Bernd Merbitz, Polizeipräsident von Leipzig

Ein normaler Arbeitstag: Bernd Merbitz kommt um 8 Uhr in die Dienststelle vis-a-vis der neuen Leipziger Propsteikirche, schnappt sich einen Kaffee und die Zeitungen. Der schnelle Check, was die Welt und Sachsen bewegt, gehört für den Polizeipräsidenten zur Vorbereitung auf die erste Morgenbesprechung mit seinen Kollegen. „Und dann fängt der Tag richtig an – mit allen Problemen, die man sich vorstellen kann“, sagt Merbitz und beginnt die Aufzählung: die Dienststelle selbst Betreffendes, Organisatorisches, Menschliches, Gespräche mit der Stadt, dem Ordnungsamt, Vorbereitung von Einsätzen, Ausbildung und Training, Auftritte bei öffentlichen Veranstaltungen – aktuell häufig zum Thema Asyl.

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Bernd Merbitz hat bei seiner Arbeit die neue Propsteikirche im Blick.

„Ich werde immer gefragt, was tut denn die Polizei zum Schutz der Bevölkerung gegen Asylbewerber und Flüchtlinge – da ist dann schon mal direkt die Frage völlig falsch gestellt“, so Merbitz. „Das Problem ist eine fremdenfeindliche Stimmung in der Gesellschaft, die wir hier in Leipzig noch mal besonders durch die Legida-Demonstrationen spüren. Wenn wir über Leute reden, die Flüchtlinge sind, aus Kriegsgebieten kommen und um Asyl bei uns bitten – das darf nicht sein, dass wir die dann mit so einem Fremdenhass überziehen und ihnen alles Böse unterstellen.“ Wenn Pegida oder Legida für die „Rettung des Abendlandes“ protestieren, schüttelt Merbitz den Kopf: „Da wird nur Hass geschürt, da geht es doch überhaupt nicht um Religionen.“

Der 59-Jährige ist ein unermüdlicher Mahner für Menschlichkeit: „Ich rede da manchmal in Veranstaltungen wie gegen eine Pogromstimmung an.“ Seit 25 Jahren verfolgt Merbitz die Entwicklung des Rechtsextremismus und setzt sich aktiv gegen Fremdenfeindlichkeit ein. 2009 zeichnete ihn der Zentralrat der Juden für sein Engagement mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage aus. In den vergangenen Monaten beobachtet Merbitz, der auch das Operative Abwehrzentrum gegen Extremismus in Sachsen leitet, die Entwicklungen mit zunehmender Sorge: „In der Tat gibt es Probleme mit der Aufnahme und Integration, aber wir müssen uns eins immer vor Augen halten: Wir müssen Lösungen schaffen, wir müssen nicht nur über Integration reden, sondern wir müssen es tun.“

Merbitz‘ Engagement für Flüchtlinge

Merbitz kennt auch viele Menschen, die das tun und die sich um Flüchtlinge kümmern. Mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern betreut er selbst eine syrische Flüchtlingsfamilie: „Die haben erst in einer Turnhalle gewohnt, das war sehr bedrückend. Jetzt haben sie eine eigene Wohnung, aber es fehlt teilweise am Nötigsten. Da versteht es sich doch von selbst, dass man ihnen was abgibt und hilft. Das Prinzip der Menschlichkeit betrifft, glaube ich, jeden.“ Die Gespräche mit der Flüchtlingsfamilie machen ihn oft sehr betroffen, erzählt der Polizeipräsident: „Die Stadt, wo sie herkommen, existiert überhaupt nicht mehr. Die Mutter starb im Krieg. Diese Menschen haben keine großen Ansprüche – sie sind einfach nur froh, dass sie hier Schutz finden.“

Der Polizeipräsident ahnt bereits, dass vielleicht der ein oder andere tuscheln wird, wenn die Flüchtlingsfamilie zu Merbitz nach Hause kommt. „Wenn jemand fragt, ob wir jetzt Asylbewerber aufnehmen, sage ich: Ja, und es werden auch noch mehr“, erzählt Merbitz. „Das ist für mich so spannend, vor allem auch der Umwelt zu zeigen, dass man dazu steht – bei allen Problemen, die es gibt und über die man auch reden und die man ernstnehmen muss.“  Es seien wahnsinnige Herausforderungen. „Ich weiß nicht, ob verschärfte Gesetze tatsächlich eine Problemlösung sind“, sagt Merbitz nachdenklich.

„Ich weiß nicht, ob verschärfte Gesetze tatsächlich eine Problemlösung sind.“

 

merbitz_04Dinge genau bedenken, sich entscheiden und dann dafür einstehen – das zeichnet Merbitz aus. So fand er auch zum Glauben. Dabei war die Sache mit Bernd Merbitz und Gott alles andere als eine gerade Linie. Seine Eltern ließen ihn zwar in der evangelischen Kirche taufen, erzogen ihren Sohn aber komplett atheistisch. Religion kam nicht vor. Und so machte es Merbitz auch nichts aus, dass er aus der Kirche austreten musste, um Polizist in der DDR werden zu können.

Nachdenklich machten Merbitz erst 1987 die Worte seines Vaters auf dem Sterbebett: „Junge, in unserem Staat läuft nicht alles so, wie ich es dir gesagt habe.“ Der Sohn blickte fortan mit kritischerem Blick auf das System und hatte schon den Entpflichtungsantrag geschrieben, als die DDR zusammenbrach. Nach gründlicher Durchleuchtung seiner politischen Vergangenheit konnte Merbitz 1991 die Leitung des Staatsschutzes im neu gegründeten Freistaat Sachsen übernehmen.

Der Weg zu Gott

Auch über Gott dachte Merbitz nach. Seine zweite Ehefrau ermutigte ihn schließlich, sie in den katholischen Gottesdienst zu begleiten. Es tat ihm gut. Er kam öfter. Dachte über Verbindungen zu seinem Beruf nach: Was sind unsere menschlichen Werte? Kann auch ich meinen Feinden vergeben? Was bedeutet Barmherzigkeit für mich?

Am Pfingstfest 2012 wurde Merbitz schließlich gefirmt und ging zur Erstkommunion. Es war die Zeit der kirchlichen Missbrauchsskandale und damals wenig populär katholisch zu werden. „Aber das hat mir nichts ausgemacht, ich habe mir gedacht: Gerade jetzt braucht die Kirche mehr starke Leute“, sagt Merbitz. Und der Mann mit der Statur eines Bären schaut sein Gegenüber mit festem, herausforderndem Blick an.

Beim 100. Katholikentag in Leipzig ist Merbitz als Polizeipräsident für die Sicherheit des fünftägigen Großevents verantwortlich. „Unter den gegenwärtigen Umständen mit Legida ist das natürlich eine besondere Herausforderung“, sagt er. „Wir sind von Anfang an mit den Veranstaltern darüber im Gespräch und bereiten uns auf vieles vor.“ Auch die in der Messestadt recht aktive Salafistenszene hat die Polizei bei diesem Christenevent natürlich besonders im Blick. Doch für Merbitz ist klar:

„Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es ein überragender Katholikentag wird – und es wird ein friedlicher Katholikentag! Wir haben’s im Griff.“

Natürlich werde es unter Umständen auch Menschen geben, die den Katholikentag für ihre politischen Meinungsäußerungen ausnutzen wollen. „Seine Meinung zu sagen, ist legitim. Aber Störungen werden wir keine zulassen“, markiert der Polizeipräsident die rote Linie. Hat eigentlich jemand, der ganz rational alle Sicherheitsvorkehrungen treffen muss, noch Platz für Gottvertrauen? „Auf jeden Fall, denn der Glaube an Gott und das Beten gibt mir wahnsinnig Kraft, auch mit kritischen Situationen anders anzugehen.“

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Insgesamt sieht der Polizeipräsident dem Großereignis mit freudiger Erwartung entgegen: „Von Leipzig aus wird eine Botschaft in die Welt gehen.“ Was er sich denn wünsche, was diese Botschaft sein soll? Merbitz überlegt kurz und sagt dann: „Ich sag’s ganz schlicht und einfach: Für mehr Menschlichkeit, mehr Miteinander und mehr Verständnis – alles andere kann man davon ableiten.“

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