vor das Schild führt, begreift er. „Dankescheen“, sagt er in breitestem Sächsisch und legt den Schalter um. Der Student lacht.

Eine tolle Stadt

Vom Katholikentag erhofft sich Fergin vor allem gute Geschäfte. „Jede Großveranstaltung, die in Leipzig stattfindet, ist Promotion für die Stadt. Und Promotion bedeutet bares Geld“, fasst er seine Erwartungen kurz und bündig zusammen, während er, auf einer Leiter stehend, Chipstüten ins oberste Regalfach räumt. Zu einer Veranstaltung wird er wohl nicht gehen. Das überlässt er denen, die zu Glaube und Kirche auch wirklich eine Beziehung haben. Aber wenn jemand einen Tipp braucht, wo er den Abend ausklingen lassen kann, dann ist er bei Fergin bestimmt an der richtigen Adresse. Er liebt seine Heimatstadt und ist stolz darauf, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. „Es spricht sich halt herum, dass Leipzig eine tolle Stadt ist.“

Ob man jetzt noch ein Foto machen könnte? Plötzlich gibt sich Fergin ganz zugeknöpft. Nein, er sei wirklich nicht fotogen. Auch will er sein Foto nicht im Internet sehen. „Mich kennen zu viele Leute hier“, meint er. „Die werden sich sowieso wundern, dass ich zum Katholikentag interviewt wurde.“

Text und Bild sind lizenziert nach der Creative Commons Attribution CC BY-ND 4.0.

0 Kommentare