Melissa Jelen, Studentin aus München

Melissa Jelen wäre wirklich gerne zum Katholikentag gefahren. „Es gefällt mir, dass das Motto den Menschen in den Mittelpunkt rückt. Mit Blick auf die Flüchtlinge setzt die Kirche da ein wichtiges Signal.“ Dass sie nun doch nicht dabei sein wird, hat praktische Gründe. „Wir haben kein Auto. Und die lange Zugfahrt von München nach Leipzig mit drei kleinen Kindern – das tu‘ ich mir nicht an.“ Vor allem: Jelen müsste allein reisen. Ihr Lebensgefährte ist in Halle an der Saale in einer atheistischen Familie aufgewachsen. Glaube und Kirche sind ihm fremd. Zum Katholikentag zu fahren, das würde ihm nicht einfallen.

Über ihr Leben als gläubige Frau und Mutter an der Seite eines atheistischen Mannes hat Melissa Jelen im Juni 2015 auch bei einem Studientag in Berlin erzählt. Unter dem Motto „Hören! Was Familien sagen“ hatten die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken zehn Referentinnen und Referenten eingeladen, um mehr aus dem Alltag deutscher Familien zu erfahren. „Ich habe da sehr offen erzählt, wie es so bei uns abläuft“, erinnert sich die 25-Jährige.

Salomonische Lösungen

Religion und Glaube, das gibt die Münchnerin unumwunden zu, sorgen in ihrer Beziehung immer wieder für Konfliktstoff. „Als ich meinem Freund eröffnet habe, dass ich unseren Ältesten taufen lassen möchte, da hatten wir unseren ersten großen Streit.“ Er hat schließlich zugestimmt, „aber nur mir zuliebe“. Auch Weihnachten sorgt in der Familie schon mal für Diskussionen. „Für mich ist ganz klar, dass da das Christkind kommt. Aber damit kann er nichts anfangen. Für ihn kommt ebenso klar der Weihnachtsmann“, erzählt Jelen. Man hat sich schlussendlich auf eine salomonische Lösung geeinigt: „Zu uns kommen einfach beide, und zwar Hand in Hand.“

„Als ich meinem Freund eröffnet habe, dass ich unseren Ältesten taufen lassen möchte, da hatten wir unseren ersten großen Streit.“

Melissa Jelen ist in einer katholischen Familie aufgewachsen. Ihr Vater wollte sogar Franziskaner werden – aber da kam ihm die Liebe dazwischen. Taufe, Erstkommunion und Firmung, Ministrantendienst und Jugendarbeit in der Gemeinde, das alles war bei Jelens selbstverständlich. Mit der Kirchengemeinde war die damals 13-Jährige auch 2004 auf dem Ulmer Katholikentag. „Das war ein fröhliches Glaubensfest“, erinnert sie sich. Besonders eingeprägt hat sich ihr das Wise-Guys-Konzert. „Das fand ich damals ganz große Klasse.“

Auch wenn der Glaube in Jelens Leben eine zentrale Rolle spielt, möchte sie ihren Freund keinesfalls missionieren. „Dass er nicht an Gott glaubt, ist ein Teil seiner Persönlichkeit, die aus seiner Erziehung heraus erwachsen ist. Das achte und respektiere ich.“ Etwas schwerer tut sich damit naturgemäß der Nachwuchs. Der Älteste – voriges Jahr sechs geworden –  hat schon mal gefragt, warum denn Papa nicht an den lieben Gott glaubt. „Darauf eine Antwort zu finden, war nicht leicht für mich“, gesteht Jelen. Sie hat es dann ganz allgemein versucht, hat erklärt, dass das eine sehr persönliche Sache ist, die jeder Mensch für sich entscheiden muss. „Das hat ihm erst einmal genügt. Aber ich weiß, dass solche Fragen wiederkommen werden.“

Die Hochzeit ist vertagt

Unterstützung findet Melissa Jelen auch in der Kirchengemeinde. „Dass mein Freund sich bei kirchlichen Dingen heraushält, stört dort niemanden.“ Auch dass sie nicht verheiratet ist, hat nicht für Irritationen gesorgt. Das übrigens hängt auch mit den unvereinbaren Glaubensvorstellungen des Paares zusammen. Jelens Freund wollte auf keinen Fall in der Kirche heiraten, da hätte er sich zu sehr verbiegen müssen. Für sie wiederum war es unvorstellbar, im weißen Kleid im Standesamt zu erscheinen, wie das in Ostdeutschland gang und gäbe ist. „Also haben wir das Thema erst einmal ganz weit weggeschoben.“

Trotz dieser Konflikte und Diskussionen lässt die Münchnerin nichts auf ihren Lebensgefährten kommen. Dass sie es trotz dreier Kinder geschafft hat, in der Regelstudienzeit ihr Sozialarbeit-Studium abzuschließen – die Bachelorarbeit steht kurz vor der Vollendung –, verdankt Jelen nicht zuletzt ihrem Freund. Zweimal hat der Fachverkäufer Elternzeit genommen, damit sie sich auf ihr Studium konzentrieren konnte. Auch die Großeltern haben in Prüfungsphasen Babysitter-Jobs übernommen. „Ohne diese Unterstützung ich den Spagat nicht geschafft“, betont Jelen. Und noch etwas: „Beim zweiten und dritten Kind gab es keine Diskussion mehr, was das Thema Taufe angeht. Mein Freund wusste ja schon, wie wichtig mir das ist.“

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2 Kommentare

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  1. D.Hauger

    Hochachtung!

  2. Daniel E.

    Der älteste Sohn hätte ja ruhig mal den Papa fragen können, warum dieser nicht an Gott glaubt. Der hätte ihm das ganz bestimmt besser erklärt. Finde ich nicht gut, ihn nicht miteinzubeziehen.

    Im Übrigen wäre eine Hochzeit ohne Kirche kein Beinbruch. Mit einem Hochzeits-Redner (kann auch ein Pfarrer sein), der den Glauben nicht allzu sehr in den Vordergrund rückt, ihn aber auch nicht weglässt, wären sicherlich beide zufrieden. Es muss ja auch nicht zwingend auf dem Standesamt sein. Es gibt auch andere nette kleine Locations, im Sommer sogar im Freien. Als Atheist könnte ich mir das jedenfalls vorstellen – Kirche wäre aber aber auch bei mir ein No-Go.